Tagebuch schreiben zur Alltagsbewältigung

Verarbeiten Sie Erlebtes! Schreiben Sie ein Tagebuch!

Ein traumatisches Erlebnis kann auch noch nach langer Zeit sehr belastend sein. Viele Betroffene verdrängen statt zu verarbeiten. Einigen Menschen hilft es, über das Erlebte zu sprechen, andere ziehen sich jedoch komplett von ihren Mitmenschen zurück. Dies kann zum einen daran liegen, dass sie sich den schmerzhaften Gefühlen nicht stellen können oder wollen. Oder sie haben niemanden zum Reden.

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Johann Wolfgang von Goethe tat es. Franz Kafka tat es. Und Curt Cobain tat es. Viele große Persönlichkeiten zeichneten Erlebtes im Tagebuch auf. Das Tagebuch der Anne Frank ist ein weltberühmtes Zeitdokument über den Holocaust. Doch Tagebuch schreiben ist kein Hobby von gestern. Die persönlichen Aufzeichnungen sind noch immer „in“. Sie sind für die mentale Gesundheit wichtig, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Verarbeitung von Gefühlen und Geschehenem. Psychologen können heute sogar positive Auswirkungen des Tagebuchschreibens auf die Gesundheit bestätigen.

 

Der Psychologe James Pennebaker entwickelte bereits in den achtziger Jahren einen neuartigen Therapieansatz: das expressive Schreiben. Die Betroffenen schreiben dabei ihre belastenden Erlebnisse auf und fassen so erstmals ihre Gefühle in Worte. Die positive Wirkung des Tagebuchschreibens wurde in mehreren Studien längst nachgewiesen. Demnach stärkt das Schreiben eines Tagebuchs sogar das Immunsystem und macht den Körper damit widerstandsfähiger gegen Grippe und Erkältungskrankheiten. Darüber hinaus kann es außerdem depressive Symptome und Angstgefühle lindern. Wer sich mit seinen eigenen Problemen auseinandersetzt, wird zudem auch wieder empfänglicher für die Belange seiner Mitmenschen. Das wiederum stärkt die soziale Integration und vergrößert langfristig den Freundeskreis. Beides sind wichtige Faktoren für die mentale Gesundheit, die sich letztlich auch in der physischen Konstitution niederschlägt.

 

Eine erzählerische Struktur hilft dabei, die Gedanken zu ordnen

Tagebuch schreiben ist vor allem unter weiblichen Jugendlichen verbreitet. Während etwa 70 Prozent der Frauen zwischen 15 und 24 schon einmal Tagebuch geschrieben haben, taten dies nur 22 Prozent der Männer in derselben Altersgruppe.

Damit sich die positiven Effekte des expressiven Schreibens im Rahmen der Selbsthilfe einstellen, gibt es einige, wenige Punkte zu beachten. So ist es beispielsweise wichtig, das Erlebnis in eine erzählerische Struktur einzubetten. Auch ein Perspektivwechsel hilft dem Verfasser dabei, Zusammenhänge besser zu verstehen und Einsichten zu gewinnen. Beim Schreiben werden lose Gedankenschnipsel, Eindrücke und Gefühle zu einer sinnvollen Geschichte zusammengefügt, sodass sie den Geist weniger beschäftigen und man sich nicht mehr ständig in Grübelschleifen verfängt. Psychologen zufolge können schlüssige Gedankenpakete leichter akzeptiert und in die eigene Lebensgeschichte integriert werden, wodurch das Gedächtnis in der Lage ist, wieder neue Ressourcen freizusetzen. In der Folge sind die Betroffenen leistungsfähiger und ihre sozialen Kompetenzen verbessern sich.

 

Tagebuch schreiben ist auch bei Alltagsproblemen hilfreich

Besonders die Menschen, denen es schwerfällt, mit anderen über schlimme Erlebnisse zu sprechen, profitieren vom Tagebuch schreiben. Wenn sie sich ihren Gefühlen erst einmal gestellt und ihre traumatischen Erlebnisse in Worte gefasst haben, fällt es ihnen in der Regel auch leichter, anderen Menschen davon zu erzählen. Mehrmaliges Aufschreiben führt außerdem dazu, dass man sich an die intensiven Gefühle gewöhnt, die durch die Erinnerungen ausgelöst werden, und sie so mit der Zeit ihren Schrecken verlieren.

Tagebuch schreiben kann dabei nicht nur bei der Bewältigung eines Traumas helfen, sondern auch bei alltäglichen Problemen wie Prüfungsangst hilfreich sein. So zeigten Studien etwa, dass Studenten sich weniger fürchteten und in Klausuren besser abschnitten, wenn sie vorher ihre Ängste zu Papier brachten. Ebenfalls kann das expressive Schreiben bei der Verarbeitung eines Todesfalls, einer gescheiterten Beziehung oder einer Krankheit helfen. Experten bewerten insbesondere den erforderlichen Perspektivwechsel als besonders hilfreich bei der Bewältigung von Konflikten. Dadurch sind Personen besser in der Lage, den Standpunkt des Gegenübers zu verstehen. Es lassen sich so womöglich leichter Lösungen und Kompromisse finden.

 

 

Probieren Sie es doch einfach mal selbst aus. Fangen Sie an, Ihre Erlebnisse im Tagebuch aufzuschreiben. Mehr wie einen Stift und ein kleines, leeres Büchlein braucht es nicht. Tagebuch schreiben ist mehr als ein Hobby zum bloßen Zeitvertreib. Für viele Tagebuchschreiber sind die Einträge auch ein wenig Therapie. Sie sortieren in regelmäßigen Abständen ihre Gedanken und können sich so selbst besser verorten. Außerdem nehmen sie sich für das Niederschreiben bewusst eine Auszeit vom Alltag. Selbst solche kleinen, sehr individuellen Rituale sorgen für mehr Ruhe und Ausgeglichenheit. Nähern Sie sich einem bislang ungelösten Konflikt, so sollten Sie einfach Pausen machen, wenn die Gefühle zu stark werden.

Wer versuchen möchte, auf diese Weise ein altes Trauma aufzuarbeiten, sollte jedoch bedenken, dass das Tagebuch schreiben lediglich ein Anfang ist. Es ersetzt langfristig keine Therapie, bei der mit professioneller Hilfe die Auseinandersetzung und Aufarbeitung erfolgt.

 

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