Männerschnupfen

Warum leiden Männer unter Erkältungen besonders?

Zu den typischen Symptomen des Männerschnupfens gehören schlimme Kopfschmerzen und ein gemeiner Husten. Für Männer bedeutet eine Erkältung direkt „der Weltuntergang naht“, denn sie leiden wirklich sehr stark. Auch Frauen können eine Erkältung bekommen, jedoch arbeitet bei ihnen das Immunsystem anders. Reicht dies als Erklärung für das Phänomen „Männerschnupfen“? Forscher fühlen dem Mythos auf den Zahn.

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In der Gesellschaft sind die Rollen klar ausgeprägt. Der Mann ist das starke Geschlecht. Wird dieses jedoch von einer fiesen Erkältung heimgesucht, leidet es besonders stark. Diagnose „Männerschnupfen“. Die Symptome sind klar, doch kann die Wissenschaft wirklich Ursachen für das Phänomen ausmachen? Vermutlich liegen sie in der unterschiedlichen Reaktion des Immunsystems von Mann und Frau begründet. Doch auch Kermit muss wissen: Der Männerschnupfen ist selten tödlich! Nach maximal 14 Tagen und dank der liebevollen Fürsorge von Miss Piggy ist die Erkältung vorbei.

 

Diagnose Männerschnupfen sorgt für Gesprächsstoff

Unter Frauen ist die das Familienleben dramatisch verändernde Diagnose „Männerschnupfen“ ein häufiges Gesprächsthema: Kranke Männer, die bei einer harmlosen Erkältung wie halbtot in den Kissen liegen, röcheln und stöhnen als gäbe es kein Morgen mehr. Die unübersehbare Botschaft: Er leidet. Er leidet sogar sehr – so sehr, wie es Frau niemals tun würde. Das zumindest sagen die Frauen. Das Klischee vom wehleidigen Mann, der sich von leichten Erkältungssymptomen niederwerfen lässt und bei einer laufenden Nase und leichtem Halsweh schwerste Qualen erleidet, hält sich jedenfalls hartnäckig und bietet jede Menge Diskussionsstoff beim Mädelsabend – übrigens auch alle Versuche, sich mit den krudesten Mitteln und Methoden vor der kleinsten Infektion in der kalten Jahreszeit zu schützen.

Doch gibt es tatsächlich Anhaltspunkte für den Männerschnupfen? Ist er mehr als ein Mythos? Können Wissenschaftler Ursachen ausmachen? Reagieren Männer wirklich anders auf die Grippeerreger und Erkältungsviren als Frauen?

Mit genau solchen Fragen beschäftigen sich Wissenschaftler – beispielsweise an der Universität Innsbruck in Österreich. Dort untersuchen Immunologen seit Langem, wie sich das menschliche Immunsystem in Geschlechterfragen unterscheidet. So konnten die Forscher belegen, dass Unterschiede in der Immunantwort dafür sorgen können, dass Männer häufiger krank werden als Frauen.

 

Testosteron & Östrogen: Beeinflussung des Immunsystems durch Hormone

Diese Schwäche des starken Geschlechts und damit die Ursache des Männerschnupfens ist in den Tiefen des menschlichen Immunsystems verankert. Die Körperabwehr bekämpft eindringende Krankheitserreger mit Hilfe von Immunzellen. Dabei unterscheiden Experten zwei Arten: die spezifischen und die unspezifischen Immunzellen. Die spezifischen Immunzellen gelten als Spezialisten, denn sie sind nur gegen ganz bestimmt Erreger wirksam. Grippeviren werden durch andere spezifische Immunzellen bekämpft als eine Herpes- oder Pneumokokken-Infektion.

Dem Körper steht so ein spezialisiertes Waffenarsenal zur Verfügung mit dem sich eine Vielzahl von Viren, Bakterien und Parasiten abwehren lässt. Doch für die Vielfalt der spezifischen Immunzellen muss ein Preis gezahlt werden. Dieser heißt Zeit. Es dauert einfach eine Weile, bis der Körper genügend der Expertenzellen produziert hat, denn für eine ausreichend starke Immunantwort müssen Millionen Immunzellen im Organismus zirkulieren und die Keime eliminieren. Genau an dieser Stelle kommt der berühmte „kleine Unterschied“ zwischen Männern und Frauen zum Tragen.

Der weibliche Körper produziert vermehrt das Hormon Östrogen. Dieses weibliche Hormon unterstützt die Vermehrung der spezifischen Immunzellen. Dagegen bewirkt das männliche Hormon Testosteron genau das Gegenteil. Testosteron unterdrückt das Immunsystem und damit auch die Produktion von spezifischen Immunzellen.

Dank des „Östrogen-Turbos“ kann das Immunsystem von Frauen schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger vorgehen als das männliche Immunsystem. Grundsätzlich gilt als Faustformel: Je höher der Testosteron-Spiegel ist, desto schwächer ist das männliche Immunsystem.

