Stammzellen einfrieren

Stammzellen einfach in den Kälteschlaf schicken: Ein Segen für alle oder Geschäft mit der Angst?

Die Zeit der Schwangerschaft ist auch eine Zeit der großen Fragen: Wie wird das Kind aussehen? Sieht es der Mama oder eher dem Papa ähnlich? Was möchten wir als Eltern ihm bieten? Wird während der Schwangerschaft und nach der Geburt alles gut gehen? Gerade wenn in der Familie bereits Krankheiten aufgetreten sind, bei denen eine gewisse genetische Veranlagung vermutet wird, ist die Angst der werdenden Eltern besonders groß. Wie schön wäre es doch, wenn es dagegen eine Möglichkeit der Absicherung gäbe!

„Gibt es!“, sagen die privaten Nabelschnurblutbanken. Ihre Argumentationskette klingt logisch: Wer das Nabelschnurblut des Neugeborenen direkt nach der Geburt einfrieren lässt, sorgt für die Zukunft vor, denn sowohl Nabelschnurblut als auch Nabelschnurgewebe enthalten viele wertvolle Stammzellen. Im Bedarfsfall kann das Stammzellendepot umgehend aufgetaut werden und steht dann für Therapiezwecke zur Verfügung. Was also ist dran am Einfrieren der Stammzellen? Die Redaktion von familien-gesundheit.de hat genauer hingesehen.

© terimakasih0 / pixabay.com

Das Versprechen hinter dem Einfrieren der Nabelschnurblut-Stammzellen lautet: Im Fall der Fälle könnten sie in Zukunft ein Rettungsanker sein und als Basis für individuelle Zelltherapien dienen.

 

Was sind Stammzellen?

Stammzellen sind wahre Tausendsassas. Aus der Urstammzelle, der Zygote, entwickelt sich in neun Monaten ein kompletter Mensch. Was viele völlig zu Recht als Wunder der Natur bezeichnen, ist letztlich nur die genau choreografierte Abfolge von Zellteilungen und Ausdifferenzierung.

Ausgereifte Körperzellen haben die Fähigkeit zur Selbsterneuerung verloren. Das können nur die Stammzellen. Sie stellen so permanent neues Zellmaterial zur Verfügung und helfen dem Körper bei der Reparatur von Schäden. Doch im Laufe des Lebens schwinden diese Selbstheilungskräfte, weil die Stammzellen immer träger werden und sich ganz am Ende kaum noch teilen.

Experten unterscheiden verschiedene Arten von Stammzellen. Ihre Fähigkeiten reichen vom Allround-Genie bis hin zum Spezialisten. Komplexe Prozesse und Signalwege sorgen dafür, dass am Ende aus einer hämatopoetischen Stammzelle ein Thrombozyt, ein Blutplättchen, wird. Das Blutplättchen ist für die Blutgerinnung zuständig und sorgt dafür, dass sich nach einer Verletzung die Wunde schließt und somit eine Blutung zum Stehen kommt. Würde dies nicht passieren, so bestünde akute Lebensgefahr, weil der Tod durch Verbluten droht.

 

Stammzellen dank Einfrieren für Jahrzehnte haltbar machen

Mit der Kryokonservierung steht seit den 1960er Jahren eine Methode zur Verfügung, mit der sich Gewebe in den Kälteschlaf schicken lässt. Dafür wird flüssiger Stickstoff genutzt. Die Gewebe lagern dabei in Spezialtanks, die mit Stickstoff sehr weit heruntergekühlt werden.

Immer wieder berichten Medien beispielsweise von Menschen, die sich nach ihrem Tod komplett einfrieren lassen, um damit den Tod selbst ein Schnippchen zu schlagen. Die Hoffnung der sogenannten Kryoniker: In der Zukunft werden Mittel und Wege gefunden, um schwere Krankheiten zu heilen oder den Alterungsprozess komplett umzukehren. Sie werden dann aufgetaut und können ihr Leben fortsetzen.

