Stammzellen aus der Nabelschnur

Tatsächlicher Lebensretter oder reines Marketing-Versprechen?

Als Schwangere kommt man an ihnen kaum vorbei: Den Werbeanzeigen der Nabelschnurblutbanken in Zeitschriften für werdende Mütter oder in Elternratgebern. Dazu noch die Schlagzeilen in der Presse wie: „Stammzellen gegen Diabetes“, „Herzinfarkt-Therapie mit den Wunderzellen“ oder „Stammzellen als Jungbrunnen“, die regelmäßig über die neuesten Errungenschaften der Stammzellenforschung berichten.

Was ist dran an der vermeintlichen Wunderwaffe „Stammzellen aus der Nabelschnur“? Ist die private Einlagerung der Stammzellen sinnvoll oder doch die Spende die bessere Alternative? Fragen über Fragen, die auf werdende Eltern einstürmen. Die Redaktion von familien-gesundheit.de versucht, eine Einordnung zu schaffen.

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Stammzellen aus der Nabelschnur – privat einlagern oder für die Allgemeinheit spenden? Vor dieser Frage stehen viele werdende Eltern. Zunächst ist es nötig, eine Einordnung zu versuchen: Was sind Stammzellen aus der Nabelschnur? Was spricht für sie? Welche Kritikpunkte gibt es?

 

Was sind Stammzellen aus der Nabelschnur?

Die Nabelschnur ist eine wahre Meisterleistung der Natur. Die 50 bis 60 Zentimeter lange Funiculus umbilicalis, so der Fachbegriff, verbindet während der Schwangerschaft das Ungeborene mit dem Blutkreislauf der Mutter. Die Nabelschnur sorgt dafür, dass Sauerstoff und wichtige Nährstoffe zum Fötus gelangen. Gleichzeitig werden Abbauprodukte wie Kohlenstoffdioxid abtransportiert.

Das in der Nabelschnur zirkulierende Blut gehört zum Blutkreislauf des Kindes. Drei Blutgefäße sorgen dafür, dass die Nabelschnur ihre Aufgaben wahrnehmen kann: die beiden Nabelschnurarterien sowie die Nabelschnurvene. Als Schutz sind diese Gefäße in die sogenannte Wharton Sulze eingebettet. Es handelt sich hierbei um ein gallertartiges Bindegewebe, das sich durch eine große Flexibilität auszeichnet. Es schützt so die Nabelschnur vor einem gefährlichen Abknicken.

Im letzten Schwangerschaftsdrittel beginnt die Migration der Stammzellen. Sie lassen sich vom Blutstrom treiben und siedeln sich beispielsweise im Knochenmark an. Das Nabelschnurblut ist in dieser Zeit besonders reich an Stammzellen. Nach dem Abnabeln des Neugeborenen verbleibt in der Nabelschnur ein Rest dieses stammzellreichen Blutes. Die Menge schwankt zwischen 60 und 200 Millilitern. Das Nabelschnurblut kann mit einer einfachen Punktion der Nabelschnurvene entnommen werden. Der Vorgang ist für Mutter und Kind vollkommen risikolos und schmerzfrei, da die Nabelschnur über keinerlei Schmerzrezeptoren verfügt.

Das Nabelschnurblut enthält viele hämatopoetische Stammzellen (HSC), die für die Blutbildung zuständig sind. Das Nabelschnurgewebe selbst beherbergt viele mesenchymale Stammzellen (MSC), die für den Erhalt und die Regeneration des Bindegewebes aber auch der Muskulatur und des Stützapparates sorgen.

 

Die besonderen Eigenschaften der Stammzellen aus der Nabelschnur

Die Stammzellen aus der Nabelschnur gehören zu den adulten Stammzellen. Sie haben jedoch ganz besondere Fähigkeiten, die dafür sorgen, dass es für eine eigene Klasse, die „neonatalen Stammzellen“, reicht. Sie sind jung und anpassungsfähig. Das heißt: Sie haben ein hohes Proliferationspotenzial und können sich noch sehr oft teilen, da bei neonatalen Stammzellen so gut wie keine Alterungsprozesse stattgefunden haben. Gealterte Stammzellen lassen in ihrer Teilungsfähigkeit nach. Irgendwann können sie die erforderlichen Regenerationsprozesse nicht mehr sicherstellen und Schäden häufen sich an. Dieser Degenerationsprozess ist das, was wir als Altern wahrnehmen und bislang nicht umkehrbar.

