Nabelschnurblut: Auspulsieren der Nabelschnur

Das Abnabeln: Wann ist der richtige Zeitpunkt die Nabelschnur zu kappen?

Es gibt keine allgemeingültige Empfehlung, wann nach der Geburt der beste Zeitpunkt für das Durchtrennen der Nabelschnur gekommen ist. Einiges spricht für ein schnelles Abnabeln, einiges spricht allerdings auch dafür, die Nabelschnur auspulsieren zu lassen. Die Redaktion von familien-gesundheit.de hat die Vor- und Nachteile des Auspulsierens der Nabelschnur im Hinblick auf die Gewinnung von Stammzellen aus der Nabelschnur für Sie hier gesammelt.

© TawnyNina / pixabay.com

Wenn das Baby auf der Welt ist, hat die Nabelschnur ihren Dienst getan. Sie kann durchtrennt werden. Das Abnabeln des Kindes ist ein wichtiger Schritt ins Leben. Möchten die Eltern die Nabelschnur auspulsieren lassen, sollten sie darüber im Vorfeld mit Hebamme und Arzt sprechen.

 

Der Mensch ist ein Säugetier – so weit bekannt. Die meisten Säugetiere beißen unmittelbar nach der Geburt die Nabelschnur beim Nachwuchs durch, wenn diese nicht sogar schon beim Geburtsvorgang von allein zerreißt. Von daher war es lange Zeit nur logisch, dass beim Menschen die Nabelschnur zügig nach der Geburt durchtrennt wurde. Diese Aufgabe übernimmt meist der Vater, der so seine Tochter bzw. seinen Sohn im Leben begrüßt. Doch neuere Studien schüren Zweifel am frühen Abnabeln und belegen Vorteile des Auspulsieren-Lassens.

Während der Schwangerschaft verbindet die Nabelschnur Mutter und Ungeborenes. Sie ist die Lebensader und Verbindung des Babys mit der Außenwelt. Die Nabelschnur versorgt das Kind mit allen lebensnotwendigen Stoffen wie Sauerstoff und Nährstoffe. Gleichzeitig ist sie für den Abtransport von Stoffwechselendprodukten wie Kohlenstoffdioxid oder Harnstoff zuständig. Nach der Geburt wird diese Verbindung überflüssig, denn das Kind beginnt, selbstständig zu atmen. Doch die Nabelschnur setzt nicht sofort aus. Einige Minuten lang ist hier noch ein Puls zu fühlen, das bedeutet: Es strömt noch Blut. Das Auspulsieren der Nabelschnur dauert bis zu einer Viertelstunde, manchmal sogar 20 Minuten. Von der Natur ist das ganz praktisch eingerichtet, denn so kann die Nabelschnur zur Not eventuelle Anpassungsschwierigkeiten des Kindes ausgleichen. Befürworter des Auspulsierens sprechen von einem sanfteren Übergang ins Leben.

 

Argumente für das Nicht-Auspulsieren und damit frühe Abnabeln

Im Normalfall wird die Nabelschnur noch heute zügig nach der Geburt mit Hilfe zweier Nabelklemmen abgeklemmt und genau in der Mitte zerschnitten. Damit ist das Baby abgenabelt. Braucht das Kind oder die Mutter durch die anstrengende Geburt eine Erstversorgung, so kann diese umgehend beginnen. Ansonsten lässt sich das abgenabelte Baby der Mutter direkt auf die Brust legen. Diese ersten Minuten der Zweisamkeit sind wichtig für die Mutter-Kind-Beziehung. Das sogenannte Bonding wird daher sogar explizit von Ärzten und Hebammen empfohlen. Ein Argument für das frühe Abnabeln war daher auch, dass das Kind mit der nicht abgeklemmten Nabelschnur nicht auf einer höheren Ebene liegen dürfe als die Plazenta der Mutter, weil sonst das kindliche Blut in Richtung Mutterkuchen zurückfließen könnte. Da das Blutvolumen von Neugeborenen eh nicht hoch ist, wollte man hier kein Risiko eingehen.

