Stammzellen & Ethik

Stammzellenforschung: Wie viel Ethik verträgt der Fortschritt?

Die Stammzellenforschung bewegt sich in einem äußerst komplexen Spannungsfeld. Sie ist interdisziplinär. Daher bestehen die Forscherteams meist aus Biologen, Humangenetikern und Medizinern. Doch die Stammzellenforschung und die damit verbundenen Hoffnungen beschäftigen auch andere Wissenschaftsgebiete wie die Philosophie, hier insbesondere die Ethik, die Theologie und die Rechtswissenschaften.

© danilocarta / pixabay.com

Es ist nicht einfach, die Argumente für und gegen die Stammzellenforschung in ethischer Hinsicht in eine Balance zu bringen. Die deutsche Regelung mit dem Embryonenschutzgesetz und dem Stammzellengesetz ist der Kompromiss am Ende eines langen Abwägungs- und Diskussionsprozesses.

 

Hinter der Stammzellenforschung steht ein großes Versprechen. Durch ein besseres Verstehen der Prozesse rund um das menschliche Leben – sowohl bei seinem Entstehen als auch bei seinem Vergehen – hoffen die Wissenschaftler, Therapien für bislang unheilbare Krankheiten und unumkehrbare Alterungsprozesse finden zu können.

Wie der Name „Stammzellenforschung“ es bereits vermuten lässt, werden für neue Erkenntnisse in der Forschung Stammzellen benötigt. Die Zygote, die befruchtete Eizelle, gilt als Urstammzelle. Aus ihr entsteht innerhalb von neun Monaten ein kompletter, kleiner Mensch mit rund 100 Billionen Körperzellen. Und auch im späteren Leben sorgen Stammzellen für beständige Erneuerung. Ohne diese Reparatur- und Regenerationsprozesse könnte kein Mensch lange überleben. Doch die Stammzellen für die Forschung müssen regelmäßig neu beschafft werden, da sie durch die Experimente und Studien der Wissenschaftler verbraucht werden.

 

Die ethische Vorbelastung der Stammzellenquellen ist ganz verschieden

Es gibt verschiedene Quellen für Stammzellen. Sie reichen von „ethisch unproblematisch“ bis hin zu „ethisch hochumstritten“. Neonatale Stammzellen können aus dem Blut der Nabelschnur von neugeborenen Babys gewonnen werden. Adulte Stammzellen lassen sich über die Stammzellapherese aus dem Blut Erwachsener herausfiltern. Beide Quellen werfen keine großen Probleme im Hinblick auf Ethik und Moral auf, denn diese Stammzellen können unentgeltlich, in freiem Willen und ohne großes Risiko gespendet werden.

Doch um die Abläufe und Signalwege während der Embryogenese verstehen zu können, sind die Wissenschaftler auf fetale Stammzellen und embryonale Stammzellen angewiesen. Deren Gewinnung ist ethisch hoch umstritten. Fetale Stammzellen können aus dem Gewebe von abgetriebenen Feten oder frühen, spontanen Totgeburten gewonnen werden. Embryonale Stammzellen mit totipotenten bzw. pluripotenten Eigenschaften dagegen lassen sich nur aus der Morula bzw. der Blastozyste isolieren. Die dafür erforderlichen Verfahren zerstören in jedem Fall den Embryo. Menschliches Leben wird so bewusst und gezielt getötet.

Könnte man noch argumentieren, dass bei einer Abtreibung die Frau die Freiheit besitzen muss, über ihren Körper selbst entscheiden zu dürfen und dass das dabei entstehende Gewebematerial, das sonst über den Klinikmüll entsorgt wird, so wenigstens noch einem höheren Zweck dient, so kollidiert die Stammzellenforschung bei embryonalen Stammzellen spätestens jetzt mit den großen Fragen der Ethik und Moral.

