Nabelschnurblut für Geschwister

Wann Stammzellen aus der Nabelschnur auch Geschwisterkindern helfen können

Es gibt mittlerweile rund 80 Krankheiten, bei denen die eigenen Stammzellen für Therapiezwecke in Frage kommen. Darunter zählen beispielsweise Cerebralparese, Taubheit, Immundefekte oder Blutbildungsstörungen. Langfristig könnte sich die Stammzellentherapie auch bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes oder Demenz etablieren. Hier laufen bereits erste vielversprechende Studien, allerdings steht die Zulassung durch die Behörden noch aus.

Doch, was passiert, wenn ein Mitglied der Familie erkrankt? Können dann die privat eingelagerten Stammzellen aus der Nabelschnur eingesetzt werden? Kann Nabelschnurblut Geschwistern tatsächlich helfen?

Die Kurzantwort lautet: Prinzipiell kommt ein Einsatz des Nabelschnurblutes für Geschwister in Betracht. Für die notwendigen Bedingungen muss man jedoch etwas weiter ausholen.

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Privat eingelagertes Nabelschnurblut kann Geschwisterkindern helfen. Wenn die HLA-Merkmale übereinstimmen, kann der Bruder bzw. die Schwester zum Lebensretter für ein erkranktes Geschwisterchen werden.

 

Die individuellen Gewebemerkmale werden von Vater und Mutter vererbt

Jeder Mensch besitzt eigene Gewebemerkmale, die sogenannten HLA-Merkmale. Die Abkürzung HLA steht dabei für Human Leukocyte Antigen. Es handelt sich um spezifische Strukturen auf der Oberfläche der Körperzellen. Die HLA-Merkmale sind fast so individuell wie ein Fingerabdruck. Sie helfen dem Immunsystem, fremde von eigenen Zellen zu unterscheiden. Alles, was als andersartig erkannt wird, wird von der Körperpolizei attackiert und nach Möglichkeit zerstört. So sollen potentiell gefährliche Eindringlinge wie Viren, Bakterien und Pilze abgewehrt werden. Genau dieser Schutzmechanismus macht allerdings die Organtransplantation so schwierig. Nur wenn Spender und Empfänger in ihren Gewebemerkmalen perfekt übereinstimmen, kommt es nicht zur gefürchteten Abstoßungsreaktion.

Insgesamt gibt es 5 wichtige HLA-Merkmale. Alle befinden sich auf einem Chromosom. Da jeder Mensch von seinen Eltern jeweils einen Chromosomensatz erbt, besitzt jeder von uns 10 HLA-Werte. Erschwerend kommt hinzu, dass jedes einzelne Merkmal wiederum selbst sehr viele unterschiedliche Ausprägung haben kann. So ergeben sich Billionen von Kombinationsmöglichkeiten. Mathematisch lässt sich damit in einfachen Worten erklären, warum die Suche nach einem geeigneten, nicht verwandten Spender so zeitintensiv und kompliziert ist.

 

Über die Chance einen geeigneten Spender innerhalb der Familie zu finden

Doch es gibt durchaus die Möglichkeit innerhalb der Familie einen geeignete Spender zu finden. Laut Statistik stehen die Chancen im Normalfall zwischen 25 und 30 Prozent.

Die statistischen Chancen innerhalb der Familie im Überblick

  • 100 % bei den eigenen Stammzellen des Kindes
  • 0 bis 50 % bei biologischen Eltern (Mutter / Vater)
  • 0 bis 75 % bei biologischen Geschwistern (Bruder / Schweser)
  • 0 bis 20 % bei nahen Verwandten (Tante / Onkel bzw. Oma / Opa (Großeltern))

 

Von den besonderen Eigenschaften der Nabelschnurblut-Stammzellen profitieren alle – nicht nur Geschwister

