Nutzen der Stammzellen

Vom Nutzen der Stammzellen: Überzogene Erwartungen oder doch Allheilmittel?

Die Stammzellenforschung ist im Moment noch ein großes Versprechen an die Zukunft. Viele Wissenschaftsteams beschäftigen sich mit der Grundlagenforschung. Bis zur ganz konkreten Anwendungsforschung ist es bei vielen Projekten noch ein weiter Weg.

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Die Wissenschaftler müssen ganz genau hinsehen und lernen, wie die Prozesse bei Stammzellen ablaufen. Nur so können aus dieser Grundlagenforschung konkrete Therapien bei einer Reihe von bislang unheilbaren Krankheiten entstehen.

 

Die Forscher müssen zunächst die grundlegenden Prozesse verstehen, die bei der Embryogenese ablaufen und dafür sorgen, dass aus einer befruchteten Eizelle ein kompletter Mensch mit Haut und Haaren, mit Organen und Extremitäten wird. Dazu differenzieren sich die Stammzellen zu über 200 verschiedenen Gewebetypen mit ganz unterschiedlichen Aufgaben aus. Die Forscher interessieren die Signalwege, die dazu führen, dass sich eine Stammzelle beginnt zu teilen. Welche Bedingungen müssen gegeben sein? Was kann dabei schief gehen? Erst wenn diese Grundlagen bekannt sind, können die Erkenntnisse für die Entwicklung konkreter Therapien genutzt werden.

Wann aus der Grundlagenforschung ganz konkrete Therapien für einzelne Krankheiten werden, kann im Moment kein seriöser Wissenschaftler prognostizieren. Natürlich schwingt immer die Hoffnung mit, dass der große Durchbruch besser heute als morgen passiert. Doch mit Rückschlägen muss leider auch immer wieder gerechnet werden. Nichts desto trotz zeigen die aktuell bereits nutzbaren Stammzellentherapien, welches Potenzial in den Alleskönnerzellen steckt.

 

Nutzen der Stammzellen: Zur Behandlung von Blutbildungsstörungen und Immundefekten

Als Standardtherapie hat die Stammzellentherapie bei Blutbildungsstörungen und Immundefekten längst Einzug in den medizinischen Alltag gehalten. Sie gibt es seit vielen Jahrzehnten. Bereits im Jahr 2012 überschritt die Zahl der Transplantationen von Blutstammzellen die Marke von einer Million. Hierfür werden meist die hämatopoetischen Stammzellen aus dem Knochenmark Erwachsener bzw. dem Nabelschnurblut Neugeborener genutzt. Bei Leukämie oder Anämien starten die Mediziner so die gesunde Blutbildung neu. Diesen Ansatz nutzen Ärzte mittlerweile auch bei einer Reihe von Krebsarten wie Brustkrebs, Neuroblastom oder Myelomen zur Unterstützung der Krebstherapie. Da die Chemotherapie und Bestrahlung nicht nur die Krebszellen angreift, sondern auch das Knochenmark schädigen kann, werden den Patienten vor der Therapie Stammzellen entnommen, eingefroren und nach Abschluss der Behandlung wieder transplantiert. Wachsen die neuen, alten Stammzellen im Knochenmark an, sorgen sie dafür, dass die Hämatopoese schneller in Gang kommt. Somit wird der Genesungsprozess beschleunigt.

Ganz ähnliche Hoffnungen liegen auf den Stammzellen bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus, Rheuma oder Diabetes. Hier kam es zu einer Fehlprägung des Immunsystems, die dazu führt, dass die eigene Körperabwehr gesunde Körperzellen angreift und zerstört. Gerade dem aufbewahrten Nabelschnurblut Neugeborener wird hier ein großes Potenzial und damit Nutzen bescheinigt. Es enthält nämlich nicht nur Stammzellen sondern auch eine Reihe von Wachstumsfaktoren und die Immunzellen im Rahmen des mütterlichen Nestschutzes. Das Zusammenspiel aus diesen Komponenten könnte dafür sorgen, dass das aus den Fugen geratene Immunsystem in Zaum gehalten wird und keine gesunden Zellen mehr zerstört werden. Die von der Autoimmunkrankheit verursachten Beschwerden sollten sich damit verringern. Bislang gibt es erste vielversprechende Heilversuche und klinische Studien. Doch auch hier wird noch einige Zeit ins Land gehen, bis die Therapien die erforderlichen Zulassungs- und Sicherheitsprüfungen der Behörden bestehen und Eingang in den medizinischen Alltag finden.

 

Nutzen der Stammzellen für alle wird maßgeblich vom Kostenrahmen bestimmt

Kritiker der Stammzellenforschung warnen davor, den möglichen Nutzen der Stammzellen zu sehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und so bei Patienten mit bislang unheilbaren Krankheiten wie ALS, Mukoviszidose, Demenz oder Parkinson enorme Erwartungen zu schüren. Enttäuschungen werden nicht ausbleiben, wenn nicht von Anfang an alle Fakten und Argumente offen auf dem Tisch liegen. Wer die Chancen der Stammzellen lobt, darf schließlich auch die Risiken nicht verschweigen.

Der Nutzen der Stammzellen für alle wird nämlich maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die Verfahren so weit zu optimieren, dass sich die Kosten im Rahmen halten werden. Zukünftige Therapien werden vermutlich sehr stark auf die induzierten, pluripotenten Stammzellen setzen – sofern kein Stammzelldepot aus neonatalen Nabelschnur-Stammzellen vorhanden ist. Hierbei werden patienteneigene Hautzellen entnommen und in einen Urzustand zurückversetzt. Der Vorteil: Das Abstoßungsrisiko tendiert gegen Null. Individuelle Therapien sind allerdings aufwändig und damit sehr teuer.

Wie entscheidend die Kontrolle des Kostenrahmens für die „Massentauglichkeit“ von Therapiemöglichkeiten ist, zeigt sich aktuell in der Behandlung von Arthrose mit Hilfe der Stammzellen. Dazu werden heute bereits aus dem abgenutzten Gelenk per Biopsie patienteneigene Stammzellen entnommen, im Labor aufwändig vermehrt und dem Patienten im Anschluss wieder injiziert. Die Stammzellenspritze kostet mehrere Tausend Euro, sodass sich im Moment die gesetzlichen Krankenkassen weigern, die Finanzierung zu übernehmen – auch weil noch keine Langzeitstudien vorliegen, ob sich so das Einsetzen einer künstlichen Gelenkprothese tatsächlich dauerhaft vermeiden lässt. Die Debatte um die Kosten wird im Hinblick auf den demografischen Wandel und die Kostenexplosion im Gesundheitswesen viele Entscheidungen in Zukunft mitbestimmen.

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