Plazenta essen: Gesund oder gefährlich?

Studie fand keine belegten Vorteile – lediglich Gefahren

Das Abenteuer Schwangerschaft ist aufregend. Viele Entscheidungen müssen die werdenden Eltern treffen, das bedeutet zwangsläufig auch, auf viele Fragen sind die richtigen Antworten zu finden. Beispielsweise: An welchem Ort soll die Geburt stattfinden – als Hausgeburt in den eigenen vier Wänden, in der Klinik oder im Geburtshaus? Welche Entbindungsart ist die richtige – welche Vor- und Nachteile hat die Wassergeburt, der Kaiserschnitt oder der Gebärhocker? Und was soll mit dem Nabelschnurblut passieren – soll es privat eingelagert oder öffentlich gespendet werden? Und nicht wenige Frauen stellen sich neuerdings ebenso die Frage: Was geschieht nach der Geburt mit der Plazenta – Wird der Mutterkuchen im Klinikmüll entsorgt, im heimischen Garten begraben oder soll ich ihn sogar essen?

Stopp! „Plazenta essen?!“ Richtig gelesen! In einschlägigen Foren ist das Plazenta-Essen der letzte Schrei – ein Trend, an dem Schwangere kaum vorbeikommen. Die „Rezepte“ und die damit verbundenen Verarbeitungsstufen reichen dabei von roher Plazenta („Mutterkuchen-Carpaccio“) über gekochte Plazenta („Plazenta-Lasagne“) bis hin zu gemahlener Plazenta („Plazentanosoden“).

© Alex Hockett / unsplash.com

Was soll nach der Geburt mit der Plazenta geschehen? Diese Frage stellen sich viele werdende Eltern. Eher eine dumme Idee, weil mit unkalkulierbaren Risiken verbunden, ist das Essen der Plazenta. Die trimeda-Redaktion empfiehlt unmissverständlich: Lassen Sie den kannibalistisch-esoterischen „Schmunz“ einfach weg. Wenn Sie tatsächlich etwas für sich und die Gesundheit Ihrer Familie tun wollen, dann nehmen Sie den Mutterkuchen mit nach Hause, begraben ihn im eigenen Garten und Pflanzen darauf ein Apfelbäumchen.

 

In den USA ist es bereits gang und gäbe: Wer hier so richtig „up-to-date“ sein möchte, verzehrt als frisch gebackene Mutter nach der Geburt die Plazenta – quasi als erste Mutprobe des Elternseins. Mittlerweile ist der Trend auch über den Atlantik bis zu uns geschwappt. Es kursieren auf Facebook und in Whats-App-Gruppen die verschiedensten Gerüchte, welche Vorteile das Plazenta-Essen mit sich bringt. Doch wie belastbar sind die angeblich positiven Effekte? Eine Gruppe von Forscherinnen ging den vermeintlichen Wirkungen nach und hinterfragte den Trend.

 

Selbst manche Hebammen empfehlen, die Plazenta zu essen

Befürworterinnen des Plazenta-Essens argumentieren, dass im Tierreich die Mutter unmittelbar nach der Geburt die Plazenta verspeisen würde. Dahinter wird vermutet, dass sich die Tiermütter so extra viele Nährstoffe zurückholen und die bei der Geburt verbrauchten Reserven auffüllen würden. Die Schlussfolgerung der Anhängerinnen klingen nach dieser Argumentationskette logisch: Wenn der Mensch die Plazenta nach der Geburt verspeist, wäre das nur „back to the roots“ und damit ganz natürlich.

Für das beobachtete Verhalten bei Tieren gibt es jedoch einen anderen Grund: Tiere essen die Plazenta auf, um so die Spuren der Geburt zu verwischen, denn eine verwesende Plazenta würde sehr schnell Räuber und Beutegreifer auf Mutter und Kind aufmerksam machen.

 

Maue Studienlage liefert keine stichhaltigen Belege für die Thesen zum Verspeisen der Nachgeburt

Befürworter des Plazenta-Essens bringen noch weitere Vorteile ins Spiel: So würde angeblich die Muttermilchproduktion angekurbelt, da der Mutterkuchen viele Hormone und Nährstoffe enthalten soll. Und auch eine Wochenbettdepression ließe sich mit dem Verspeisen des Mutterkuchens abwenden.

Doch all das sind lediglich Behauptungen, denn es gab bislang keine seriösen, wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, die die Auswirkungen des Plazenta-Essens untersuchen. Forscherinnen von der Northwestern-University in Chicago (USA) haben diese Lücke nun geschlossen und Pionierarbeit geleistet, indem sie erstmals die Studienlage über das Thema zusammentrugen. Ihr Schluss: Es gibt praktisch keine Daten. Es existiert lediglich eine Untersuchung aus dem Jahr 1954, der man mit viel gutem Zureden den Titel „Studie“ verleihen kann. Sie genügt jedoch längst nicht den heutigen Standards, die an wissenschaftliche Studien gestellt werden. Und dennoch wird genau jene Studie von den Befürwortern immer wieder zitiert und angepriesen.