Doch während die Anhänger der Kryonik einem vielleicht unerreichbaren Traum hinterherjagen, konnte die Kryokonservierung tatsächlich schon vielen Menschen das Leben retten. Denn auch das Nabelschnurblut Neugeborener lässt sich einfrieren und bildet den Grundstock für Stammzellbanken. Die Stammzellen sind dank des Kälteschlafs über flüssigem Stickstoff für Jahrzehnte haltbar. Sie können bei Bedarf aufgetaut und einem Patienten mit ähnlichen Gewebemerkmalen transplantiert werden. Das Verfahren des Einfrierens von Stammzellen gilt als sicher. Studien konnten zeigen, dass die eingefrorenen Stammzellen keinerlei Schaden nehmen und nach dem Auftauen umgehend einsatzbereit sind. Im Körper starten sie selbst nach einem jahrzehntelangen Kälteschlaf mit den gewünschten Regenerationsprozessen. Ein weiterer Vorteil: Die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut glänzen mit ganz besonderen Eigenschaften: Sie sind jung, flexibel und teilungsfreudig. Bei unter -180° C kommen in den Zellen alle Prozesse zum Erliegen. Während das Kind heranwächst, in die Schule geht, eine Ausbildung macht und eine eigene Familie gründet, altern alle Körperzellen mit ihm – die eingefrorenen Stammzellen im Kryotank jedoch nicht.

Auch wenn es mit den Stammzellenspenderdateien ein etabliertes System gibt, um anderen Menschen zu helfen, sind dort bei weitem nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich stark repräsentiert. Gerade für Menschen mit seltenen Gewebemerkmalen kann es schwierig werden, einen passenden Spender zu finden, wenn innerhalb der eigenen Familie kein geeigneter Spender zur Verfügung steht. Durch den Aufbau von öffentlichen Nabelschnurblutbanken lassen sich gerade Stammzellen mit seltenen Gewebemerkmalen gezielt auf Vorrat sammeln.

 

Chancen der Anwendung der eingefrorenen Stammzellen

Experten streiten noch, ob das Einfrieren der Nabelschnurblut-Stammzellen zur privaten Vorsorge wirklich Sinn macht. Kritiker sehen darin lediglich die Geldschneiderei der privaten Nabelschnurblutbanken, die mit den Ängsten werdender Eltern spielen und ihnen eine nutzlose Serviceleistung verkaufen. Ihr Argument: Es ist derzeit sehr unwahrscheinlich, dass der Nachwuchs tatsächlich seine eigenen Stammzellen benötigt. Aktuell ruhen beispielsweise bei der erfahrensten privaten Stammzellenbank Vita 34 über 145.000 Nabelschnurblutpräparate in den Tanks. Jedoch blickt das Unternehmen in seiner fast 20 jährigen Geschichte erst auf 30 konkrete Anwendungsfälle zurück und hat damit im deutschsprachigen Raum die meisten Erfahrungen.

Der Grund dafür ist klar: Die Anzahl der aktuellen Stammzellentherapien ist derzeit überschaubar. Bei Leukämie beispielsweise werden die eigenen Stammzellen, selbst wenn sie als Nabelschnurblutpräparat vorliegen, in der Regel verworfen, weil die Mediziner davon ausgehen, dass sie den krankheitsauslösenden Defekt bereits in sich tragen. Die Befürworter für das Einfrieren von Stammzellen halten dagegen, dass diese Argumentation viel zu kurz gedacht wäre. Kein seriöser Mediziner kann heute verlässlich voraussagen, bei welchen Krankheitsbildern sich Stammzellentherapien in Zukunft durchsetzen werden. Den individuellen Zelltherapien wird von allen Seiten jedoch ein großes Potenzial bescheinigt. Aktuell arbeitet die Stammzellenforschung bereits an neuartigen Therapien zur Behandlung von Schlaganfall, Diabetes, Herzinfarkt, Demenz oder Rheuma. Teilweise gibt es hier erste Heilversuche und klinische Studien, die so hoffnungsvoll stimmen, dass die Ansätze weiterverfolgt und optimiert werden. In Zukunft werden sich also die Anwendungsmöglichkeiten vervielfältigen.

Das Einfrieren von Stammzellen zur privaten Vorsorge ist noch immer eine Wette auf die Zukunft und die Versprechungen der Medizin von morgen. Für die Allgemeinheit jedoch sind die Stammzellen aus der Nabelschnur viel zu wertvoll, um mit dem Klinikmüll entsorgt zu werden, denn sie können Leben retten.

Disclaimer
familien-gesundheit.de stellt ausschließlich Beiträge für Informationszwecke bereit. Die Hinweise und Informationen sind nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Sie ersetzen kein persönliches Gespräch, keine professionelle Beratung, keine individuelle Untersuchung oder fachkundige Behandlung durch ausgebildete und anerkannte, im Gesundheitswesen tätigte Experten wie z. B. Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Physiotherapeuten.