 

Argumente für das Auspulsieren der Nabelschnur und damit spätere Abnabeln

Nun belegen Studien allerdings, dass das Auspulsieren der Nabelschnur für das Kind durchaus Vorteile haben kann, denn es bekommt zweifelsohne eine Extraportion Blut ab. Dieses zusätzliche Blut füllt die Eisenspeicher auf und beugt einem Eisenmangel im ersten Lebensjahr vor. Einen Nachteil benennen die Forscher allerdings auch: Das Auspulsieren-Lassen der Nabelschnur erhöht leicht das Risiko für eine Neugeborenengelbsucht.

 

Nabelschnurblut-Entnahme bei auspulsierter Nabelschnur: Funktioniert das?

Als wäre es nicht schon ein diffiziler Abwägungsprozess, mischen sich mittlerweile auch die Aspekte der Nabelschnurblut-Einlagerung in die Diskussion um den richtigen Zeitpunkt des Abnabelns. Sollen nach der Geburt die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut für die private Vorsorge oder für die öffentliche Spende gesichert werden, verkomplizieren die erforderlichen Abläufe das Finden des optimalen Abnabelungszeitpunktes noch weiter. Auf der einen Seite möchte man natürlich dem Neugeborenen nur die allerbesten Startchancen mitgeben – unabhängig ob die Einlagerung erfolgt oder nicht. Auf der anderen Seite zählt hier buchstäblich jeder Tropfen Nabelschnurblut, denn es gilt die Faustregel: Je größer das gewonnene Blutvolumen ist, desto mehr Stammzellen befinden sich später auch im Nabelschnurblutdepot. In der Regel können bei der Nabelschnurblut-Entnahme zwischen 60 bis 200 Milliliter des wertvollen Gutes gewonnen werden. Dazu punktiert der Arzt oder die Hebamme nach dem Abnabeln die Nabelschnurvene. Dieser Vorgang ist für Mutter und Kind vollkommen schmerzlos und risikolos.

Bei einer auspulsierten Nabelschnur erschlafft allerdings die Nabelschnurvene. Das erschwert deutlich die Arbeit des Klinikpersonals. Wird zu lange gewartet, kann womöglich nur eine geringe Menge Nabelschnurblut gewonnen werden. Die darin enthaltenen Stammzellen reichen dann möglicherweise nicht mehr aus für spätere Therapien.

Allgemeingültige Empfehlungen für das Abnabeln gibt es nicht. Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass es bei einer termingerechten und komplikationslosen Geburt keine Unterschiede zwischen früh abgenabelten Babys und Babys mit auspulsierter Nabelschnur gibt – weder im Hinblick auf die Sterblichkeit noch bei der altersgerechten Entwicklung. Da wirklich jeder Geburtsverlauf anders ist, sollten werdende Eltern daher im Geburtsplanungsgespräch das Thema ansprechen und für sich die  Prioritäten festlegen: Soll die Gewinnung von Nabelschnurblut im Vordergrund stehen oder ist das Auspulsieren der Nabelschnur wichtiger. Im Regelfall wird das Klinikpersonal einen guten Kompromiss finden und beispielsweise erst nach einer Minute abnabeln. Dann konnte bereits ein Teil des Nabelschnurblutes in den kindlichen Organismus übergehen, allerdings ist die Nabelschnur noch nicht auspulsiert, d. h. die Nabelschnurvene kann problemlos punktiert und das darin noch enthaltene stammzellreiche Blut aufgefangen werden.

Disclaimer
familien-gesundheit.de stellt ausschließlich Beiträge für Informationszwecke bereit. Die Hinweise und Informationen sind nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Sie ersetzen kein persönliches Gespräch, keine professionelle Beratung, keine individuelle Untersuchung oder fachkundige Behandlung durch ausgebildete und anerkannte, im Gesundheitswesen tätigte Experten wie z. B. Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Physiotherapeuten.