Nabelschnurblut Anwendung

Nabelschnurblut im Einsatz: Möglichkeiten der Anwendung heute und morgen

Dass Nabelschnurblut ein wertvolles Gut ist, hat sich unter werdenden Eltern bereits herumgesprochen. Von daher denken viele Paare intensiv darüber nach, ob sie das Nabelschnurblut für den Nachwuchs privat einlagern oder an eine öffentliche Blutbank spenden sollen. Die Pro- und Contra-Argumente für die einzelnen Möglichkeiten wollen genau abgewogen sein. Häufig stellt sich die Frage: Wofür kann Nabelschnurblut eingesetzt werden? Welche Anwendungen gibt es heute schon? Welche Therapien kann es in absehbarer Zukunft geben?

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Konkrete Anwendungen für Nabelschnurblut gibt es bereits heute schon – z. B. bei der der Behandlung von Blutbildungsstörugnen wie Leukämie oder Immundefekten wie dem Whiskott-Aldrich-Syndrom. In Zukunft sollen weitere Anwendungsmöglichkeiten hinzukommen.

 

Warum ist Nabelschnurblut so wertvoll?

Das Nabelschnurblut Neugeborener ist besonders reich an hämatopoetischen Stammzellen. Das Nabelschnurgewebe selbst enthält viele mesenchymale Stammzellen. Während die hämatopoetischen Stammzellen für die Blutbildung und das Immunsystem zuständig sind, sorgen die mesenchymalen Stammzellen für die Regeneration des Skelett- und Bewegungsapparates. Aus ihnen können sich Muskeln, Bindegewebe aber auch Knochen und Knorpel bilden.

Der Siegeszug der Stammzellen aus der Nabelschnur beginnt 1988 mit der ersten Anwendung von Nabelschnurblut. Die französische Ärztin Eliane Gluckmann behandelt mit Nabelschnurblut erstmals ein an Fanconi-Anämie erkranktes Kind in einem Pariser Krankenhaus. Mittlerweile hat sich die Transplantation von Nabelschnurblut bei Blutbildungsstörungen und Immundefekten fest etabliert. Die jungen und vitalen Stammzellen sind eine wichtige Stammzellenquelle neben Stammzellen aus dem Knochenmark oder Stammzellen aus dem peripheren Blut. In Japan beispielsweise kommen bereits bei jeder zweiten Stammzellentransplantation Nabelschnurblut-Präparate zum Einsatz.

 

Nabelschnurblut: Anwendungen in der Gegenwart

Eine der häufigsten Blutbildungsstörungen sind die verschiedenen Formen der Leukämie, die im Volksmund oftmals auch als Blutkrebs bezeichnet wird. Hier unterscheiden Fachleute zwischen AML (akute myeloische Leukämie) und CML (chronische myeloische Leukämie) sowie zwischen ALL (akute lymphatische Leukämie) und CLL (chronische lymphatische Leukämie). Doch auch Anämien wie die aplastische Anämie, Thalassämie oder die Fanconi-Anämie zählen zu dieser Krankheitsgruppe.

Mithilfe der Stammzellen wird außerdem die Blutbildung bei der Krebstherapie stimuliert, denn die aggressive Chemotherapie und Bestrahlung schädigt nicht nur die Krebszellen sondern auch das blutbildende System. Von daher werden Tumorpatienten vor Behandlungsbeginn Stammzellen entnommen, zwischengelagert und nach erfolgreicher Therapie wieder retransplantiert, um die Hämatopoese schnellstmöglich wieder in Gang zu bringen. Diese Anwendung hat sich bereits bei Myelomen, Brustkrebs oder Neuroblastom bewährt. Sie wird derzeit bei weiteren Krebsarten getestet. Die Gewinnung von Stammzellen ist jedoch eine Belastung für den Körper, der ohnehin durch die Krebserkrankung bereits geschwächt ist. Hier könnte das vorrätige, eingelagerte, eigene Nabelschnurblut eine gute Alternative sein.

