Nabelschnurblut einfrieren

Lebensversicherung Nabelschnurblut: Lohnt sich das Einfrieren?

Wenn das Leben am buchstäblich seidenen Faden hängt, greift jeder Patient unweigerlich zum rettenden Strohhalm. Was wäre, wenn man diesen Strohhalm bereits direkt nach der Geburt einfrieren könnte, um damit in der Zukunft schwere Krankheiten wie Krebs, Demenz oder Diabetes zu heilen. Was klingt wie ein Gedankenexperiment aus einem Science-Fiction-Roman, ist längst Alltag und lässt mittlerweile viele werdende Eltern grübeln.

Der vermeintliche Strohhalm ist das Nabelschnurblut des im Mutterleib heranwachsenden Nachwuchses. Direkt nach der Geburt eingefroren, soll es im späteren Leben die Wunderwaffe gegen viele Zipperlein sein – so lautet zumindest das Marketingversprechen der privaten Nabelschnurblutbanken. An dem Thema kommt kaum ein Elternpaar in spe vorbei. Wenn die junge Familie nicht bereits beim Frauenarzt oder bei der Hebamme darauf angesprochen wird, dann übernehmen ganz bestimmt Freunde, Bekannte oder die Großeltern das Anstoßen der Diskussion. Was ist dran am Nabelschnurblut-Einfrieren?

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Das Einfrieren des Nabelschnurblutes kann eine Art Lebensversicherung sein. Im Ernstfall werden die kryokonservierten Stammzellen aufgetaut und stehen dann für medizinische Zwecke zur Verfügung.

 

Warum ist Nabelschnurblut so wertvoll?

Gehen wir zurück auf Anfang. Die Nabelschnur ist am Lebensbeginn die Verbindung zwischen Mutter und Kind. Sie versorgt das heranwachsende Baby mit allem, was es benötigt: Sauerstoff und Nährstoffe. Zusätzlich transportiert die Nabelschnur schädliche Stoffe wie Harnstoff oder Kohlendioxid ab. Nach der Geburt ist die Nabelschnur nutzlos. Sie hat ausgedient und wandert in mehr als 90 Prozent der Fälle in den Klinikmüll – gemeinsam mit der Nachgeburt.

Doch die Nabelschnur enthält ein wertvolles Gut: Stammzellen. Die von der Medizin als beinahe Alleskönner angepriesenen Zellen kommen sowohl im Nabelschnurblut als auch im Nabelschnurgewebe vor. Beides kann unmittelbar nach der Geburt sichergestellt, aufbereitet und eingefroren werden.

Die Stammzellen aus der Nabelschnur haben das Potenzial, die Medizin zu revolutionieren, denn aus ihnen lässt sich neues Gewebe züchten.

  • Lunge oder Niere kaputt? Kein Problem, wir züchten eine neue.
  • Arthrose im Knie? Kein Problem, wir injizieren Stammzellen, um die Regeneration anzuregen.
  • Blutbildung durch Chemotherapie und Bestrahlung bei der Krebsbehandlung zerstört? Kein Problem, mit den Stammzellen starten wir Immunsystem und Hämatopoese neu.

So ähnlich könnten Mediziner der Zukunft klingen.

  • Noch funktioniert Beispiel 1 nur ansatzweise im Mausmodell.
  • Bei Beispiel 2 arbeiten die Wissenschaftler an der Optimierung der Verfahren, um die Kosten zu senken und so eine breite Massenanwendung zu ermöglichen.
  • Beispiel 3 ist bereits Standardtherapie bei Leukämie und anderen Krebsarten wie Brustkrebs, Neuroblastom oder Lymphomen.

 

Wie funktioniert der Prozess des Einfrierens von Nabelschnurblut?

Zunächst müssen sich die Eltern entscheiden: Nabelschnurblut einfrieren durch private Einlagerung oder Nabelschnurblut spenden an eine öffentliche Blutbank. Ist die Entscheidung für das Einfrieren zur eigenen Vorsorge gefallen, wird mit dem ausgewählten Anbieter ein Vorvertrag geschlossen. Die Kosten für die Aufbewahrung von Nabelschnurblut sind abhängig vom Anbieter, der Dauer der Einlagerung sowie den gewählten Zusatzoptionen. Von diesem Vertrag können die Eltern noch zurücktreten, wenn beispielsweise der Geburtsverlauf es nicht zuließ, Nabelschnurblut zu entnehmen oder das entnommene Blut nicht ausreichend viele Stammzellen enthält, sodass es für eine spätere Transplantation ungeeignet ist. Es sind in diesem Fall nur die Gebühren für die Entnahmebox, den Transport sowie die Untersuchung des Nabelschnurblutes zu tragen. Erst ganz am Ende, wenn die Eltern von der Nabelschnurblutbank das Einlagerungszertifikat ausgehändigt bekommen, ist die gesamte Rechnungssumme sowie die Jahresgebühr fällig.

Der Anbieter wird den Eltern ungefähr fünf bis sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin das Entnahmepaket schicken. Dieses enthält – steril verpackt – alles Erforderliche für die Nabelschnurblut- und/oder Nabelschnurgewebe-Entnahme. Das Paket müssen die Eltern mit in die Geburtsklinik nehmen und beim Arzt oder der Hebamme abgeben. Die enthaltenen Materialien dürfen sogar mit in den OP-Bereich, falls von vornherein ein Kaiserschnitt geplant oder während der Geburt erforderlich ist.

