Was lernen Kinder beim Gärtnern?

Gartenarbeit fasziniert und fördert kleine Entdecker auf vielfältige Weise

Früher spielte sich die Kindheit überwiegend draußen ab: Die Kids waren in Wäldern und Dickichten unterwegs, rannten über Wiesen und Felder oder halfen in Bauern- und Hausgärten mit. So machten bereits Kleinkinder wichtige Naturerfahrungen und erwarben ganz spielerisch Kenntnisse in der Tier- und Pflanzenkunde aber auch in Physik, Technik, Chemie und Meteorologie. Sie sahen in der Landwirtschaft und im Gartenbau zu, kannten die Abfolge der Jahreszeiten und wussten, woher die Lebensmittel stammten.

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Die Kindheit der Eltern und Großeltern ist mit der heutigen Kindheit im urbanen Raum kaum noch vergleichbar. Früher spielte sich viel an der frischen Luft ab. Heute sitzen die Kinder oftmals in geschlossenen Räumen. Statt mit Altersgenossen zu toben, wird häufig alleine vor dem Fernseher oder der Spielekonsole gesessen. Ein gemeinsamer „Familiengarten“ mit Kinderbeeten und Naschhecke kann hierzu eine sinnvolle Alternative sein, denn Gartenarbeit fördert und fordert Kinder auf vielfältige Weise. Was Kinder bei der Gartenarbeit alles lernen können, versucht dieser Artikel zusammenzufassen.

 

Der Aufenthalt an der frischen Luft sorgte nicht nur für körperliches „Auspowern“, sondern schulte nebenbei grob- und feinmotorische Fähigkeiten und stärkte das Immunsystem. Die meisten Aktivitäten wurden mit Altersgenossen und Spielkameraden unternommen, sodass sich soziale Kompetenzen ebenfalls ganz automatisch entwickelten.

 

Urbane Kindheit: Naturerlebnisse fehlen

Heute leben viele Kinder nicht mehr auf dem Land, sondern in Städten. Die Kindheit hat sich verändert. Den größten Teil des Tages halten sich Kinder drinnen auf: Sei es im Kindergarten, in der Schule oder in der elterlichen Wohnung. Die Freizeit wird immer öfters vor dem Fernseher oder der Spielekonsole verbracht, anstatt auf dem Bolzplatz zu toben. Hinzu kommt, dass Eltern ihre Kinder nur noch ungern unbeaufsichtigt und damit frei spielen lassen – aus Angst vor Unfällen und Missbrauch. Durch die urbane Lebensweise jedoch geht immer stärker der Bezug zur Natur verloren. Die Kleinsten denken, eine Kuh ist lila und Schokolade wächst an Bäumen. Selbst wenn Eltern zuhause, Lehrer in der Schule und Erzieher im Kindergarten versuchen, dem entgegenzuwirken, sind die Möglichkeiten der Selbsterfahrungen doch begrenzt: Sehen, beobachten und begreifen sind nicht immer möglich: Wie wächst Getreide? Was frisst ein Schwein? Und wie kommt die Milch aus der Kuh und wird zur Butter? Welche Arbeitsschritte sind nötig, damit aus einem Samenkorn eine leckere Möhre wird?

 

Im Garten wird graue Theorie zum praktischen Wissen

Ein Garten bietet die Möglichkeit, all diese Erfahrungen zu machen. Die Kinder können mit den Händen in der Erde buddeln, durchs Herbstlaub toben und ganz leise eine Spatzenmama beim Füttern des Nachwuchses beobachten. Und das Schöne dabei ist: Eltern und Kinder können gemeinsam schöne Stunden an der frischen Luft verbringen und so den geschlossenen Räumen entfliehen. Ein Garten für Kinder bietet nicht nur Betätigung in der Natur, sondern auch Unterhaltung und Förderung auf geistiger und körperlicher Ebene. Kinder sind einfach die geborenen Entdecker und der Garten ist die perfekte „Entdeckerzone“. Kinder lernen schnell, indem sie die Welt sinnlich begreifen. Der Garten und die Gartenarbeit bieten Raum zum Spielen und Lernen und damit beste Bedingungen fürs Fordern und Fördern.