 

Best Case: Verspeisen der Nachgeburt hat Placebo-Effekt

Im Jahr 1954 wurden Mütter gefragt, die gefriergetrocknete Plazenta gegessen hatten. Sie gaben zu Protokoll, dass sie mehr Muttermilch produzieren würden. Eine mit einem entsprechendem Placebo-versorgte Kontrollgruppe gab es nicht. Das Versäumnis wurde später zwar mit einer kleinen Gruppe von Frauen nachgeholt, jedoch lassen sich daraus keine sicheren Schlüsse ziehen.

Die Wissenschaftlerinnen aus Chicago fanden auch Berichte über Tierversuche. Die dort gesammelten Daten legen die Vermutung nahe, dass die in der Plazenta enthaltenen Stoffe die Wirkung von selbstproduzierten, also körpereigenen, Schmerzmitteln verstärken können. Diese Endorphine müssten allerdings in sehr hohen Konzentrationen vorliegen. Die aufgrund der Geburt ausgeschütteten Botenstoffe reichen mengenmäßig bei weitem nicht aus, das erforderliche Level zu erreichen.

Die Ergebnisse aus den Tierversuchen bestätigen ebenfalls nicht, dass das Plazenta-Essen die Laktation, also die Produktion von Muttermilch, ankurbelt oder deswegen überhaupt mehr Muttermilch gebildet würde. Auch für die Hypothese, dass sich dank der verspeisten Plazenta der Körper schneller von der Schwangerschaft erholt und der Hormonhaushalt früher wieder einpegelt, finden sich keinerlei Belege durch die Tierversuche.

 

 

Die meisten Kulturen betrachten die Plazenta als unrein und bestatten sie

Als nächstes sahen sich die US-amerikanischen Forscherinnen an, ob es ethnologische Belege für die angeblichen Vorteile des Plazenta-Essens gibt. Fakt ist jedoch: Das Verspeisen der Plazenta war und ist keiner der untersuchten Kulturen üblich. Es gibt demnach keine Tradition der Urvölker. Nur in ganz wenigen Fällen fand sich der Glaube an die gesundheitsfördernden Wirkungen der Plazenta wieder. In etlichen Kulturkreisen gilt die Nachgeburt sogar als unsauber, weswegen es besser ist, sie zu beerdigen.

Es konnte nur eine einzige Quelle aus China gefunden werden. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und preist die getrocknete, menschliche Plazenta als Heilmittel gegen verschiedene Leiden an. Allerdings sollen damit nicht weibliche Leiden kuriert werden, sondern die der Herren. Hier kam der Mutterkuchen bei Impotenz und Unfruchtbarkeit zum Einsatz.

Die Untersuchungsergebnisse aus Chicago wurden im Fachblatt „Archives of Women’s Mental Health“ veröffentlicht. In ihrem Fazit kommen die Forscherinnen zu dem Schluss, dass die Datenlage beim Plazenta-Essen so dürftig ist, dass keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Gesundheit möglich sind. Die Forscherinnen warnen jedoch ausdrücklich davor, dass dies kein Freibrief für das Plazenta-Essen sei. Die Logik „Wenn es schon nicht hilft, kann es ja auch nicht unbedingt schaden.“ hinkt. Die Wissenschaftlerinnen weisen ausdrücklich auf die natürliche Funktion der Plazenta hin. Sie ist bekanntlich eine Barriere und soll Giftstoffe bzw. Erreger aufhalten, um so das Ungeborene zu schützen. Das Plazentagewebe enthält zwar einerseits relativ viel Eisen, es kann aber auch abgelagerte Schwermetalle, Bakterien und Viren enthalten.

 

Gefahren des Plazenta-Essens resultieren aus der Grundfunktion des Mutterkuchens

Es ist schon verwunderlich: Während der Schwangerschaft und Stillzeit achten viele Frauen extrem auf ihre Ernährung. Und dennoch sind nicht wenige für ein paar vermeintliche Heilsversprechen bereit, all die guten und richtigen Empfehlungen sowie Ratschläge über Bord zu werfen und etwas zu konsumieren, dessen Nutzen nicht eindeutig belegt ist und dessen Risiken nicht abschließend wissenschaftlich ausgeschlossen wurden. Weitere, ganz profane Probleme beim Plazenta-Essen lauern neben der ethischen Belastung „Kannibalismus“ außerdem in der Lagerung, der Zubereitung und der Dosierung. Es gibt hierfür schlicht und ergreifend keine verbindlichen Standards, Empfehlungen oder Best-Practise-Erfahrungen.

Wer nicht möchte, dass die Plazenta einfach im Müll entsorgt wird, nachdem sie 10 Monate lang verlässlich ihren Dienst geleistet und das Baby versorgt hat, der kann sich den Mutterkuchen durchaus mit nach Hause geben lassen. Denn rein juristisch gehört das Gewebe der Nachgeburt den Eltern. In Deutschland hat sich die schöne Tradition etabliert, die Plazenta im heimischen Garten zu vergraben und darauf einen Lebensbaum zu pflanzen. Damit tut man einerseits etwas Gutes für die Umwelt. Und wenn der Lebensbaum dann sogar noch ein Apfelbaum ist, dann hat die Plazenta wirklich etwas für die Gesundheit getan, denn ein Apfelbaum ist eine effektive Gesundheitsvorsorge für die ganze Familie – unabhängig von dem ganzen esoterischen „Kram“ wie Plazenta-Essen, Plazenta-Globuli oder Mutterkuchen-Nosoden.

 

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