Verändertes Sättigungsgefühl bei Übergewicht

Langsamer satt: Warum übergewichtige Menschen mehr essen

Starkes Übergewicht geht mit Veränderungen beim Sättigungsgefühl einher. Die Betroffenen sind später satt, weil weniger Sättigungshormone ausgeschüttet werden.

© Pezibear / pixabay.com

Übergewicht, lateinisch Adipositas, ist auf dem besten Wege, sich zur Volkskrankheit zu entwickeln – mit allen ihren unschönen Begleiterscheinungen wie einem gestiegenen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Warum es adipösen Menschen schwer fällt abzunehmen, fanden Wissenschaftler der Uni Basel heraus. Bei den Patienten ist die Biochemie verschoben. Sie schütten weniger Sättigungshormone aus, da im Darm die Anzahl an enteroendokrinen Zellen deutlich geringer ist als bei Normalgewichtigen. Fehlen die natürlichen Appetitzügler, sind übergewichtige Menschen später satt und es wird mehr Nahrung aufgenommen als nötig. Die in der Bevölkerung vielfach zu hörenden Vorwürfe, es mangele lediglich an Essdisziplin oder das Essverhalten wäre einzig und allein schuld am körperlichen Zustand, sind damit haltlos.

 

Übergewichtige „ticken“ anders als Normalgewichtige – zumindest was die Freisetzung von Sättigungshormonen angeht. Bei ihnen werden viel weniger dieser Botenstoffe ausgeschüttet, was dazu führt, dass diese Menschen mehr essen, weil sie langsamer satt werden. Diese Veränderungen haben massive Auswirkungen auf den Stoffwechsel und sorgen für den berühmt-berüchtigten „Hüftspeck“. Letztlich sind das allerdings nur Fettzellen, die aus Fettstammzellen rekrutieren.

 

Anzahl an enteroendokrinen Zellen bei Übergewichtigen stark vermindert

Mediziner aus Basel (Schweiz) fanden nun den Grund dafür: Bei adipösen Menschen sind die für die Produktion von Sättigungshormonen verantwortlichen Zellen im Magen-Darm-Trakt stark reduziert.

In den Schleimhäuten des oberen Teils des Magen-Darm-Traktes sitzen die enteroendokrinen Zellen. Dabei handelt es sich um hochspezialisierte Zellen, die permanent den Darminhalt analysieren. Während des Essens produzieren sie Sättigungshormone und geben sie ins Blut ab. Dem Körper signalisieren die enteroendokrinen Zellen so, dass genügend Energie von außen in Form von Nahrung zugeführt wurde. Die Mahlzeit darf nun beendet werden. Das Gefühl, satt zu sein, entsteht letztlich im zentralen Nervensystem (ZNS) – ausgelöst durch die Sättigungshormone.

Bei stark übergewichtigen Menschen werden deutlich weniger Mengen an Sättigungshormonen produziert und freigesetzt. Allerdings lässt sich beobachten, dass bei adipösen Menschen nach einer Magenbypass-Operation oder einer Schlauchmagen-Operation die Freisetzung der Botenstoffe wieder ansteigt. Die Wissenschaftler vom Departement für Biomedizin der Uni Basel wollten es gemeinsam mit ihren Kollegen der University of Liverpool (Großbritannien) nun genauer wissen und gingen den Ursachen auf den Grund.

 

Übergewichtige haben im Vergleich zu Normalgewichtigen eine veränderte Biochemie

Dazu entnahmen sie per Magenspiegelung von 24 Normalgewichtigen und 30 stark übergewichtigen Patienten Gewebeproben aus dem Magen-Darm-Trakt. Bei den übergewichtigen Probanden wurde der Eingriff zweimal gemacht: einmal vor der gewichtsreduzierenden Operation und einmal nach dem Eingriff.

Das Ergebnis war eindeutig: Bei den adipösen Studienteilnehmern war die Zahl an enteroendokrinen Zellen signifikant niedriger als bei den Probanden mit Normalgewicht. Der Schwund der spezialisierten Zellen führt zu einem veränderten Appetitverhalten, da weniger „körpereigene Appetitzügler“ ausgeschüttet werden. Die Vermutung der Forscher: Bei Übergewichtigen ist die Zusammensetzung von Transkriptionsfaktoren verändert, die letztlich dafür sorgen, dass sich aus Stammzellen enteroendokrine Zellen entwickeln. Genau diese Transkriptionsfaktoren wurden ebenfalls genauer unter die Lupe genommen. Es konnten tatsächlich die vermuteten Veränderungen an dieser Stelle nachgewiesen werden.

 

Effekte sind durch schweren operativen Eingriff umkehrbar

Nach der Operation mit dem Ziel, eine dauerhafte Gewichtsreduktion zu erreichen, erholte sich auch bei den Übergewichtigen die Zusammensetzung der Transkriptionsfaktoren und die Anzahl an enteroendokrinen Zellen.

Die Studie belegt, dass weder fehlende Selbstkontrolle noch mangelnde Essdisziplin bei Übergewichtigen schuld an ihrem Essverhalten ist. Diese oft aus der Bevölkerung zu hörenden Vorwürfe sind haltlos. Beim Krankheitsbild „Adipositas“ ist die Biochemie aus den Fugen geraten. Die fehlenden Sättigungshormone sind schuld daran, dass adipöse Menschen mehr Nahrung zu sich nehmen als nötig wäre. Normalgewichtige sollten daher froh sein, dass ihr Sättigungsgefühl korrekt funktioniert.

Weitere Untersuchungen müssen nun klären, welche Prozesse die Zusammensetzung der Transkriptionsfaktoren beeinflussen und wie man die Differenzierung von Stammzellen zu enteroendokrinen Zellen medikamentös beeinflussen könnte, um übergewichtigen Menschen ein normales Sättigungsgefühl zurückzugeben. So bliebe ihnen eine schwere Operation erspart.

 

Disclaimer
familien-gesundheit.de stellt ausschließlich Beiträge für Informationszwecke bereit. Die Hinweise und Informationen sind nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Sie ersetzen kein persönliches Gespräch, keine professionelle Beratung, keine individuelle Untersuchung oder fachkundige Behandlung durch ausgebildete und anerkannte, im Gesundheitswesen tätigte Experten wie z. B. Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Physiotherapeuten.