 

Der weibliche Körper muss das Ungeborene schützen

Einige Forscher vermuten, dass sich dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern im Laufe der Jahrmillionen entwickelt haben könnte. Aus evolutionärer Sicht ist es die Aufgabe der Frau, das ungeborene bzw. neugeborene Kind besonders zu schützen. Dieser übergeordneten Aufgabe folgt selbstverständlich auch das weibliche Immunsystem. Das an dieser These etwas dran sein kann, untermauern die Daten der Wissenschaftler: Der Effekt des hormonell gestärkten Immunsystems ist besonders bei jungen Frauen ab der Pubertät ausgeprägt und schwächt sich nach den Wechseljahren ab. Er tritt also genau in den fruchtbaren Jahren der Frau auf, wo die Familienplanung im Fokus steht.

Doch die männliche Anfälligkeit für Krankheiten allein mit einem Testosteron-geschwächten Immunsystem zu erklären, reicht nicht aus. Weitere Faktoren spielen hier eine wichtige Rolle. So wirkt sich auch das Verhalten und die Umwelteinflüsse auf das Erkrankungsrisiko aus. Fakt ist nämlich, dass Männer trotz aller Aufklärung, was einem gesunden Lebensstil dienlich ist, noch immer risikoreicher leben. So ernähren sich viele Männer ungesünder als Frauen und sind bei weitem nicht so diszipliniert in puncto Impfungen. Mit diesen Stellschrauben haben die „Herren der Schöpfung“ ein Stück weit ihre Gesundheit selbst in der Hand und können sich nicht einzig und allein auf das „männliche Schicksal“ und damit den vermeintlich unabwendbaren Männerschnupfen berufen.

 

Gilt das auch für Erkältungsviren?

Geschlechterspezifische Unterschiede sind bislang nur für einzelne Infektionskrankheiten zweifelsfrei nachgewiesen. So belegen Statistiken, dass Männer öfters an Lungenentzündungen erkranken, die häufig von Pneumokokken ausgelöst werden. Auch für Malaria gibt es ähnliche Daten. Die Erkrankung wird durch einen Parasiten verursacht. Doch gilt dies auch für den Männerschnupfen? Für Erkältungsviren gibt es keine eindeutige Datenlage. Hier spielen nämlich noch andere Faktoren eine wichtige Rolle. Vieles deutet daraufhin, dass Frauen ebenfalls heftig leiden, es nur anders ausdrücken.

Fakt ist wohl, dass bei den Männern nach einer Infektion mit Männerschnupfen die Viren mehr Zeit haben, sich im Körper zu vermehren und auszubreiten. Doch bei Frauen führt das heftig reagierende weibliche Immunsystem wohl ebenfalls dazu, dass sie sich besonders elend fühlen. So klagen Frauen nach einer Grippeimpfung häufiger über Niedergeschlagenheit oder Kopfschmerzen. Diese Beschwerden entstehen nicht allein, weil Erreger in den Körper gelangen, sondern auch durch die Reaktion des Immunsystems auf die Eindringlinge. Gleiches gilt für Fieber und Entzündungen. Die so ausgelösten Symptome müssen als Nebenwirkungen der gesunden Immunabwehr in Kauf genommen werden.

Die heftige Reaktion des weiblichen Immunsystems auf Erkältungsviren wurde im Labor beobachtet. Es wäre demnach durchaus denkbar, dass Frauen unter Erkältungen sogar stärker leiden als das starke Geschlecht. Doch belastbare Belege aus der Praxis und damit in-vivo gibt es nicht. Eine Studie erfasste die Erkältungssymptome von 76 Paaren. Das Ergebnis: Männer und Frauen leiden gleich. Es gibt keine signifikanten Unterschiede bei der Häufigkeit, der Länge und der Stärke. Das Phänomen „Männerschnupfen“ findet sich demnach so nicht in den Daten wieder.

 

 

Aufmerksamkeit und Zuwendung sind das beste Mittel gegen Männerschnupfen

Die Medizin der Zukunft setzt auf die personalisierte Medizin. Auch der einzelne Mensch rückt immer stärker ins Forschungsinteresse. Doch bevor der Einzelne bis in den letzten Proteinbaustein durchleuchtet wird, sollten zuvor alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufgedeckt sein. Hier gibt es leider noch immer Wissenslücken im Hinblick auf Strategien des männlichen und weiblichen Körpers zur Abwehr von Krankheiten.

Aber egal, wie groß das Leiden auf der objektiven Skala ist, entscheidend für den Heilungsprozess ist die individuelle Wahrnehmung. Wer beim Männerschnupfen oder einer Erkältung krächzt, röchelt und stöhnt möchte eines: Zuwendung! Und das ist nachweislich die beste Medizin für beide Geschlechter. Dank Fürsorge, einem heißen Tee, einer guten Hühnerbrühe, der Wärmflasche für die kalten Füße, frisch gepresstem Orangensaft und Empathie dauert eine Erkältung maximal 14 Tage. Ohne wäre es vermutlich bis zu zwei Wochen. Der vermeintlich tödliche Verlauf des Männerschnupfens kann so abgewendet werden – auch wenn das Krankenlager zwischenzeitlich einer Intensivstation gleicht.

 

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