Stammzellen gegen Migräne

Mit Fettabsaugung das Gewitter im Kopf abstellen

Stammzellen sind wahre Alleskönner. Sie sind nämlich in der Lage, sich abhängig von ihrem Einsatzort in jedes benötigte Gewebe zu entwickeln. Während der Embryogenese spielen embryonale Stammzellen eine wichtige Rolle und sorgen dafür, dass aus der befruchteten Zygote, der Urstammzelle, ein vollständiger kleiner Mensch mit über 100 Billionen Körperzellen entsteht. Dies ist das große Wunder des Lebens. Doch auch bei erwachsenen Menschen können Stammzellen nachgewiesen werden. Sie übernehmen wichtige Reparatur- und Regenerationsaufgaben. Gäbe es sie nicht, so könnten kaputte Zellen nicht ersetzt und Schäden nicht behoben werden. Der baldige Tod würde dem Organismus drohen.

Die Stammzellen wecken bei Ärzten und Wissenschaftlern große Hoffnung – vor allem auf dem Gebiet der Regenerativen Medizin. Die Medizin der Zukunft wird eine sehr personalisierte Medizin sein, bei der Ärzte auf das Potenzial der patienteneigenen Stammzellen setzen.

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Migränepatienten beschreiben eine Migräneattacke als eine Art Gewitter im Kopf. Wenn weder Botox noch gängige Medikamente zur Vorbeugung helfen, könnten in Zukunft Stammzellen zum Einsatz kommen. Sie werden bei einer Fettabsaugung gewonnen und aufbereitet. Die Wunderzellen haben das Potenzial, die Schmerztherapie zu revolutionieren. Für die Betroffenen klingt es förmlich zu schön um wahr zu sein: Ein paar lästige Fettpölsterchen verlieren und gleichzeitig der Migräne mit Stammzellen den Kampf ansagen.

 

Das Fettgewebe gilt als eine mögliche Stammzellenquelle

Dafür benötigen die Mediziner eine Stammzellenquelle, aus der sich schnell und risikolos Stammzellen gewinnen lassen. Da sich das stammzellreiche Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe nur unmittelbar nach der Geburt gewinnen lässt, braucht es eine Alternative. Wissenschaftler wissen mittlerweile, dass Fettgewebe ebenfalls viele Stammzellen enthält. Im Bindegewebe des Fettgewebes, dem sogenannte Stroma, sind die Stammzellen angesiedelt. Sie können mit dem Fettgewebe bei einer Liposuktion (Fettabsaugung) abgesaugt und durch eine Ultraschallbehandlung abgetrennt werden. Experten sprechen dann von „fraktionieren“. Die durch die Stroma-vaskuläre Fraktion (kurz SVF) gewonnene Mischung beinhaltet verschiedene Vorläuferzellen. Diese Stammzellen sind vielfältig medizinisch einsetzbar, denn sie stammen vom Patienten selbst. Das Immunsystem erkennt sie daher als eigene Zellen. Eine Abwehrreaktion, wie sie bei Zellen von Spendern passiert, unterbleibt.

 

Stammzellen sollen chronische Schmerzen wie bei der Migräne lindern

Bei der Behandlung von Schmerzerkrankungen können die Stammzellen in bestimmte Muskeln injiziert werden. Vor allem bei der Behandlung von Migräne könnten sich die Stammzellen als Alternative zu Botox erweisen. Die Stammzellen sollen Entzündungen von Nervenzellen mindern, denn hier sehen Experten einen wichtigen Hebel für die Migränetherapie. Gelänge es, die entzündlichen Prozesse zu stoppen, so könnte der Migräne buchstäblich „der Saft abgedreht werden“.

Forscher haben nun am New York Headache Center (USA) die Wirksamkeit der aus dem autologen Fettgewebe extrahierten Stammzellen bei chronischer Migräne systematisch untersucht. Als Probanden für die Studie waren erwachsene Patienten zugelassen, die durch ihre Migräne unter schweren Beeinträchtigungen litten. Die Beeinträchtigung wurden mit dem MIDAS-Fragebogen (Migraine disability assessment) erfasst. Bei allen Patienten war zuvor bereits eine Behandlung mit Botox-Injektionen fehlgeschlagen und eine Therapie mit mindestens drei weiteren vorbeugenden Medikamenten versucht worden. Die konservative Migränetherapie blieb bei den Studienteilnehmern jedoch erfolglos. Alle bisherigen Optionen der Mediziner waren somit bei diesen Patienten erschöpft. Als einzige Alternative blieb, die Migräne mit Stammzellen zu behandeln.

Die Forscher wollten mit ihrer Studie das Ziel erreichen, den MIDAS-Beeinträchtigungswert drei Monate nach der Stammzellen-Behandlung zu verringern, sodass die Beeinträchtigungen der Patienten durch die Migräne zurückgingen.

 

Studie testet Stammzellen gegen Migräne

Im ersten Schritt unterzogen sich die Studienteilnehmer einer klassischen Fettabsaugung. Aus dem gewonnen Fettgewebe wurden die Stammzellen extrahiert. Im nächsten Schritt untersuchten die Forscher die Zellprobe jedes Patienten in puncto Qualität und der Anzahl an Stammzellen. Den Probanden wurden im letzten Schritt acht bis zehn Milliliter des Zellgemischs in drei Muskeln der Kopf- und Schultergürtelmuskulatur gespritzt. Die Lockerung dieser Muskeln gilt als schmerzlindernd bei Migräne. Die injizierte Menge des Zellgemischs enthielt ungefähr 2,5 bis 8,6 Millionen nutzbare Zellen.

Die Gruppe der Studienteilnehmer bestand aus einem Mann und acht Frauen. Der Altersdurchschnitt betrug 48 Jahre. Alle Probanden hatten bereits einen langen Leidensweg hinter sich, denn sie litten durchschnittlich seit 16 Jahren unter den starken Kopfschmerz. Viele hatten bereits mehr als 10 verschiedene Medikamente zur Migränevorbeugung ausprobiert, doch nichts half diesen Patienten dauerhaft. Zu Beginn der Studie betrug der durchschnittlich ermittelte MIDAS-Wert 122 Punkte. Drei Monate nach der Stammzellen-Behandlung gegen die Migräne war der durchschnittliche MIDAS-Wert auf 88 Punkte gesunken. Bei sieben von neun Probanden reduzierten sich die Werte individuell. Doch nur bei zwei Teilnehmer konnte eine klinisch bedeutsame Verbesserung nachgewiesen werden.

 

Weitere Ansätze für die Optimierung der Migräne-Therapie mit Stammzellen

Die New Yorker Studie zeigt, dass körpereigene, aus Fettgewebe gewonnene Stammzellen eine Schmerzlinderung bei chronischer, therapieresistenter Migräne bewirken könnten. Die beteiligten Wissenschaftler schließen jedoch nicht aus, dass die Behandlung mit Stammzellen eines Spenders, der nicht an Migräne erkrankt ist, womöglich wirksamer sein könnte. Weitere Studien müssten diesen Vergleich erbringen. Patienten mit schwerer Migräne können somit auf die Therapie mit Stammzellen gegen Migräne hoffen.

 

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