 

Schulung der Sinne – Lernen beim Gärtnern

Gartenarbeit schult gezielt die Wahrnehmung der Sinne, denn es werden alle Sinne angesprochen.

  • Riechen (Geruchssinn):
    • Nach was riechen Pfefferminze, Thymian und Zitronenmelisse?
    • Duften etwa alle Blumen gleich?
    • Wie riecht eine frisch gemähte Wiese?
  • Fühlen (Tastsinn):
    • Wie fühlt sich nasse Erde oder ein Regenwurm an?
    • Wie kribbelt Gras an nackten Fußsohlen?
    • Vorsicht: Stacheln von Rosen und Brombeeren können pieksen!
  • Sehen (Sehsinn):
    • Sind alle Rosen rot?
    • Nicht nur im Herbst: Welche Blattfarben können die Kinder unterscheiden?
    • Gibt es buntes Gemüse?
  • Hören (Hörsinn):
    • Welcher Vogel zwitschert da?
    • Was raschelt dort im Gras?
    • Wie rauscht der Wind in den Bäumen?
  • Schmecken (Geschmackssinn):
    • Schmeckt jede Apfelsorte gleich?
    • Kannst Du mit verbundenen Augen Himbeeren und Brombeeren geschmacklich unterscheiden?
    • Ist Schnittlauch immer scharf?

Im Garten können Kinder die Natur wirklich hautnah erleben und so eine Vielzahl von sinnlichen und körperlichen Erfahrungen sammeln. Das Beobachten des Kreislaufs der Natur lädt zu eigenen Experimenten ein z. B. wie aus einem kleinen Kürbiskern ein stattlicher Kürbis wird, aus dem sich nicht nur eine leckere Kürbissuppe kochen, sondern für Halloween auch eine Kürbislaterne schnitzen lässt. Der Garten ist eine gute Vorbereitung aufs Leben, denn er fördert sowohl die Neugier als auch die Fähigkeit, sich ein Leben lang neues Wissen anzueignen.

 

 

Lebenslanges Lernen – Lernen beim Gärtnern

Kinder hinterfragen gerne Dinge. Typische Kinderfragen sind beispielsweise Was brauchen Blumen, um zu wachsen? Wie trinken Pflanzen? Wie bauen Vögel ihr Nest? Wie leben Regenwürmer? Warum fallen im Herbst die Blätter?

Im Garten lässt sich das Wachsen, Reifen und Vergehen über den Verlauf des Jahres hinweg ganz praktisch beobachten. Es ist für die Kinder viel greifbarer und direkter erlebbar, als es sich in Büchern lediglich anzuschauen. Bei der Gartenarbeit finden Kinder von ganz alleine Antworten auf ihre Fragen. Hier kann einer Biene oder Hummel direkt bei der Arbeit zugesehen und beobachtet werden, wie der Blütenpollen von einer Blüte zur nächsten gelangt, dass sich bei befruchteten Blüten zunächst Fruchtstände bilden und dann Samen und Früchte entwickeln.

Der Garten bietet die Möglichkeit für kontinuierliches Lernen: Hier lassen sich Spinnen, Marienkäfer und Ameisen aus der Nähe beobachten. Mit Hilfe einer Lupe wird diese sonst verborgene Welt sichtbar. Buchstäblich sichtbar werden auch kleine Erfolgserlebnisse: Wenn aus einer kleinen Pflanze dank richtiger Pflege etwas Großes wird – eine Sonnenblume zum Beispiel oder ganz viele Tomaten.

 

Verantwortung übernehmen – Lernen beim Gärtnern

Das Kinderbeet ist der Ort im Garten, wo sich Kinder nach Herzenslust austoben können. Hier sind sie die „Bestimmer“. Sie dürfen tun und lassen, was sie wollen: Sie dürfen die Pflanzen für das Kinderbeet aussuchen, sie selbst pflanzen und gießen und am Ende natürlich auch ernten. Die Pflege des eigenen Beetes fördert die Konzentration und Ausdauer und der gärtnerische Erfolg beflügelt das Selbstbewusstsein.

