Neue Stammzellenquelle: Stammzellen aus Urin gewonnen

StartUp UriCell will die personalisierte Medizin voranbringen

Bereits 1993 erschien ein Buch mit dem Titel „Urin – ein ganz besonderer Saft“. Jetzt allerdings erweist sich der Titel als geradezu prophetisch, denn es gelang Forschern der Universitätsklinik Düsseldorf, aus Urin Stammzellen zu isolieren. Die Pipi-Wunderzellen sollen helfen, die Grundlagenforschung voranzutreiben.

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Das „Manneken Pis“ gehört zu den Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt Brüssel. Der wasserlassende Knabe ist ein Tourismusmagnet. Als Sympathieträger „pinkelt“ er tagtäglich für die Völkerverständigung. Doch in Zukunft könnte jeder zum Urinieren für die Gesundheit aufgefordert werden. Forscher der Uniklinik Düsseldorf entdeckten nämlich, dass der menschliche Harn eine potentielle Stammzellenquelle ist, denn er enthält ebenso wie das Fruchtwasser oder das Knochenmark wertvolle Stammzellen. Die Urin-Stammzellen könnten langfristig in der Regenerativen Medizin zum Einsatz kommen.

 

Aus dem „kleinen Geschäft“ kann etwas ganz Großes entstehen

Bislang ist die Gewinnung von Stammzellen kompliziert. Meist ist ein Eingriff erforderlich, um an die Stammzellenquelle heranzukommen.

  • Um die hämatopoetischen Stammzellen zu gewinnen, muss das Knochenmark punktiert werden, wenn es nicht geklappt hat, die Stammzellen im peripheren Blut mittels Medikamenten zu erhöhen.
  • Auch Fettstammzellen lassen sich nur mit einer Fettabsaugung (Liposuktion) gewinnen.
  • Um an die Stammzellen im Fruchtwasser zu gelangen, ist eine Fruchtwasserpunktion (Amniozentese) erforderlich, die jedoch das Risiko für eine Fehlgeburt ansteigen lässt.
  • Und selbst die kleine Hautbiopsie für die Gewinnung von Hautzellen, die im Anschluss so umprogrammiert werden, dass sie als sogenannte induzierte, pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) beinahe die gleichen Eigenschaften wie embryonale Stammzellen haben, hinterlässt eine kleine Wunde und Narbe.

Alle Eingriffe sind eine Belastung für den Patienten. Es kann zu Schmerzen und Komplikationen kommen.

  • Bislang ist lediglich die Gewinnung von neonatalen Stammzellen aus der Nabelschnur absolut risikolos, schmerzfrei und ethisch völlig unbedenklich, denn die Nabelschnur enthält einerseits keine Nervenzellen und würde andererseits sonst nach der Geburt im Klinikmüll entsorgt.

 

Neue Stammzellenquelle gesucht und gefunden

Mediziner und Wissenschaftler sind daher auf der Suche nach weiteren Stammzellenquellen, die die Kriterien „schmerzfrei“, „risikolos“ und „ethisch unbedenklich“ erfüllen. Nun wurden sie in Düsseldorf fündig. Auch der menschliche Urin enthält verschiedene Zelltypen, aus denen sich IPS-Zellen gewinnen ließen. Das aufwendige Verfahren ist jedoch gar nicht notwendig, denn einer der Zelltypen im Urin entpuppte sich als Nierenstammzellen. Sie brauchen nur herausgefiltert zu werden.

Der Patient kann so ein wenig Urin abgeben. Aus ihm können im Labor die begehrten „Alleskönner-Zellen“ isoliert werden. In Düsseldorf gelang darüberhinaus der Nachweis, dass die Urin-Stammzellen in ihrem Potential den Knochenmark-Stammzellen in nichts nachstehen. Damit ist der Harn eine ebenso gute Stammzellenquelle.

 

UriCell soll Medikamententests unterstützen

Das Forscherteam ist dabei, die Methode patentieren zu lassen. Außerdem soll das Verfahren im ersten Schritt unter dem Namen „UriCell“ vermarktet werden. Damit möchten sich das Startup der Stammzellenforscher aus Nordrhein-Westfalen zunächst als Dienstleister der Arzneimittelkonzerne etablieren, indem die Medikamententests bei der Medikamentenentwicklung unterstützt werden. So soll die personalisierte Medizin weiter voranbringen.

Bislang erhalten alle Patienten ein und dasselbe Medikament. Dank der leicht aus dem Urin gewonnenen Stammzellen des Patienten kann schon vorher geprüft werden, ob der Patient auf das Medikament überhaupt reagiert. So ist es möglich, die Zusammensetzung von Medikamenten individuell auf den Patienten abzustimmen.

Ganz sicher kommen die Urin-Stammzellen nicht bei der einfachen „Husten-Medizin“ zum Einsatz. Sie könnten aber beispielsweise dafür sorgen, dass Krebstherapien effizienter werden und sich die Überlebenszeit der Patienten bei aggressiven Tumoren verlängert.

 

Langfristiges Ziel: Aus Urin gewonnene Stammzellen sollen geschädigte Organe regenerieren

Neben diesem mittelfristigen Zielen verfolgen die Düsseldorfer Forscher jedoch auch ein langfristiges Ziel. Die Urin-Stammzellen sollen helfen, geschädigte Organe zu reparieren. Auch eine Urinstammzellbank wäre durchaus denkbar. Analog zur Nabelschnurblutbank würden hier die aus Urin gewonnen Stammzellen eingefroren und im Kälteschlaf auf ihren Einsatz warten. Sie könnten dann im Ernstfall aufgetaut und für den medizinischen Einsatz genutzt werden.

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