Eng verwandt mit den Blutbildungsstörungen sind Immundefekte, weil ein Teil des Immunsystems auch über das Blut gesteuert wird. Bei Immundefekten unterscheiden Experten zwischen angeborenen und erworbenen Immundefekten. Zu den angeborenen Immundefekten gehört beispielsweise das Whiskott-Aldrich-Syndrom oder SCID (Severe Combined Immunodeficiency = schwerer, kombinierter Immundefekt). Die Ursachen liegen hier meist in den Genen begründet und treten von Geburt an auf. Zu den erworbenen Immundefekten zählt beispielsweise HIV/AIDS. Hier zeigen sich die Symptome erst im späteren Leben, weil es z. B. zu einer Infektion mit einem Erreger kam. Obwohl bereits mehrfache Versuche bei der Behandlung von AIDS gestartet wurden, gibt es bis heute weltweit mit dem sogenannten „Berliner Patienten“ nur einen HIV-Positiven, der mit Hilfe einer Stammzellentherapie nachweislich, dauerhaft von der Immunschwäche geheilt wurde. Doch dieser Fall zeigt auch, das Verfahren kann durchaus erfolgreich sein. Es muss nur weiter verbessert werden, um die Erfolgsrate zu steigern.

 

Nabelschnurblut-Anwendung in der Leukämie-Therapie

Nabelschnurblut ist heute aus der Leukämie-Therapie nicht mehr wegzudenken. Dabei kommt in der Regel nicht das eigene Nabelschnurblut zum Einsatz, sondern es werden die Stammzellen eines fremden Spenders genutzt. Im Idealfall stammt der Stammzellenspender aus der eigenen Familie. Das Nabelschnurblut von Geschwistern wie Bruder oder Schwester kann ein wichtiger Pool für Stammzellen sein und daher für die Anwendung in Frage kommen. Die Chancen für ein Passen der Gewebemerkmale innerhalb der Familie liegen statistisch zwischen 25 bis 30 Prozent.

Die Mediziner begründen ihr Vorgehen bei Blutkrebs damit, dass gerade bei kindlicher Leukämie die Stammzellen im Nabelschnurblut höchstwahrscheinlich bereits den Defekt in sich tragen, der zum Ausbruch der Krankheit führt. Beim eigenen Nabelschnurblut wäre daher das Rückfallrisiko größer, die Anwendung wird deswegen meist verworfen. Es gibt allerdings durchaus auch Versuche, Leukämie mit eigenem Nabelschnurblut zu heilen. Dies sind allerdings Einzelfälle, weil der Krankheitsverlauf eine langwierige Suche nach einem geeigneten Spender nicht zulässt.

Studien konnten belegen, dass die Transplantation von Nabelschnurblut gut verträglich ist. Bei Nabelschnurblutspenden ist es sogar positiv, wenn die Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger nicht zu 100 Prozent übereinstimmen. Die Erhöhung der Zahl der möglichen Mismatches führt dazu, dass für viele Patienten die Chancen, einen geeigneten Spender zu finden, steigen.

 

Nabelschnurblut: Anwendungen in der Zukunft

Kein seriöser Mediziner kann heute prognostizieren, wann und wo Nabelschnurblut in der Zukunft angewendet wird. Die Stammzellenforschung arbeitet beständig an neuen Anwendungsmöglichkeiten. Es gibt viele Ansätze, die in ersten klinischen Studien und Heilversuchen sehr vielversprechend waren. Mit Rückschlägen muss natürlich immer gerechnet werden. Experten sind sich jedoch einig, dass die Stammzellentherapie ein wichtiger Baustein der Medizin der Zukunft sein wird.

Ein potentielles Anwendungsgebiet von Nabelschnurblut sind Autoimmunkrankheiten wie Rheuma, Colitis ulcerosa, Lupus, Multiple Sklerose oder Diabetes. Hier laufen bereits erste Studien. Die Hoffnung der Mediziner ist, dass die Immunzellen im Nabelschnurblut dabei helfen, das aus den Fugen geratene Immunsystem zu regulieren, sodass die Körperpolizei die eigenen Körperzellen nicht länger angreift und zerstört.