Hier geht es um ganz elementare Fragen wie die moralische Sicht auf den Menschen und die rechtliche Sicherung seiner Freiheiten. Mit den Antworten darauf beschäftigen sich die Ethik als Teilgebiet der Philosophie, aber auch die Theologie und Rechtswissenschaften nicht erst seit den letzten Jahrzehnten. Es sind ganz grundlegende Fragen: Was macht menschliches Leben aus? Was sind universelle Rechte? Wo beginnen sie? Wo enden sie? Der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant als ein Beispiel von vielen zeigt, dass diese ethischen Diskurse seit Jahrhunderten geführt werden.

Die Debatten im Bundestag zur Verabschiedung des Embryonenschutzgesetz oder des Stammzellengesetzes waren und sind letztlich nur eine Zuspitzung der Diskussionen in der Wissenschaftsgemeinde. Besitzt ein Embryo die gleiche Würde wie der geborene Mensch? Hat daher auch der Embryo einen Anspruch auf Schutz? Gibt es hierbei einen Unterschied zwischen einem natürlich gezeugten Embryo und einem im Reagenzglas (invitro) gezeugten Embryo?

 

Keine leichte Entscheidung: Abwägung zwischen dem Recht auf Leben des Embryos und der Hoffnung auf Heilung von Kranken

Am Ende läuft alles auf die Frage hinaus: Darf es eine Abwägung geben zwischen dem Recht des Embryos auf Leben und der Hoffnung der Stammzellenforschung, viele Patienten heilen zu können?

Es gibt in der ethischen Diskussion um die gezielte Erzeugung von Embryonen zur Stammzellengewinnung ganz diametrale Positionen. Die Gegner argumentieren, dass der Embryo mit dem Zeitpunkt der Befruchtung die gleichen Rechte genießt wie eine Person. Befürworter dagegen sagen, dass der Embryo vor dem vierzehnten Tag nach der Befruchtung nichts weiter ist als ein Zellhaufen. Er kann noch gar keine eigenständige Persönlichkeit sein, weil es in diesem Zeitraum möglich ist, dass er sich teilt und zu Mehrlingen entwickelt. Nach dem vierzehnten Tag beginnt auch erst die Entwicklung des zentralen Nervensystems und damit der rudimentären Ansätze für ein Bewusstsein. Wer die Transplantation von hirntoten Patienten entnommenen Spenderorganen erlaubt, muss folglich auch die Stammzellenforschung an embryonalen Stammzellen gestatten und dafür auch die Gewinnung von entsprechendem Forschungsmaterial sicherstellen.

 

Medizinethik: Erst Schaden abwenden, dann heilen

In der Medizinethik hat sich als verpflichtender Grundsatz seit langer Zeit der folgende Dreiklang herauskristallisiert: Primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare. (= Erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen.) Er versteht sich ganz in der Tradition des Hippokratischen Eides. Damit hat der Anspruch, Schaden zu vermeiden, einen klaren Vorrang vor dem ärztlichen Heilungsauftrag. Das gilt letztlich auch für die Stammzellenforschung.

In Deutschland hat man sich im Hinblick auf Stammzellen und Ethik auf diesen Kompromiss geeinigt und sich für den Schutz des Embryos verbürgt, aber gleichzeitig auch die Freiheit der Forschung gesichert. Mit der „Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung“ (ZES) wurde eine Institution geschaffen, die jedes einzelne Forschungsvorhaben mit embryonalen Stammzellen prüft und ohne deren Zustimmung das Robert Koch-Institut (RKI) keine Freigabe für die Einfuhr von Stammzellen aus überschüssigen Embryonen erteilt.

Disclaimer
familien-gesundheit.de stellt ausschließlich Beiträge für Informationszwecke bereit. Die Hinweise und Informationen sind nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Sie ersetzen kein persönliches Gespräch, keine professionelle Beratung, keine individuelle Untersuchung oder fachkundige Behandlung durch ausgebildete und anerkannte, im Gesundheitswesen tätigte Experten wie z. B. Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Physiotherapeuten.