Egal, ob die Nabelschnur auspulsieren durfte oder das Kind zügig abgenabelt wurde, das Nabelschnurblut wird durch eine Punktion der Nabelschnurvene gewonnen. Die Menge an Nabelschnurblut kann jedoch immer schwanken. In der Regel können zwischen 60 und 200 Milliliter entnommen werden. Die Prozedur dauert kaum länger als eine normale Blutabnahme und ist für Mutter und Kind vollkommen schmerzfrei, da die Nabelschnur keine Schmerzrezeptoren besitzt. Anders als bei anderen Stammzellenquellen ist die Gewinnung mit keinerlei Risiken wie einem Narkoserisiko, einem Infektionsrisiko oder einer Medikamentenunverträglichkeit verbunden. Soll auch das Einfrieren des Nabelschnurgewebes erfolgen, muss ein möglichst großes Stück Nabelschnur von der Plazenta abgetrennt und ebenfalls steril verpackt werden.

Sind alle Gewebe entsprechend gesichert, informiert das Klinikpersonal den Kurierdienst. Er bringt die wertvolle Fracht an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr schnellstmöglich zum Labor des Anbieters. Dort wird der Inhalt vom Fachpersonal gesichtet und alle notwendigen Daten erfasst, bevor die aufwändige Aufbereitung im Reinraumlabor beginnt. In Deutschland gibt es hohe Sicherheits- und Qualitätsanforderungen an die Nabelschnurblutbanken, um überhaupt vom Paul-Ehrlich-Institut als zuständige Stelle eine entsprechende Zulassung zu bekommen. Daher arbeiten alle großen Nabelschnurblutbanken nach dem international bewährten GMP-Standard. GMP steht für „good manufacturing process“, was übersetzt so viel wie „gute Herstellungspraxis“ bedeutet. Nachdem das Nabelschnurblut und/oder Nabelschnurgewebe alle erforderlichen Schritte durchlaufen hat, erfolgt der letzte Schritt: Das Einfrieren. Dafür wird das Gewebe zunächst im sogenannten Freezer auf knapp -150° C vorgekühlt. Erst danach erfolgt der endgültige Umzug in den Kryotank. Hier ruhen die Stammzelldepots bei unter -180° C über -196° C kalten, flüssigen Stickstoff.

Durch das Einfrieren des Nabelschnurblutes kommen alle Prozesse in den Stammzellen zum Erliegen. Die Wunderzellen altern nicht und können so für Jahrzehnte im Kälteschlaf verharren, während außerhalb des Kryotanks das Leben weitergeht. Werden die Stammzellen eines Tages benötigt, so sind sie schnell verfügbar. Sie müssen nur aufgetaut werden und sind dann umgehend einsatzbereit. Studien konnten belegen, dass die Stammzellen im Nabelschnurgewebe und Nabelschnurblut durch das Einfrieren keinen Schaden nehmen und später zuverlässig Reparatur- und Regenerationsprozesse anstoßen können. Noch streiten allerdings die Experten, wie groß das tatsächliche Anwendungspotenzial für die eigenen Stammzellen aus der Nabelschnur ist. Die einen behaupten, dass womöglich jeder Siebte im späteren Leben darauf angewiesen sein könnte. Die anderen sagen, dass die Einsatzmöglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Denn wenn Stammzellen benötigt werden sollten, dann setzen Mediziner wie im Fall von Leukämie womöglich eh auf fremde Stammzellen, da die eigenen Stammzellen vermutlich den krankheitsauslösenden Defekt schon in sich tragen könnten.

 

Das Einfrieren von Nabelschnurblut ist ein Vertrauensprodukt

Wer sich bewusst für das Einfrieren von Nabelschnurblut entscheidet, glaubt an die Versprechen der Medizin von morgen und ist bereit, in die gesundheitliche Zukunft des Nachwuchses zu investieren. Experten definieren die Nabelschnurblut-Einlagerung als Vertrauensprodukt. Vom Charakter her ähnelt das Einfrieren der Stammzellen daher sehr einem Versicherungsprodukt wie einer Lebensversicherung oder der Absicherung gegen Invalidität. Die eigentliche Leistung, nämlich die Kryokonservierung der Stammzellen, ist bei allen Anbietern ähnlich. Hier unterscheidet sich lediglich das Aufbereitungsverfahren. Die einen frieren Vollblut ein. Die anderen setzen auf die Separation der Stammzellen. Für beide Verfahren lassen sich Pro- und Contra-Argumente finden.

Die Unterschiede zwischen den Anbietern der privaten Nabelschnurblut-Einlagerung finden sich daher eher im Service. Wie viele Depots sind eingelagert? Kann der Anbieter bereits konkrete Anwendungen vorweisen? Wie sähe die Unterstützung im Ernstfall aus? … All das sind Fragen, die im Auswahlprozess neben dem Preis eine Rolle spielen. Am Ende müssen die Eltern jedoch darauf vertrauen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Wer allerdings bereits in der Gegenwart die Stammzellen aus der Nabelschnur sinnvoll einsetzen möchte, für den ist die Nabelschnurblut-Spende möglicherweise die bessere Alternative. Hierdurch werden bereits heute Neugeborene zum Lebensretter, denn Nabelschnurblut bedeutet für viele Patienten die Hoffnung auf ein gesundes und beschwerdefreies Leben. Eltern sollten allerdings auch hier die Vor- und Nachteile genauestens kennen.

 

Sollten Sie noch Fragen zum Einfrieren von Nabelschnurblut haben, dann schreiben Sie uns bitte. Wir werden entsprechend recherchieren und Ihnen auf alle Fälle antworten.

Disclaimer
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