Mit Methylenblau gegen Alzheimer

Kann der Farbstoff die Demenz-Therapie revolutionieren?

Methylenblau ist ein Farbstoff, den die Industrie bereits seit über 100 Jahren kennt. Er wurde erstmals 1876 vom Chemiker Heinrich Caro für die BASF hergestellt. Das Phenothiazin-Derivat kommt seither in der Chemie, Medizin und Färbetechnik zum Einsatz. Bereits in den 1950er Jahren entdeckte man, dass sich Phenothiazine wie Chlorpromazin als Psychopharmaka eignen. Der blaue Farbstoff selbst findet in der Malariatherapie Verwendung. Es wirkt außerdem antiseptisch und wird als Antidot bei einer Nitrit- und Anilinvergiftung eingesetzt. In Laborexperimenten färbte Methylenblau jedoch seit Jahrzehnten zunächst Nervenzellen blau an. Doch in Methylenblau scheinen noch ganz andere Talente zu schlummern, auf die die Wissenschaft nur durch den Mitarbeiter „Reiner Zufall“ stieß.

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Dem Farbstoff Methylenblau (Methylthioniniumchlorid) könnte in der Medizin eine große Karriere als Wirkstoff gegen Alzheimer und Demenz bevorstehen. Er würde damit die Therapie von neurodegenerativen Erkrankungen revolutionieren. Bislang kam Methylenblau hauptsächlich bei der Malaria-Therapie und zum Anfärben von Gewebeschnitten zum Einsatz, obwohl es auch antibakterielle Eigenschaften hat und als Antidot eine Nitritvergiftung verhindern kann. Ungelöst handelt es sich um dunkelgrünes Pulver.

 

So stellte man bereits Ende der 1980er Jahre zufällig fest, dass ein Tropfen Methylenblau die Tau-Fibrillen in einem Teströhrchen auflöste. Die Tau-Proteine gelten als Mitauslöser für Morbus Alzheimer, denn sie verkleben die Nervenzellen. In Gewebeproben erscheinen sie unter dem Mikroskop als Klumpen. Methylenblau könnte demnach auch direkt die veränderten Tau-Proteine angreifen und zerstören und damit die Krankheit zum Stillstand bringen. Eine erste Studie im Jahre 2008 an vier Patienten mit mittelschwerer Alzheimer-Krankheit zeigte, dass bei drei Patienten der Zustand zumindest stabil blieb oder sich sogar verbesserte. Doch die Patientenzahl war zu gering als dass die Studie in der Fachwelt ernstgenommen wurde.

 

Blau ist in der Alzheimer-Forschung die Farbe der Hoffnung

Vor diesem Hintergrund ist die nun an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) gemachte Entdeckung durchaus im Bereich des Denkbaren. Eine dortige Doktorandin verabreichte Mäusen Methylenblau. Im Anschluss daran konnte sie feststellen, dass in dem Gehirnteil, der für das Lernen und Gedächtnis zuständig ist, bei den Nagetieren die adulten, neuronalen Stammzellen eine größere Mobilität aufwiesen. Die Vermutung liegt nahe, dass der Farbstoff die Aktivität von Stammzellen im Gehirn positiv stimuliert. Damit wäre er prädestiniert für die Alzheimer- und Demenztherapie. Methylenblau könnte also dort, wo im Gehirn bereits durch neurodegenerative Prozesse Schäden entstanden sind, das Zellwachstum anregen und so abgestorbene Binde- und Stützzellen ersetzen. Damit ließe sich womöglich der neuronale Abbau stoppen – zumindest jedoch reduzieren, so die Hoffnung der Wissenschaftler.

Die Beobachtungen und die darauf beruhenden Hypothesen sollen nun weiter untersucht werden. In dieser Phase wollen die Mediziner klären, ob sich der Farbstoff eignet, das Gehirn zu schützen und das Wachstum von Gehirnzellen anzuregen. Sollten sich die Hoffnungen bestätigen, könnten in Deutschland ca. 1,6 Millionen Alzheimer-Patienten davon profitieren. Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft schätzt, dass sich deren Zahl bis zum Jahr 2050 auf drei Millionen nahezu verdoppeln wird.

 

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