Das Nabelschnurblut enthält allerdings nicht nur Stammzellen sondern ebenso Wachstumsfaktoren und Botenstoffe. Das Zusammenspiel aus den drei Komponenten hilft dabei, Entzündungsprozesse zu stoppen und die Regeneration anzustoßen. Somit wird die Wundheilung gefördert. Nicht nur Verbrennungsopfer sondern auch Diabetiker mit schlecht heilenden Wunden können vom Nabelschnurblut profitieren. Hier ist beispielsweise das offene Bein (Ulcus cruris) eine gefürchtete Komplikation, die bis zur Amputation der Extremität führen kann. Nabelschnurblut könnte eine Vielzahl der heute erforderlichen Eingriffe in Zukunft verhindern.

Das Anstoßen von Regenerationsprozessen durch die Anwendung von Nabelschnurblut kann außerdem bei Herzinfarkt und Schlaganfall genutzt werden. Auch hier zeigen erste Studien, einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf und eine Minimierung der Folgeschäden.

Langfristig soll mit Hilfe der Stammzellen aus der Nabelschnur neue Organe gezüchtet werden. Hat COPD beispielsweise die Lunge zerstört, könnte im Labor eine neue Lunge wachsen. Hat Hepatitis zum Leberversagen oder eine Niereninsuffizienz dafür gesorgt, dass der Körper nicht mehr richtig entgiftet wird, könnte das Tissue Engineering körpereigenen Ersatz bereitstellen. Selbst die Karies-Behandlung beim Zahnarzt könnte durch Anwendung von Stammzellen revolutioniert werden.

Insgesamt gibt es derzeit ca. 80 Krankheitsbilder, bei denen große Hoffnungen in das Nabelschnurblut und die darin enthaltenen Stammzellen gesetzt werden. Bis einzelne Therapien jedoch zur Standardtherapie wie bei der Behandlung von Blutbildungsstörungen und Immundefekten werden, können noch Jahre vergehen. Allerdings ist der Zeithorizont der konkreten Anwendung von Nabelschnurblut in vielen Fällen überschaubar. Experten sprechen längst nicht mehr von Jahrzehnten, sodass der Einsatz keine ferne Science-Fiction mehr ist.

 

Anwendung von Nabelschnurblut in der Übersicht

Bereits erfolgreiche Nabelschnurblut-Anwendungen

  • Blutbildungsstörungen
    • Leukämie mit akutem und chronischem Verlauf (AML/ALL bzw. CML/CLL)
    • Myelodysplastisches Syndrom
    • Lymphome (Hodgkin-Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom)
    • Aplastische Anämie
    • Sichelzellenanämie
    • Beta-Thalassämie
  • Immundefekte
    • SCID
    • Whiskott-Aldrich-Syndrom
  • Stoffwechselstörungen
    • Mucopolysaccharidose
  • Krebs
    • Multiples Myelom
  • Neuroblastom

 

Mögliche Nabelschnurblut-Anwendungen in der Zukunft

  • Autoimmunerkrankungen
    • Diabetes mellitus Typ 1
    • Rheumatoide Arthritis
    • Lupus
    • Morbus Crohn
    • Multiple Sklerose
  • Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (GvHD = Graft-versus-host Disease)
  • Beeinträchtigungen des Gehirns
    • Demenz, insbesondere Alzheimer
    • Schlaganfall
    • Gehirnverletzungen nach Unfall oder Krebs
    • Frühkindlicher Hirnschaden (Zerebralparese)
    • Amyotrophe Lateralsklerose
    • Parkinson
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
    • Herzinfarkt
    • Angeborene Herzfehler
  • Autismus
  • Hörverlust/Taubheit
  • HIV
  • Leberzirrhose
  • Epidermolysis bullosa („Schmetterlingskinder“)
  • Altersbedingte Makuladegeneration (AMD)
  • Querschnittslähmung
  • Wundheilung
    • Verbrennung
    • Ulcus cruris
  • Ersatz und Regeneration von Gewebe
    • Knorpel (Arthrose im Knie oder der Hüfte, Bandscheibenvorfall)
    • Organe (Lunge, Leber, Haut, Herzklappe, Luftröhre, Zahnersatz…)
    • Künstliches Blut

Disclaimer
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