Therapie mit Stammzellen bei Pferden

Alleskönnerzellen aus Gebärmutter von Stuten gewonnen

Mesenchymale Stammzellen (MSCs) sind in der Lage, sich zu ganz unterschiedlichen Zellarten zu entwickeln: Aus ihnen entstehen beispielsweise Muskeln, Knorpel oder Sehnen. Die Wunderzellen kommen in verschiedenen Geweben vor und können dort mittlerweile isoliert werden. In Fachkreisen wird ihnen ein großes Potential für die Regenerative Medizin nachgesagt – und das nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Tier. So wird die Stammzellentherapie mittlerweile auch beim „besten Freund des Menschen“, dem Hund, zur Behandlung von schwerer Arthrose eingesetzt. Doch auch bei Pferden greifen Veterinäre seit rund 15 Jahren auf mesenchymale Stammzellen zurück, um damit Sehnen- und Gelenkprobleme zu kurieren.

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Auch wenn Pferde elegant und wild über die Wiese toben – vom Verletzungspech und Krankheiten bleiben Rösser nicht verschont. Im Laufe des Perdelebens kann es zu Knorpel- und Gelenkproblemen kommen. Bei sehr schwerer Arthrose kann es sogar so schlimm werden, dass der Tierarzt das Pferd von seinen Qualen erlösen muss – keine leichte Entscheidung. Daher lassen Pferdebesitzer in der Regel nichts unversucht, um ihrem Liebling zu helfen. Stammzellen können hier einen Therapieansatz bieten. Nun wurde ein minimalinvasives Gewinnungsverfahren bei Stuten entdeckt: Die Gebärmutterschleimhaut enthält mesenchymale Stammzellen.

 

Stammzellen-Isolation bei Pferden: Es geht auch ohne aufwändige Operation

Um die wertvollen Stammzellen isolieren zu können, mussten die Tiere bislang einen chirurgischen Eingriff über sich ergehen lassen. Dabei wurde Knochenmark oder Fettgewebe entnommen, um daraus die Stammzellen zu separieren. Die Belastung eines chirurgischen Eingriffes ließe sich in Zukunft wohl minimieren – dank der Forschungsarbeit der Plattform „Besamung und Embryotransfer“ an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Die Spezialisten an der Vetmeduni Vienna gelang es nun erstmals bei Stuten, Stammzellen aus der Gebärmutter zu gewinnen. Bei diesem Verfahren ist kein operativer Eingriff nötig, denn es können über den Muttermund feine Instrumente in die Gebärmutter eingebracht und die Gebärmutterschleimhaut entnommen werden. Damit lässt sich der Stress für die Pferde deutlich senken. Im Labor entwickeln sich die aus der Gebärmutterschleimhaut isolierten Vorläuferzellen genauso zu Knorpel- und Gelenkzellen wie andere aus dem Knochenmark oder Fettgewebe gewonnene mesenchymale Stammzellen.

 

Diesmal anders herum: Übertragung von Erkenntnissen aus der Humanmedizin in die Tiermedizin

Normalerweise werden in der Wissenschaft im Tierversuch gewonnene Erkenntnisse auf den Menschen übertragen und durch weitere Studien empirisch überprüft. Diesmal gingen die Wissenschaftler den Weg andersherum. Es ist nämlich seit langem bekannt, dass in der Gebärmutterschleimhaut von Frauen auch Stammzellen vorkommen. Man nahm zwar an, dass dies bei Stuten höchstwahrscheinlich ganz ähnlich ist, jedoch lagen bislang keine Informationen oder Untersuchungen bei Pferden dazu vor. Diese Datenlage wollten die Wissenschaftler der Vetmeduni Vienna ändern. Zusammen mit Kollegen vom Roslin-Institut in Edinburgh (Großbritannien) und der Tierärztlichen Fakultät der Ross University School in Saint Kitts and Nevis forschten sie daran, ob sich Stammzellen auch aus der Gebärmutterschleimhaut von Stuten gewinnen lassen. Die im Rahmen des Projektes gewonnenen Erkenntnisse zur Isolierung, Zellkultur und Charakterisierung der Stammzellen wurden in der Fachzeitschrift Stem Cell Research and Therapy veröffentlicht.

 

Revolution in der Stammzellentherapie bei Pferden steht bevor

Für die Studie entnahmen die Wissenschaftler bei sechs Stuten Gewebeproben aus der Gebärmutterschleimhaut. Im ersten Schritt wurden die vermuteten Stammzellen von den Schleimhautepithelzellen abgetrennt und in der Zellkultur vermehrt. Daran schloss sich der nächste Schritt an: Mi zellbiologischen Methoden versuchten die Forscher die isolierten Zellen als potentielle Stammzellen eindeutig zu identifizieren. Die Zellen prüften sie mit der Immunhistochemie, der Genanalyse und der Durchflußzytometrie. Mit diesen Methoden lassen sich bestimmte Marker nachweisen, die ganz typisch für die Identität von Stammzellen sind. Zwecks Vergleich untersuchte das Wissenschaftsteam mit den gleichen Methoden auch andere Stammzellen, die mit den bislang verfügbaren Methoden gewonnen wurden.

 

 

Die gute Nachricht für alle Pferdebesitzer: Bei den Stammzellen aus der Gebärmutterschleimhaut zeigen sich die gleichen Marker wie bei den Stammzellen aus dem Knochenmark. Die Gebärmutterschleimhaut-Stammzellen differenzierten sich in der Zellkultur auch zu Fettgewebe-, Knochen- und Knorpelzellen aus. Es zeigt sich somit, dass die Gebärmutterschleimhaut auch bei Pferden ein Reservoir für mesenchymale Stammzellen ist, das relativ leicht und ohne schwere Belastungen für die Tiere erreicht werden kann. Das Einsatzpotenzial dieser Stammzellen bei Pferden ist hoch. Sie können nicht nur bei Erkrankungen der Gebärmutter helfen. Sie können auch chirurgisch-gewonnene Stammzellen ersetzen und so neue Chancen beim Gewebeersatz eröffnen. Mit Hilfe der Gebärmutterschleimhaut-Stammzellen ließen sich Arthrose-Schäden und schwere Muskelverletzungen oder komplizierte Knochenbrüche bei Pferden womöglich in Zukunft therapieren.

 

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