Die neonatalen Stammzellen dagegen sind noch frei von Viren, Bakterien und Pilzen. Sie waren bislang im Mutterleib gut abgeschottet und daher kaum Umwelteinflüssen ausgesetzt. Experten sehen gerade in Giftstoffen wie Asbest oder Benzol, in manchen Krankheitserregern wie das Humane Papilloma Virus (HPV) oder das Eppstein-Barr-Virus (EBV) sowie in radioaktiver Strahlung, die durch Atomkraft oder durch das Röntgen entsteht, die Ursache für die Entstehung von Mutationen im Erbgut. Daraus kann sich langfristig Krebs entwickelt.

Werden die Stammzellen aus der Nabelschnur direkt nach der Geburt entnommen und aufbewahrt, so erfolgt eine Konservierung dieser besonderen Eigenschaften, denn im Kälteschlaf bei fast -200°C kommen sämtliche Prozesse in den Zellen zum Erliegen. Ähnlich wie Dornröschen bleiben die neonatalen Stammzellen beim Einfrieren jung und vital, während die Welt sich außerhalb des Kryotanks beständig weiterdreht. Die Nabelschnur-Stammzellen können Jahrzehnte lang im Kälteschlaf verweilen und stehen so ein Leben lang zur Verfügung. Studien haben nachgewiesen, dass die Zellen durch die Kryokonservierung keinen Schaden nehmen und nach dem Auftauen wieder Reparatur- und Regenerationsprozesse starten – so als wäre nichts gewesen. Genau daraus erklärt sich das große Potenzial für die regenerative Medizin.

 

Kritik an den Stammzellen aus der Nabelschnur

Als Hauptkritikpunkt an der privaten Einlagerung von Nabelschnurblut wird vorgebracht, dass der angebotene Service der privaten Nabelschnurblutbanken ganz gezielt mit den Ängsten der werdenden Eltern spielt. Wer will sich schon nachsagen lassen, dass er nicht alles für den Nachwuchs getan hätte. Diese Konfrontation mit den Ängsten passiert in einer äußerst sensiblen Phase: Während der Schwangerschaft wird das Leben der jungen Familie eh komplett umgekrempelt. Viele richtungsweisende Entscheidungen sind zu treffen und da möchte niemand einen Fehler machen.

Ihren Service lassen sich Nabelschnurblutbanken natürlich gut bezahlen. Für die Kosten der Einlagerung von Stammzellen aus der Nabelschnur müssen die Eltern alleine aufkommen. Die gesetzlichen Krankenkassen bewilligen hierfür keine Zuschüsse. Und auch das Finanzamt lehnt das Einreichen der Rechnung als außergewöhnliche Belastung ab. All demgegenüber steht allerdings die recht geringe Chance, dass die eigenen Stammzellen in der Zukunft tatsächlich zum Einsatz kommen.

Aktuell existieren nur wenige Therapien mit den eigenen Stammzellen. Es gibt zwar schon Heilversuche und erste klinische Studien bei einer Vielzahl von Indikationen wie Cerebralparese, Herzinfarkt, Diabetes, Taubheit – aber die Zahl der tatsächlichen Zulassungen ist noch immer gering. Die Forschung hofft natürlich, dass die Stammzellentherapie den Kinderschuhen schnell entwächst, doch heute kann kein seriöser Mediziner prognostizieren, welche Krankheiten sich in Zukunft mit Stammzellen aus der Nabelschnur werden heilen lassen. Natürlich können sich alle Hoffnungen erfüllen. Doch auch der eine oder andere Rückschlag ist sehr wahrscheinlich.

Befürworter wiederum halten dagegen, dass es sich bei den Nabelschnur-Stammzellen um eine Investition in die Zukunft handelt. Die Absicherung ähnelt in vielerlei Dingen Versicherungen. Diese schließt man in der Hoffnung ab, dass man die Versicherung niemals braucht, weil kein Schadensfall eintritt. Tritt dann der Ernstfall ein, ist man jedoch froh über die Unterstützung.

 

Was tun: Stammzellen aus der Nabelschnur einlagern oder spenden?

Am Ende muss jede Familie für sich selbst entscheiden, wie sie die Stammzellen aus der Nabelschnur einordnet. Wer an den medizinischen Fortschritt glaubt und wenn es das Familienbudget hergibt, der sollte sich zumindest bei den einzelnen Anbietern über die Details einer Nabelschnurblut-Einlagerung informieren und entsprechend vergleichen. Die Chance zur Sicherung dieser wertvollen Stammzellen gibt es nur einmal im Leben – direkt nach der Geburt.

Wer in der Gegenwart anderen Menschen helfen möchte, für den kommt die Nabelschnurblut-Spende in Betracht. Hier werden Neugeborene zum Superhelden, weil sie tatsächlich Leben retten können. Nabelschnurblut wird schon heute in der Behandlung von Leukämie eingesetzt. Doch auch bei der Nabelschnurblut-Spende sollten im Vorfeld Informationen eingeholt und die Vor- und Nachteile genau abgewogen werden.

Disclaimer
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