Abhängigkeit & stoffgebundene Sucht

Die Sucht nach Substanzen

Rund 3,8 Millionen Menschen gelten derzeit in Deutschland als suchtkrank. Die Spitzenplätze belegen dabei Arzneimittelabhängige mit etwa 1,9 Millionen Menschen und Alkoholabhängige mit ca. 1,77 Millionen Menschen.

Als Sucht wird zum einen die krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel bezeichnet (= stoffgebundene Sucht). Zum anderen beschreibt Sucht das übersteigerte Verlangen nach etwas oder einem bestimmten Tun (=stoffungebundene Sucht). Die Drogen- oder stoffgebundene Abhängigkeit bezieht sich dabei auf verschiedene Substanzen wie Alkohol, Nikotin oder Amphetamine, die sowohl legal als auch illegal erworben werden können.

Ursprünglich stammt der Begriff Droge jedoch aus der Pharmakologie und wurde als Bezeichnung für getrocknete Arzneipflanzen oder Teile von Pflanzen genutzt. Diese wurden direkt oder verarbeitet als Heilmittel verwendet und Wirkstoffe aus ihnen isoliert.

 

Eine Einteilung abhängig machender Substanzen

Von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) wurden verschiedene Arten von Drogentypen aufgestellt:

  • Der Morphin-Typ ist gekennzeichnet durch seine beruhigende Wirkung. Ursprung des Stoffes ist das Opium, welches aus dem Milchsaft des Schlafmohns gewonnen wird.
  • Beim Barbiturat-Alkohol-Tranquilizer-Typ handelt es sich um Stoffe, die vermehrt in der Medizin Anwendung finden, vor allem als Psychopharmaka. Sie wirken schlaffördernd, beruhigend, angst- und verspannungslösend.
  • Die stimulierende und leistungssteigernde Wirkung kennzeichnet den Kokain-Typ. Seit rund viereinhalbtausend Jahren nutzen indigene Völker die Wirkung, der in den getrockneten Blättern des Kokastrauches befindlichen Stoffe.
  • Der euphorisierenden, entspannenden und in vielen Bereichen heilenden Wirkung des Cannabis-Typs beziehungsweise der Hanfpflanze sind sich die Menschen ebenfalls seit Jahrtausenden bewusst. Derzeit gelangen die positiven Eigenschaften der Pflanze erneut in den Fokus von Gesellschaft, Medizin und Pharmazie.
  • Der Amphetamin-Typ zeichnet sich durch eine aufputschende, euphorisierende und stark stimulierende Wirkung aus. Diese Substanzen bergen nach derzeitigem Kenntnisstand ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial.
  • Substanzen des Halluzinogen-Typ befördern vor allem so genannte bewusstseinserweiternde Zustände und die Veränderung von Sinneswahrnehmungen. Da sie häufig in der Natur, beispielsweise in Pilzen oder Kakteen, vorkommen, bedienen sich die Menschen schon seit vielen Jahrtausenden ihrer Wirkung.

Egal um welche der Substanzen es sich handelt, alle bergen ein gewisses Abhängigkeitspotenzial. Letztlich macht die Dosis das Gift. Konsum bedeutet nicht gleich Sucht oder Abhängigkeit.

Bei der körperlichen Abhängigkeit hat sich der Körper jedoch derart an die Substanz gewöhnt, dass diverse körperliche Funktionen nur noch mit der Substanz umgesetzt werden können. Bei einem regelmäßigen Konsum kann die gesunde Struktur des Körpers angegriffen oder zerstört werden, so dass es teilweise zu irreversiblen Schäden kommt.

