Der Placebo-Effekt

Warum ein Scheinmedikament dennoch helfen kann

Ein Kind stolpert beim Rennen, fällt hin und hat eine kleine Schürfwunde am Knie. Die Tränen fließen. Viele Eltern greifen dann auf die altbewährten Mittel „pusten“ und ein buntes Pflaster zurück. Noch einen Kuss auf die Stirn und das Kind hat seinen Schmerz vergessen.

Der Mechanismus, der in solch einer Situation greift, ist der sogenannte Placebo-Effekt. Was sind die Hintergründe und wie sinnvoll ist es, ein Präparat einzusetzen, dass de facto keinerlei Wirkstoffe besitzt?

 

Definition: Was ist ein Placebo?

Das Wort Placebo hat seinen Ursprung in der lateinischen Sprache. „Placere“ bedeutet wörtlich „ich werde gefallen“ – und genau das ist es, was ein Placebo tut. Es kann helfen, Beschwerden zu lindern, auch wenn es dafür keinen medizinischen Grund gibt. Denn laut Definition handelt es sich bei einem Placebo um ein Medikament, das einem echten Medikament in puncto Aussehen oder Geschmack gleicht, dabei jedoch keinen Wirkstoff enthält. Ein anderes Wort für Placebo ist daher auch Scheinmedikament oder Scheinbehandlung.

Der Gegenspieler zum Placebo ist übrigens das Nocebo, welches wörtlich übersetzt bedeutet „ich werde schaden“. Nocebos besitzen ebenfalls keinerlei Wirkstoff, rufen aber negative Auswirkungen hervor.

Sowohl Placebos, als auch Nocebos, gelten als Arzneimittel. Die Scheinmedikamente werden tatsächlich von Ärzten verschrieben und stellen im Einzelfall eine wirksame Therapie dar.

 

Die Geschichte des Placebos

Schon in der Antike war bekannt, dass wirkstofffreie oder gering dosierte Behandlungen einen positiven Effekt auf den Körper haben können. Dieses Wissen machte man sich später beispielsweise auch im Zweiten Weltkrieg zu Nutze. In dieser Zeit herrschte ein großer Mangel an schmerzstillenden Medikamenten. Um den verwundeten Soldaten trotzdem zu helfen, wurde ihnen schlichtweg Kochsalzlösung verabreicht, allerdings mit dem Hinweis es seien Medikamente darin, die ihnen Linderung verschaffen sollten. Auch hier griff der Placebo-Effekt trotz der realen Schmerzen der Soldaten.

Beim Testen von neuen Medikamenten und Behandlungsoptionen spielt der Placebo-Effekt ebenfalls eine wichtige Rolle. Denn um die Wirksamkeit in klinischen Studien nachzuweisen, werden die Probanden unterschiedlichen Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhält das zu testende Medikament, die andere Gruppe erhält nur ein Placebo-Präparat. Eine Wirksamkeit ist erst dann gegeben, wenn die Wirkung der Neuentwicklung über den des reinen Placeboeffekts hinausgeht. Bei homöopathischen Arzneimitteln konnten Studien dies übrigens bislang nicht nachweisen.

 

Wie wirkt das Placebo?

Da das Placebo keinerlei wirksame Bestandteile enthält, kann es auch keinen chemischen Einfluss auf Beschwerden haben. Trotzdem ist die Wirkung in vielen Studien belegt.

Ausschlaggebend für den eintretenden Placebo-Effekt sind verschiedene „Rahmenbedingungen“. In Studien wurde herausgefunden, dass die Erwartungshaltung des Patienten eine entscheidende Rolle spielt. Wenn eine Person, die ein Placebo verabreicht bekommt, davon überzeugt ist, dass eine Wirkung eintritt und sie zudem auch zumindest eine Vorstellung davon hat, was das „Medikament“ bewirken soll, so ist das Auftreten des Placebo-Effekts deutlich wahrscheinlicher. Skepsis gegenüber der Behandlung kann dazu führen, dass keine Veränderung der Beschwerden eintritt.

Mindestens genauso wichtig ist die Haltung des Arztes gegenüber dem Patienten. Wenn der Mediziner sich Zeit für Erklärungen der Behandlungsoptionen nimmt, die Wirkweise des Placebos – getarnt als Medikament – erklärt und darüberhinaus dem Patienten das Gefühl vermittelt, er glaube selbst an eine Verbesserung durch das Präparat, führt dies zu einer erhöhten Chance, dass der Placebo-Effekt auch tatsächlich wirksam wird. Man spricht in diesem Zusammenhang vom „Kontext-Effekt“.

Ein weiterer Grund für das Wirken des Placebos ist die sogenannte Konditionierung. Ist der Patient gewohnt, dass ein bestimmtes Medikament bei ihm wirkt, kann diese Wirkung auch einsetzen, wenn bei weiteren Gaben kein Wirkstoff enthalten ist.

 

Wer profitiert am meisten von dem Placebo-Effekt?

In Studien zur Schmerzlinderung wurde nachgewiesen, dass bei Placebo-Gabe körpereigene morphiumähnliche Substanzen, sogenannte endogene Opiate, freigesetzt werden. Bei Parkinson-Patienten konnte beobachtet werden, dass unter Verwendung von Placebos vermehrt Dopamin ausgeschüttet wurde, was bei diesem Krankheitsbild im Körper nicht genügend vorhanden ist. Der erhöhte Dopamingehalt führte zur Verbesserung der Parkinson-Symptomatik. In verschiedenen Untersuchungen haben Forscher festgestellt, dass der Placebo-Effekt bei Kindern stärker ausgeprägt ist, da sie im Allgemeinen beeinflussbarer sind als Erwachsene.

Einfluss auf die Wirksamkeit des Placebos scheint zudem das Aussehen zu haben. Die Farbe, Größe und Form der Tabletten gestalten den Erfolg der Placebo-Therapie mit. Orange-farbene, gelbe und rote Tabletten suggerieren in unserer Wahrnehmung eine stimulierende Wirkung, blaue und grüne hingegen eher eine beruhigende.

Egal welche Mechanismen dahinter stehen, der Placebo-Effekt scheint im Sinne der Selbstheilungskräfte des Körpers ein äußerst wirksames Mittel selbst gegen schwere Erkrankungen zu sein.