Verhaltenssucht – die stoffstoffungebundene Sucht

Das übersteigerte Verlangen nach einem bestimmten Verhalten

Häufig werden Abhängigkeiten fast ausschließlich mit Substanzen oder Drogen in Verbindung gebracht. Diese machen zwar den Hauptanteil von Suchterkrankungen aus. Jedoch gibt es auch andere Abhängigkeiten, die mit dem Konsum einer Substanz nicht primär verbunden sind.

Eine stoffungebundene Abhängigkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass ein übersteigertes Verlangen, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen oder etwas bestimmtes zu tun, vorherrschend ist. Dabei zeigen Betroffene zwar Merkmale einer Abhängigkeit, jedoch liegt dieser keine Substanz und deren Konsum zu Grunde.

 

Arten von stoffungebundener Abhängigkeit

Zu den bekanntesten verhaltensabhängigen Süchten zählen unter anderem die Kaufsucht, Spielsucht, Sexsucht, Arbeitssucht oder auch Sportsucht. Wichtig ist zu beachten, dass nicht jedes vermehrt gezeigte Verhalten, welches teilweise auch exzessiv betrieben wird, in einer Sucht münden muss.

Zentral ist hierbei, dass sich die Ausübung der Tätigkeit, die Dauer und die Beendigung der Kontrolle den Betroffenen entzieht. Es kommt daher zu exzessiven Verhaltensweisen, welche im Gehirn entsprechende Prozesse der Belohnung in Gang setzen. Zusätzlich können sich aufgrund der Grundabhängigkeit auch weitere Abhängigkeiten entwickeln. Beispielsweise zeigen Untersuchungen, dass vermehrt Glücksspielabhängige auch eine Alkoholabhängigkeit erleben. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in einer ähnlichen Reaktion, ausgelöst durch das Spielen und den Alkoholkonsum, welche ebenfalls im Gehirn stattfindet.

Die Internetsucht ist zwar noch eine vergleichsweise junge, und noch nicht ausreichend erforschte, aber immer häufiger auftretende stoffungebundene Abhängigkeit. Exzessives Spielen am PC und der Drang den Computer mehr als 30 Stunden wöchentlich (außerhalb der Arbeitszeit) zu benutzen, kennzeichnen diese Sucht. Häufig finden sich hier zusätzliche Abhängigkeiten nach Tabak, Alkohol, Cannabis oder auch dem Glücksspiel.

Bei der Arbeitssucht kann am Ende der Burn-Out stehen und auch hier findet sich aufgrund vermehrter Abwesenheit des Süchtigen ein großes Defizit vor allem im familiären Verbund wieder.

Der auch von außen spürbar größte Effekt der Kaufsucht ist vor allem die finanzielle Belastung, die der Betroffene erfährt. Teils enorme Verschuldungen und Kreditaufnahmen können den Abhängigen auch nach erfolgreicher Therapie noch viele Jahre begleiten.

 

Merkmale einer stoffungebundenen Abhängigkeit

Verhaltenssüchtig ist, wer zusätzlich zum unkontrollierbaren Drang die Tätigkeit unmittelbar auszuüben, beispielsweise eine Toleranzentwicklung und einen Kontrollverlust gegenüber der Tätigkeit erfährt. Dies hat zur Folge, dass, ähnlich wie bei einer stoffgebundenen Sucht, das Verhalten öfter und teilweise intensiver ausgeübt werden muss, um im Gehirn eine Belohnungssequenz zu erzeugen.

Im fortwährenden Verlauf der Abhängigkeit leiden außerdem die Ausübung sozialer oder beruflicher Pflichten. Zerrüttete Familienverhältnisse, der Verlust des Arbeitsplatzes, Finanzdefizite oder auch der Verlust der Wohnung können die drastischen Konsequenzen einer Verhaltenssucht sein.

Neben den gravierenden Veränderungen der Umstände (Wohnung, Familie, Freundeskreis, Finanzen, Beruf) gibt es bei den stoffungebundenen Abhängigkeiten aber auch durchaus körperliche und psychische Konsequenzen und Entzugserscheinungen. Depressionen, Gereiztheit, Ängste und auch der Verlust der Kompetenzen auf sozialer Interaktionsebene sind häufig auftretende psychische Effekte, vor allem, wenn dem Drang das Verhalten auszuüben, nicht nachgegangen werden kann.

Zu den physischen Effekten zählen vor allem Zittern, innere Unruhe, Verdauungs- und Sexualstörungen. Hinzu kommen noch die entsprechenden körperlichen Belastungserscheinungen, wenn noch eine zweite (stoffgebundene) Sucht vorliegt.

Untersuchungen zeigen, dass es Ähnlichkeiten im emotionalem Erleben zwischen Verhaltensabhängigkeiten und verschiedenen Drogenabhängigkeiten gibt. Dies betrifft unter anderem die Verfügbarkeit suchtmittelassoziierter Reize (bei Spielsüchtigen beispielsweise ein Spielautomat, bei Cannabissüchtigen beispielsweise ein Joint).

 

Therapie von stoffungebundenen Abhängigkeiten

Entgegen den stoffgebundenen Abhängigkeiten gibt es für die Verhaltenssüchte bisher nur eingeschränkte Therapieangebote. Häufig bleibt als erster und meist lange begleitender Schritt das Aufsuchen einer Selbsthilfegruppe. Dort können sich die Abhängigen Personen gegenüber öffnen, die die Schwierigkeiten im Umgang mit der jeweiligen Sucht kennen. So kann sich für die Betroffenen ein sicheres Netz spinnen, von dem aus sie Unterstützung und Akzeptanz erfahren und von dem aus sie sich der Erfahrung anderer Betroffener bedienen können.

Kommt es in einer der wenigen Spezialkliniken doch zu einer Therapie, wird dort meistens verhaltenstherapeutisch gearbeitet und neue Verhaltensweisen eingeübt. Die Stabilisierung der Persönlichkeit, Vertrauen in sich selbst aufzubauen und die Ausarbeitung neuer Lebensziele sind dabei der Mittelpunkt der Therapie.

Dabei gilt es „Maß halten“ des Verhaltens zu lernen, schließlich gehören Arbeit, Sport, Käufe und Sex zum Alltag der meisten Menschen und können nicht gänzlich unterlassen werden. Somit muss vor allem Stressresistenz gegenüber suchtauslösenden Reizen geübt und gefestigt werden. Teilweise wird in der Therapie auch mit Medikamenten gearbeitet. Allerdings können damit nur die Begleiterkrankungen geheilt oder eingedämmt werden.

Genauso wie bei der stoffgebundenen Sucht bedeuten Verhaltensabhängigkeiten eine enorme Belastung für die Betroffenen, deren Angehörige und Freunde. Dem entgleisten Verhalten ist meist ohne erfahrensbasierte oder professionelle Unterstützung kaum etwas entgegen zu setzen. Fasst ein Betroffener den Mut und stellt sich seiner Abhängigkeit, ist in jedem Fall ein stabiles Umfeld mit viel Verständnis und respektablem Umgang hilfreich, um die Abhängigkeit zu überwinden. So kann sich der Betroffene Schritt für Schritt seinen Platz in der Gesellschaft wieder neu erarbeiten.