 

Körperliche Abhängigkeit 

Zu den primär invasiven Folgen eines übersteigerten Konsums zählt vor allem die Steigerung der Toleranz gegenüber der Substanz. Dieser Effekt ist bei nahezu allen Drogen, egal ob legal, illegal oder medizinisch veranlasst, zu beobachten. Um eine Wirkung der Substanz zu erzielen, muss daher mit immer größeren Dosen gearbeitet werden. Die Dosissteigerung hat zur Folge, dass auch der Einfluss auf den Körper zunimmt. Da die meisten Drogen eine Veränderung der chemischen Zusammensetzung oder Intensität der Stoffe im Gehirn verursachen, finden dort meist die ersten bemerkbaren Veränderungen statt. Teilweise wird die Leitfähigkeit von elektrischen Signalen beeinträchtigt, was sich in der verschlechterten Koordination der Arme und Beine bemerkbar macht. Bei gesteigertem Konsum einiger Substanzen kann es zu Organschäden vor allem an Leber, Niere, Haut und Herz kommen. Weitere körperliche Auswirkungen sind Schwitzen, Zittern oder Immunschwäche. Sie zeugen vielfach auch von Entzugserscheinungen.

Durch die künstliche Aufrechterhaltung, Unterdrückung oder Förderung von Stoffen wie Dopamin, Serotonin oder Adrenalin kann auch der Hormonhaushalt bei Abhängigen gestört sein und aus dem Gleichgewicht geraten. Verminderte oder gesteigerte Libido, unregelmäßige Menstruation oder eine Einschränkung der Funktionsfähigkeit von Spermien können die Folge sein.

Zu den am wenigsten körperlich abhängig machenden Substanzen zählen vor allem Amphetamine, Kokain, Cannabis oder Nikotin. Besonders stark körperlich abhängig machen dagegen vor allem Heroin, Benzodiazepine (Beruhigungsmittel) oder Alkohol.

 

Psychische Abhängigkeit

Neben körperlichen Auswirkungen stellt sich bei vielen Drogen eine psychische Abhängigkeit ein. Dabei sind zwar Merkmale einer Abhängigkeit erkennbar, es kommt aber zu keinen körperlichen Entzugserscheinungen. Zentral ist bei den Betroffenen das übermächtige Bedürfnis, die Substanz zum Leben zu benötigen.

Steht den Abhängigen die Droge nicht zur Verfügung, stellen sich bestimmte Verhaltens- und Emotionsmuster ein. Gereiztheit, Aggressivität, innere Unruhe und ein Abfall der Stimmung sind häufig auftretende Emotionen und Verhaltensweisen, begleitet von dem starken Drang, die Substanz unbedingt wieder einzunehmen.

Im Gegensatz zur körperlichen Abhängigkeit dauert die psychische meist lange an und stellt den größten Risikofaktor für einen Rückfall während einer Therapie dar.

Viele Abhängige, denen der Konsum entgleist, sehen sich früher oder später der Isolation von Familie und Freunden ausgesetzt, da der Fokus des Abhängigen fast ausschließlich auf der Substanz, dem Beschaffen und dem damit verbundenen Lebensstil liegt. Diese Art von Vereinsamung ist enorm belastend für alle Seiten – sowohl für den Abhängigen, als auch für Familie, Freunde und Angehörige. Vielfach spricht man auch von einer Co-Abhängigkeit.

Auf die Finanzen schlägt sich der Konsum ebenfalls stark nieder. Viele Abhängige können am beruflichen Alltag nicht mehr adäquat teilnehmen und verlieren nicht selten ihre Anstellung. Dies führt oft zu einem regelrechten Finanzdefizit, was Beschaffungskriminalität nach sich ziehen kann und manchmal auch im Verlust der Wohnung gipfelt.

 

Therapie von Abhängigkeit

Eine Sucht beziehungsweise Abhängigkeit ist eine Krankheit. Diese Einsicht bezeichnen viele als ersten Schritt in Richtung Abstinenz. Da es unterschiedliche Formen von Sucht und Abhängigkeit gibt, gestalten sich auch die Behandlungskonzepte sehr divers.

Als erste Anlaufstellen können dabei Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen dienen, da dort oft schon die ersten Schritte in Richtung Therapieantrag gemeinsam gegangen werden können. Wichtig ist es in jeder Phase der Abhängigkeit oder des Entzugs, den Abhängigen mit Respekt und Offenheit zu begegnen. Eine generelle Ablehnung der Person verunsichert oftmals noch stärker und die Scham, sich in Hilfe zu begeben, wächst dadurch.

