Schmerzmittel behindern Muskelregeneration

Für Sportler gilt: Finger weg von Schmerztabletten nach dem Training

Viele Sportler sind der Meinung, dass Training erst dann effektiv ist, wenn es schmerzt. Damit ambitionierte Sportler möglichst viel trainieren können, greifen sie vor dem Training zu Schmerztabletten, denn diese bekämpfen auch Entzündungen im Körper und sollen so den Schmerz direkt im Keim ersticken. Doch neueste, wissenschaftliche Studien legen nahe, dass dies keine so clevere Idee ist, denn die prophylaktisch geschluckten Schmerzmittel scheinen die Muskelregeneration zu behindern.

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Freizeitsportler schieben gern eine effektive Trainingseinheit bis an die Schmerzgrenze, um ihre Leistungen zu verbessern. Die Quittung präsentiert der Körper dann spätestens am nächsten Tag: Schmerzende Muskeln – mit anderen Worten „Muskelkater“. Nicht wenige meinen, wenn sie vorbeugend Schmerzmitteln bzw. Entzündungshemmer mit den Wirkstoffen Aspirin, Diclofenac oder Ibuprofen einnehmen, steigern sie die Muskelregeneration. Ein Trugschluss.

 

Freizeitsportler kennen das Gefühl: Wenn man beim Laufen oder Radfahren im Training zu viel wollte, schmerzen am nächsten Tag die Beine. Klare Diagnose: Muskelkater. Der Griff zu Ibuprofen, Diclofenac oder Aspirin als Schmerzmittel ist schnell getan, denn diese Wirkstoffe versprechen Linderung. Doch es könnte sich als nützlicher erweisen, die Finger von den Schmerztabletten zu lassen und besser die Zähne zusammenzubeißen. Der Körper hilft sich im Idealfall selbst, denn Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Entzündungshemmer – also ohne den Wirkstoff Cortison – unterdrücken nicht nur den Schmerz. Sie verhindern wohl auch die Herstellung eines Botenstoffs, der Stammzellen aktiviert, die wiederum dafür sorgen, dass Verletzungen abheilen. Durch diese Form der natürlichen Muskelregeneration kommt der Muskel zu neuen Kräften. Der Muskelaufbau ist somit erfolgreicher. Dieser Zusammenhang wurde früher bereits vereinzelt beobachtet, doch nun liegen systematische Untersuchungen bei Mäusen vor.

Wissenschaftler an der Stanford University (USA) gingen dabei der Frage nach, welche Rolle Prostaglandin E2 (PGE2) als Botenstoff bei der Muskelregeneration spielt. Vor dieser systematischen Untersuchung gab es Hinweise, dass das Signalmolekül die Regeneration der Muskeln fördern könnte. Bislang allerdings wussten die Forscher nicht, wie der heilsame Prozess abläuft. Die Stanforder Forscher wollten daher klären, ob Prostaglandin E2 an der Rekrutierung von Muskelstammzellen beteiligt ist. Dabei richteten die Spezialisten den Fokus auf die PGE2-Rezeptoren auf der Oberfläche der Stammzellen.

 

Prostaglandin-Rezeptoren auf Muskelstammzellen setzen Heilungsprozesse in Gang

Die These der Forscher: Da für das Prostaglandin spezielle Rezeptoren, also Andockstellen, zur Verfügung stehen, sollte der Botenstoff auch direkt auf die Stammzellen Einfluss nehmen können, d. h. Stammzellen und Prostaglandin sollten miteinander kommunizieren können. Die erste Erkenntnis: Ja, es findet Kommunikation statt. Die zweite Erkenntnis: Dieser Austausch ist die treibende Kraft hinter der Muskelregeneration. Das wiederum bedeutet: Nur wenn der Botenstoff Postaglandin nach einem Training ausgeschüttet wird, können trainingsbedingte Muskelverletzungen heilen.

Kommt es zu Verletzungen an den Muskeln, wird Prostaglandin in größeren Mengen freigesetzt. Es bindet sich dann an die muskulären Stammzellen und aktiviert diese. Nur so können sich die Muskelstammzellen vermehren und die entstandenen Gewebeschäden reparieren. Wird die Ausschüttung von Prostaglandin unterbunden, gerät die Regeneration ins Stocken, da kein weiterer Botenstoff die Aufgabe der Aktivierung der Muskelstammzellen übernimmt.

Um auf diese Zusammenhänge zu stoßen, schalteten die Stanforder Wissenschaftler auf den Muskelstammzellen von Mäusen zunächst den PGE2-Rezeptor aus. Außerdem wurde die Prostaglandin-Produktion durch die Gabe von entzündungshemmenden Schmerzmitteln unterdrückt. Als Folge der Maßnahmen zeigte sich: Die Stammzellen blieben inaktiv, d. h. sie verharrten in der Ruheposition. In der mittels Medikamenten lädierten Mäusepfote kamen keine Regenerationsprozesse in Gang. Die geschädigte Pfote büßte sogar an Kraft ein. Eine Verbesserung des Heilungsprozesses erzielten die Forscher, wenn sie Prostaglandin E2 direkt in den verletzten Muskel injizierten. Dann stieg die Anzahl der Stammzellen und die Dicke der Muskelfasern nahm über das Normalmaß hinaus zu.

Ganz ähnliche Beobachtungen gibt es auch beim Menschen. Schon lange mehren sich die Hinweise, dass nichtsteroidale Entzündungshemmer die Muskelregeneration behindern und so verletzte, gezerrte oder überstrapazierte Muskeln schlechter heilen. In manchen Sportarten jedoch ist der Gebrauch solcher Medikamente üblich, um effektiver trainieren zu können. Schätzungsweise sollen zwischen 50 und 60 Prozent aller Teilnehmer des Boston-Marathons 2005 sowie des Bonn-Marathons 2010 auf diese Schmerzstiller zurückgegriffen haben. Teilweise werden Diclofenac, Ibuprofen und Aspirin vorbeugend in sehr hohen Dosen eingenommen.

 

Nach dem Training: Finger weg von Schmerzmitteln – dafür Füße hoch

Dank Aufklärungskampagnen gehen die Zahlen mittlerweile wieder zurück. Dennoch schätzen Sportmediziner, dass die Dunkelziffer nach wie vor groß ist. Ähnliche Zustände gibt es auch im Fußball. Bei einer Umfrage während der Fifa-WM 2014 in Brasilien haben 54 Prozent der Fußballspieler bereits vor den Spielen prophylaktisch zu den Schmerzmitteln gegriffen – in der Hoffnung, dass sich so Beschwerden hinauszögern oder möglicherweise sogar verhindern lassen. Wie die Untersuchungen an Mäusen belegen, ist diese Annahme falsch und bewirkt genau das Gegenteil: Statt schnellerer Regeneration wird die Muskelheilung sogar behindert. Darüber hinaus birgt der Schmerzmittelkonsum weitere Gefahren durch die Nebenwirkungen. Es kann zu Blutungen oder Magen-Darm-Beschwerden kommen. Im schlimmsten Fall droht ein komplettes Versagen der Nieren.

Für den nächsten Muskelkater nach einem harten Training raten daher Experten: Zähne zusammenbeißen, Augen zu und durch. Ohne Schmerzmittel geht die Muskelregeneration schneller vonstatten.

 

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