Zeitfenster beim Schlaganfall dank Thrombektomie erhöht

Ärzte können jetzt mehr Schlaganfall-Patienten vor schweren Folgeschäden bewahren

Das Wichtigste direkt vorweg: Beim Schlaganfall zählt noch immer jede Minute. Nur wenn Patienten so schnell wie möglich in eine Klinik eingeliefert werden, kann die optimale Behandlung beginnen. Zögern Sie nicht, wenn Sie erste Symptome wahrnehmen. Rufen Sie den Krankenwagen! Jeder Arzt wird Ihnen bestätigen: „Lieber einmal zu viel in der Klinik abgecheckt als einmal zu spät!“

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Beim Schlaganfall zählt buchstäblich jede Minute. Nehmen Sie daher typische Schlaganfall-Symptome wie Sehstörungen, Sprachstörungen, Taubheitsgefühle oder Lähmungen ernst. Innerhalb der ersten vier Stunden kann das Blutgerinnsel im Gehirn medikamentös aufgelöst werden. Bis zu sechs Stunden ist eine Thrombektomie möglich. Darauf waren bislang die Leitlinien ausgelegt. Eine neue Studie zeigt, dass Patienten bis zu 16 Stunden nach dem Schlaganfall noch von der Katheter-Behandlung profitieren können.

 

Bislang galt bei der Behandlung mit der sogenannten „6-Stunden-Regel“ ein sehr enges Zeitlimit. Innerhalb von sechs Stunden nach einem Schlaganfall konnte das gefährliche Gerinnsel im Gehirn entfernt werden. Doch eine neue Studie zeigt nun: Auch ein späterer Eingriff wirkt sich positiv auf die Heilungschancen aus. Damit verlängert sich das kritische Zeitfenster in bestimmten Fällen auf bis zu 16 Stunden. Mehr Patienten können so vom Fortschritt bei der Schlaganfall-Behandlung profitieren.

 

Was ist ein Schlaganfall?

Zwei sehr unterschiedliche Ereignisse können zur Diagnose „Schlaganfall“ führen. Zum einen kann im Gehirn ein Gefäß platzen. Die Folge ist: Blut tritt ins Gehirngewebe ein und kann den Druck auf die umliegenden Regionen erhöhen. Außerdem wird die Durchblutung der nachfolgenden Areale nicht mehr gewährleistet. Im zweiten Fall ist im Gehirn ein Gefäß verstopft – ganz ähnlich wie beim Herzinfarkt. Auch hier wird Gehirngewebe nicht mehr optimal mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und droht abzusterben. Das Blutgerinnsel im Gehirn können Ärzte jedoch per Thrombolyse in den ersten Stunden medikamentös auflösen oder per Katheter vorsichtig entfernen.

Nicht immer erreichen Schlaganfall-Patienten rechtzeitig die Klinik. Viele kommen zu spät. Gründe dafür gibt es viele. Manche nehmen Symptome wie Sehstörungen oder Taubheitsgefühle nicht ernst. Bei anderen ereignet sich der Schlaganfall im Schlaf. Diese Patienten gehen abends gesund zu Bett und wachen morgens mit Sprachstörungen, Gleichgewichtsproblemen oder Lähmungen auf. Bisher war es dann oftmals schon zu spät für den Behandlungsansatz, das das Gefäß im Gehirn verstopfende Blutgerinnsel zu entfernen.

 

Spätere Schlaganfall-Behandlung für die Patienten ein Gewinn

Doch nun berichten Wissenschaftler von der Stanford University (Kalifornien/USA) im New England Journal of Medicine, dass Patienten auch von einer deutlich späteren Behandlung noch enorm profitieren können. Damit verlängert sich das zur Verfügung stehende Zeitfenster auf bis zu 16 Stunden. In dieser Zeit können die Ärzte eine sogenannte Thrombektomie durchführen. Ähnlich wie bei der Herzkatheter-Untersuchung nach einem Herzinfarkt, wird dem Patienten hierbei ein Katheter über die Leiste in die große Körperschlagader eingeführt. Der Arzt arbeitet sich vorsichtig bis zum Gefäßverschluss im Gehirn vor und zieht das Blutgerinnsel heraus. Damit ist der Blutfluss wieder hergestellt.

Leider kommt nicht jeder Schlaganfall-Patient für diese Therapie infrage. Es gelten für die Behandlung konkrete Bedingungen: Die Blutungsgefahr darf nicht zu groß sein. Der Schlaganfall muss günstig liegen, indem er von viel Gewebe umgehen ist, dass ein hohes Regenerationspotential hat. Diese Diagnose lässt sich nur durch moderne bildgebende Verfahren stellen. Bei der Computer- oder Kernspintomografie wird daher auch die Durchblutung gemessen.

Bei Patienten, die so operiert werden dürfen, steigen die Heilungschancen deutlich. Die unterversorgten Nervenzellen können auch noch viele Stunden nach dem Schlaganfall gerettet werden.

 

Heilungschancen steigt, Mortalitätsrate sinkt

Die jetzt vorgelegte Studie untersuchte die Daten von 182 Patienten. Sie alle erfüllten die erforderlichen Kriterien. Die Behandlung erfolgte an 38 US-amerikanischen Kliniken. Die Patienten wurden per Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeordnet: Bei Gruppe 1 wurde das Blutgerinnsel in der Zeitspanne von sechs bis 16 Stunden nach dem Schlaganfall per Katheder entfernt. Die Probanden erhielten darüber hinaus zusätzlich die medikamentöse Standardtherapie. Bei Gruppe 2 erfolgte ausschließlich die Behandlung mit Medikamenten. Diese unterdrückt lediglich die Entstehung weiterer Gerinnsel. Sie löst das Blutgerinnsel jedoch nicht mehr auf. Diese Maßnahme wird nur innerhalb der ersten viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall empfohlen.

Die deutlichen Ergebnisse der Studie überraschten selbst Experten: Drei Monate nach der Behandlung hatten die Probanden aus Gruppe 1 deutlich weniger schwere Folgeschäden als die Teilnehmer der Gruppe 2. In Gruppe 1 verstarben auch weniger Probanden. Die Forscher waren aufgrund der Eindeutigkeit der Ergebnisse sogar gezwungen, die Studie vorzeitig abzubrechen, um den Patienten nicht die besseren Heilungschancen vorzuenthalten.

 

Veränderungen der Leitlinien zur Schlaganfall-Behandlung

Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft ist optimistisch, dass die Studie auf die Arbeitsweise in den spezialisierten Schlaganfallzentren Einfluss nehmen wird. Mehr Menschen wird mit dem Kathetereingriff geholfen werden können. Während mittels Herzkatheteruntersuchung beim Herzinfarkt schon lange verschlossene Blutgefäße geöffnet werden, war die Thrombektomie beim Schlaganfall bislang noch keine Standardbehandlung, sondern eher die Ausnahme. Das dürfte sich nun ändern.

Auch in Deutschland gab es bereits in ausgewählten Fällen späte Eingriffe. In Heidelberg wurden 2016 und 2017 44 Schlaganfall-Patienten auch noch nach mehr als sechs Stunden nach dem Schlaganfall so behandelt. Die deutsche Leitlinie zur Akuttherapie ist daraufhin aktualisiert worden und hält bereits fest, dass es Ausnahmen von der 6-Stunden-Regel geben kann.

 

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