Doch die Stammzellen aus der Nabelschnur weisen besondere Merkmale auf, die dafür sorgen, dass es innerhalb der adulten Stammzellen zu einem eigenen Subtyp gereicht hat: den neonatalen Stammzellen. Die Nabelschnurblut-Stammzellen sind besonders jung und flexibel. Auf ihrer Oberfläche tragen sie weniger Marker und werden daher von den Immunzellen nicht so schnell als potentielle Eindringlinge identifiziert. Diese Anpassungsfähigkeit steigert die Chancen, einen geeigneten Spender zu finden, denn es müssen damit weniger HLA-Merkmale übereinstimmen, d. h. die Anzahl der sogenannten Mismatches darf steigen. Während ein idealer Spender in 10 von 10 HLA-Merkmalen mit dem Empfänger übereinstimmt und eine normale Transplantation nur stattfinden kann, wenn mindestens 8 von 10 Merkmalen stimmen, können die Mediziner bei der Transplantation von Nabelschnurblut etwas toleranter sein. Soll ein Nabelschnurblut-Transplantat innerhalb der Familie verwendet werden, müssen im Notfall sogar nur 5 von 10 Merkmalen passen. Experten sprechen dann von einer haploidentischen Transplantation. Als „halbpassend“ bzw. „halbidentisch“ teilen sich Spender und Empfänger jeweils nur die Hälfte der Gene. Das Geschwister-Nabelschnurblut kann daher eine wichtige Stammzellquelle darstellen. Die Anzahl der haploidentischen Transplantationen steigt beständig.

Die Mediziner müssen dann den Ablauf der Therapie zur Vorbereitung und Nachsorge anpassen, aber Studien konnten sogar belegen, dass die Transplantation von Nabelschnurblut besser verträglich ist, wenn die HLA-Merkmale von Spender und Empfänger eben nicht genau übereinstimmen. Es dauert dann zwar unter Umständen länger, bis die neugestartete Blutbildung wieder anspringt, aber die geringere, langfristige Mortalitätsrate spricht für dieses Verfahren.

 

Das Beispiel Leukämie: Kann Nabelschnurblut dem eigenen Kind oder Geschwistern helfen?

Zur Argumentation für oder gegen die private Nabelschnurblut-Einlagerung bzw. die öffentliche Spende wird gerne das Schreckensszenario „Leukämie“, also der Blutkrebs, herangezogen. Jedes Jahr erkranken ca. 11.000 Menschen neu an Leukämie, darunter 600 Kinder. Bei Leukämie bevorzugen Mediziner in der Regel immer eine allogene Spende, d. h. Spender und Empfänger sind nicht gleich, weil die Experten davon ausgehen, dass die eigenen Stammzellen die genetischen Defekte, die zur Krankheit führen, bereits in ihren Anlagen tragen. Von daher kommt bei diesem Krankheitsbild das eigene Nabelschnurblut zunächst nicht in Frage, weswegen viele Mediziner grundsätzlich für die Nabelschnurblutspende plädieren.

Kleine Leukämie-Patienten können dennoch durchaus vom privat eingelagerten Nabelschnurblut eines Geschwisterkindes profitieren. Die Statistik spricht allerdings eine eindeutige Sprache und gibt im Hinblick auf das allgemeine Gefahrenpotenzial Entwarnung. Im Schnitt erkranken in Deutschland von 100.000 Kindern nur 3 bis 4 Kinder an Leukämie. Jeder Einzelfall stellt ein tragisches Schicksal dar. Keine Frage. Aber das Erkrankungsrisiko für den Einzelnen ist damit dennoch als gering einzustufen. Von 100.000 Kindern bekommen 13 bis 14 jedoch ein anderes Krebsleiden, bei dem eine Therapie mit Stammzellen eventuell helfen könnte.