Sind die ersten Weichen für die Hilfe gelegt, ist der nächste Schritt in aller Regel die Entgiftung. Diese findet stationär statt und ist mit Risiken verbunden, da der Körper von Abhängigen in dieser Phase vor allem zur Unterdrückung der Entzugserscheinungen die Substanz benötigt. Diese sind gekennzeichnet durch Krämpfe, starke Schmerzen, Kreislaufprobleme, Halluzinationen und enormer Unruhe, die für die Betroffenen nur schwer auszuhalten ist. Das Spektrum der Intensität reicht hierbei von schwach ausgeprägt bis lebensbedrohlich, was die Kontrolle durch Mediziner notwendig macht.

Nach der Entgiftung schließt sich die Unterbringung in einer Suchtklinik an. Bei langen Wartezeiten aufgrund von erhöhter Nachfrage und zu wenig Therapieplätzen können sich die Abhängigen in Übergangseinrichtungen begeben. In der Suchtklinik werden zentrale Themen besprochen und Verhaltensweisen geübt. Hierzu geht es vor allem darum, die Mitwirkungsbereitschaft und Selbstheilungskräfte der Klienten zu stärken. Die Abhängigkeit hinterlässt meist Selbstzweifel bei den Betroffenen, die sich ein Leben ohne die Substanz nur schwer vorstellen können – war sie doch oft jahrelanger Begleiter und Zentrum des alltäglichen Lebens.

Zusätzlich wird versucht, in Einzel- und Gruppengesprächen das Suchtverhalten zu reflektieren und ein anderes Verhalten aufzubauen und zu üben. Dadurch können sich die Abhängigen einen neuen Alltag gestalten, in dem die Zeit, in der sich früher alles um die Substanzbeschaffung, den Konsum und die Effekte der Droge drehte, mit neuem Inhalt gefüllt wird.

Für Außenstehende scheinen das Erlernen eines Tag-Nacht-Rhythmus, das Befolgen und Gestalten einer eigenen Tagesstruktur und Freude am Leben zu empfinden oft als normale, elementare und einfache Dinge. Jedoch genau diese hat der Abhängige verlernt und muss sich Schritt für Schritt neue Lebensinhalte schaffen.

Das Verhältnis zum eigenen Körper leidet bei den meisten Abhängigen ebenfalls in beträchtlichem Maße. Je nach Substanz sind Nervenbahnen und -zellen zerstört, Hautunreinheiten tauchen am ganzen Körper auf, schlechte Zähne und teilweise irreversible Organschäden begleiten die Abhängigen. Eine akzeptierende und achtsame Sicht auf seinen Körper zu haben, fällt da vielen schwer. Schließlich ist dies der Spiegel jahrelangen Raubbaus. Sich selbst zu spüren, zu akzeptieren und den Körper aktiv genesen zu lassen, ist somit in gleichem Maße relevant für eine erfolgreiche und nachhaltige Therapie. Die Betroffenen können daher an vielen ergo- oder gestaltungstherapeutischen Angeboten teilnehmen oder sich Sportgruppen anschließen.

Teilweise spielen auch Traumata eine Rolle, die psychotherapeutisch aufgearbeitet werden sollten, damit die Klienten sich in emotional stabilen Situationen wiederfinden. Behandelt werden hierbei oft ebenfalls Begleiterkrankungen der Abhängigkeit wie Depression, Psychosen und Angstzustände.

 

Was kommt nach der Therapie?

Nach der Therapie haben die Betroffenen zwar bereits den ersten wichtigen Schritt geschafft, jedoch steht das Zurechtfinden im Alltag und oft auch ein Wohnortwechsel im Fokus. Nicht selten werden alte Freundeskreise hinter sich gelassen und die Familie erneut in das Leben mit eingebunden.

Um Rückfälle zu vermeiden, gibt es in jeder Stadt verschiedene Beschäftigungs- und Hilfsangebote, sowie Selbsthilfegruppen. Suchterfahrungen zu teilen, hilft vielen über diese turbulente und einschneidende Zeit hinwegzukommen und von vorne anzufangen. Die Unterstützung der Familie und die Gewissheit, dass der Betroffene seine Ängste mitteilen kann, bringen vor allem Sicherheit und der Betroffene kann sich angenommen fühlen und sein Leben mit seiner Vergangenheit selbständig gestalten.