Es wird nicht immer alles gelingen. Gärtnern ist schließlich auch eine Herausforderung: Mal ist das Wetter zu regnerisch und zu kalt, mal fallen die Schnecken über den Salat her und mal vernichtet ein plötzlicher Hagelschauer bei einem Sommergewitter die komplette Ernte. Doch auch das gehört zum Leben dazu und kann im Garten gelernt werden: Der Umgang mit kleinen und großen Misserfolgen und wie man trotzdem weitermacht.

 

Gärtnern fördert der Motorik – Lernen beim Gärtnern

Aussäen und Pikieren fördern die Feinmotorik, denn es ist gar nicht so leicht, ein Samenkorn oder ein winziges Pflänzchen im richtigen Abstand in die Erde zu bekommen. Doch nicht nur die Feinmotorik ist bei der Gartenarbeit gefragt. Ein Garten bietet jede Menge Bewegungsmöglichkeiten. So gehören neben dem Gartenhaus in den Garten auch eine Schaukel und ein Sandkasten. Wenn Papa oder Opa lieb ist, baut er außerdem eine Turnstange oder ein Trampolin auf. Außerdem gibt es in fast jedem Garten mindestens einen Obstbaum und damit eine prima Klettermöglichkeit. Und auf dem Rasen lässt es sich auch prima Fußball und Federball spielen.

 

Ein Garten fördert die Kreativität – Lernen beim Gärtnern

Im Garten darf es auch einmal so richtig schmutzig zugehen – von der Haarwurzel bis zu den Zehenspitzen. Da entstehen in den Erdgruben Wälle und Wassergräben. Im Sandkasten werden die Matschburgen hochgekleckert. Für zukünftige Architekten und Ingenieure kann es gar keine bessere Schulung für das Vorstellungsvermögen geben. Für viele Stadtkinder ist dies eine willkommene Abwechslung zum sauberen Stadtleben und eh spannender als jede Fernsehserie.

Viele Dinge, die man so im Garten sammeln und finden kann, sind perfektes Bastelmaterial und fördern so ganz nebenbei die Kreativität: Aus bunten Blumen lässt sich beispielsweise eine Blumenkette oder ein Mandala zaubern. Aus Tannenzapfen und gefundenen Federn werden Tiere bzw. aus Kastanien und dünnen Zweigen die berühmten Kastanienmännchen. Blüten und Blätter lassen sich sammeln, pressen und später zu Bildern, Karten und Anhängern zusammenstellen. Aus zurechtgesägten größeren Ästen entsteht ein Vogelhäuschen oder auch ein Insektenhotel.

 

Fazit: Was Kindern beim Gärtnern lernen können

Kinder können beim Gärtnern 1001 Dinge und Fähigkeiten lernen. Daher gehört ein Kinderbeet eigentlich in jeden Garten. Doch auch Schulen und Kindergärten sollten das Potential der Gartenarbeit für die Förderung nutzen und zumindest Projekttage rund um die Gartenarbeit in Angriff nehmen, wenn kein Platz für einen Schulgarten oder einen Kindergarten-Garten zur Verfügung steht. Doch eigentlich lässt sich selbst das kleinste Fleckchen Erde dank der „Vertical Gardens“ und des „Urban Gardenings“ nutzen. So können Gemüse wie Salat, Radieschen oder Kohlrabi, Kräuter wie Petersilie, Schnittlauch und Dill oder Obst wie Erdbeeren und Cranberries durchaus im Balkonkasten oder Kübel auf der Terrasse im Erdgeschoss oder dem Balkon im sechsten Stock wachsen. Auch der Gartenkresse-Topf auf der Fensterbank in der Küche ist ein erster Schritt, um Kinder an das Gärtnern heranzuführen.