Wichtig zu wissen ist jedoch, dass 80 Prozent der Krebspatienten zunächst mit einer konventionellen Therapie aus Chemotherapie und Bestrahlung erfolgreich behandelt werden. Hier ist im ersten Schritt keine Stammzellentherapie erforderlich. Erst wenn die klassische Therapie nicht anschlägt oder es zu einem Rückfall kommt, wird über Alternativen wie eine Stammzellentransplantation nachgedacht und – sofern vorhanden und passend – auf das Geschwister-Nabelschnurblut zurückgegriffen.

 

Vorbild ZKRD: Die Suche nach einem geeigneten Spender über internationale Stammzellregister

Wenn Patienten eine Stammzellentransplantation benötigen und bei ihnen allerdings kein Stammzellenspender innerhalb der eigenen Familie gefunden wird, dann läuft die Suche über die internationalen Stammzellspenderregister an. Hier sind die Erfolgsaussichten gut: In 70 Prozent der Fälle kann innerhalb von drei Monaten über internationale Stammzellenspenderdateien ein idealer Spender gefunden werden. Allein das ZKRD, das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland hat über vier Millionen registrierte, potentielle Spender in Deutschland verzeichnet und greift weltweit auf die Daten von 18 Millionen Menschen zurück. Wenn die behandelnden Mediziner ein Mismatch akzeptieren, d. h. nur 9 von 10 HLA-Merkmalen übereinstimmen müssen, steigt die Erfolgsquote im genannten Zeitraum sogar auf über 90 Prozent. Doch trotz des berechtigten Optimismus‘ gibt es Bevölkerungsgruppen mit besonderen Gewebemerkmalen, die in den Datenbanken deutlich unterrepräsentiert sind und daher sehr viel schwerer einen passenden Spender finden.

 

Die Zulassung des Paul-Ehrlich-Instituts entscheidet mit, ob das Nabelschnurblut für Geschwister und Familienangehörige verwendet werden darf

Ob das eingelagerte Nabelschnurblut am Ende auch für Geschwisterkinder und nahe Verwandte eingesetzt werden darf, ist abhängig von den Zulassungen, die die von den Eltern beauftragte Nabelschnurblutbank vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) besitzt. Hier muss man verschiedene Abstufungen unterscheiden. Jede einzelne Option muss beim PEI separat beantragt und genehmigt werden:

  1. Das Paul-Ehrlich-Institut kann Nabelschnurblut-Präparate für die autologe Transplantation Dies ist der Fall der Eigenspende, d. h. Spender und Empfänger sind identisch.
  2. Das Paul-Ehrlich-Institut kann die Zulassung auch für eine gerichtete Spende Bei einer gerichteten Spende handelt es sich um eine Anwendung innerhalb der Familie. Das heißt: Das Nabelschnurblut eines gesundes Geschwisterkindes kann seinem erkrankten Bruder oder Schwester helfen. Auch die Behandlung von Mutter und Vater, Oma und Opa oder Onkel und Tante wäre hier möglich.
  3. Als letzte Möglichkeit kann das Paul-Ehrlich-Institut die Nabelschnurblut-Präparate auch für die Fremdspende zulassen, d. h. Spender und Empfänger sind nicht ein und dieselbe Person. In der Regel besteht kein Verwandtschaftsverhältnis. Laut internationaler Transplantationsstandards kennen sich Spender und Empfänger noch nicht einmal. Es handelt sich damit um eine allogene Transplantation.
    Dennoch kann ein Neugeborenes mit solch einer Zulassung überall auf der Welt einem erkrankten Patienten Hoffnung auf ein gesundes Leben schenken.

Öffentliche Blutbanken besitzen in der Regel die PEI-Zulassung für die Fremdspende. Alle privaten Nabelschnurblutbanken besitzen dagegen zumindest die PEI-Zulassung für die autologe Transplantation. Darüber hinausgehende Zulassungen sollten werdende Eltern beim jeweiligen Anbieter erfragen, um sicherzustellen, dass das Nabelschnurblut eine große Chance zur Anwendung hat und im Notfall auch den Geschwistern zugutekommen darf.

Disclaimer
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