Vorteile & Nachteile neonataler Stammzellen

Pro & Contra-Argumente: Was für und gegen die neonatalen Stammzellen spricht

Neonatale Stammzellen werden als großer Hoffnungsträger in der Regenerativen Medizin gefeiert. Ihre Gewinnung ist einfach und unkompliziert und sie glänzen mit ganz besonderen Eigenschaften. Andererseits wird für bestimmte Anwendungen eine gewisse Mindestmenge an Stammzellen benötigt, die das Nabelschnurblut leider nicht immer aufweist. Sind also die geschürten Erwartungen übertrieben?

Um das Potential der neonatalen Stammzellen beurteilen zu können, müssen alle Fakten auf den Tisch: Was sind die Vorteile? Was sind die Nachteile? Die Redaktion von familien-gesundheit.de hat diese für Sie hier aufbereitet:

 

Pro-Argumente: Die Vorteile neonataler Stammzellen

Vorteil neonataler Stammzellen Nummer 1: Junges, ontogenetisches Alter

Die Stammzellen aus der Nabelschnur sind sehr jung. Es handelt sich bei ihnen um die jüngsten adulten Stammzellen überhaupt. Die Alleskönnerzellen sind zwar nicht mehr pluripotent wie die embryonalen Stammzellen, aber immerhin noch multipotent. Das heißt: Sie können sich noch in eine Vielzahl von Zelltypen und Geweben ausdifferenzieren. Außerdem weisen die neonatalen Stammzellen so gut wie keine Schäden durch Alterungsprozesse auf. Umwelteinflüsse wie Schadstoffe oder Strahlung aber auch Viren, Bakterien und Pilze konnten ihnen noch nichts anhaben. Ihre Telomere, d. h. die Enden der Chromosomen, sind noch lang. Bei jedem Teilungsvorgang verkürzen sich jedoch die Telomere. Ist eine notwendige Mindestlänge unterschritten, kommt es zum programmierten Zelltod oder zumindest zum dauerhaften Wachstumsstopp. Dieser Mechanismus ist ein wichtiger Schutzmechanismus des Körpers und verhindert in der Regel die Entstehung von Krebszellen.

Die neonatalen Stammzellen glänzen mit besonderen Eigenschaften, die sie für den medizinischen Einsatz so interessant machen. Sie haben ein hohes Proliferationspotential. Das heißt: Sie sind sehr teilungsfreudig. Das ist gerade für Reparatur- und Regenerationsprozesse sehr wichtig, denn nur wenn ausreichend vermehrungs- und differenzierungsfähige Stammzellen zur Verfügung stehen, können diese Prozesse in Gang kommen. Gealterte Stammzellen sind bei Weitem nicht mehr so teilungsfreudig. Dies ist mit ein Grund dafür, warum mit zunehmendem Alter die Selbstheilungskräfte des Körpers schwinden und schwere Krankheiten entstehen können.

 

Vorteil neonataler Stammzellen Nummer 2: Flexiblität

Die Vorteile eins und zwei sind eng miteinander verknüpft. Neonatale Stammzellen sind nicht nur jung, sondern auch sehr anpassungsfähig. Es kommt damit seltener zu Abstoßungsreaktionen. Studien konnten belegen, dass Nabelschnurblutpräparate, bei denen nur vier von sechs HLA Merkmalen bei Spender und Empfänger übereinstimmten, therapeutisch genauso effektiv sind, wie jene Knochenmarktransplantate mit nur einem Mismatch (also 5 von 6 übereinstimmenden HLA-Merkmalen). Damit erhöhen sich die Chancen, einen geeigneten Spender für Patienten zu finden.

Durch die Möglichkeit der Aufbewahrung wäre es sogar gezielt möglich, das Nabelschnurblut von Minderheiten zu sammeln. Diese sind normalerweise in den Spendenregistern unterrepräsentiert. Damit bekämen auch jene Empfänger mit sehr seltenen Gewebemerkmalen bessere Aussichten auf Heilung.

 

Vorteil neonataler Stammzellen Nummer 3: Keine ethischen Debatten bei der Gewinnung

Neonatale Stammzellen lassen sich einfach gewinnen – und zwar ganz ohne ethische Debatten. Hier besteht ein großer Unterschied zu den embryonalen Stammzellen oder fetalen Stammzellen. Bei der Gewinnung von embryonalen Stammzellen muss ein Embryo gezielt für diesen Zweck im Labor gezüchtet und dann zerstört werden. In Deutschland schützt das Embryonenschutzgesetz das menschliche Leben vor diesem Zugriff. Blieben als Alternative noch die fetalen Stammzellen. Diese lassen sich aus dem Gewebe von abgetriebenen Embryonen und Feten bzw. spontanen Fehlgeburten gewinnen. Doch auch hier gibt es eine Reihe von ethischen Konflikten.

Ganz anders sieht es dagegen bei den Stammzellen aus der Nabelschnur aus. Die Entnahme von Nabelschnurblut erfolgt im Anschluss an die Geburt, wenn das Neugeborene abgenabelt wird. Der Vorgang der Nabelschnurblut-Entnahme dauert wenige Minuten und ist für Mutter und Kind schmerzfrei und risikolos. Es ist nur die Punktion der Nabelschnurvene notwendig, um das Blut aufzufangen: Keine Medikamenteneinnahme im Vorfeld wie bei der Gewinnung der peripheren Blutstammzellen. Kein Operations- und Infektionsrisiko wie bei der Knochenmarksentnahme per Beckenkammpunktion.

Normalerweise wird die Nabelschnur samt Plazenta ungenutzt im Klinikmüll entsorgt. Doch das stammzellreiche Nabelschnurblut kann Leben retten, wenn die enthaltenen Stammzellen aufbereitet und eingefroren werden. Dann steht das Stammzellpräparat für viele Jahre zur Verfügung. Im Bedarfsfall kann es aufgetaut und umgehend eingesetzt werden. Tests belegen, dass die besonderen Eigenschaften durch den Kälteschlaf nicht verloren gehen.

 

Contra-Argumente: Die Nachteile neonataler Stammzellen

Nachteil neonataler Stammzellen Nummer 1: Teure Aufbewahrung

Auch wenn die Gewinnung der neonatalen Stammzellen schnell, einfach und preiswert ist, so kostet die vorsorgliche Aufbewahrung im Kryotank Geld. Diese Kosten müssen bei der privaten Nabelschnurblut-Einlagerung die Eltern selbst tragen. Bei der Nabelschnurblutspende übernehmen die öffentlichen Nabelschnurblutbanken die Ausgaben. Da hier allerdings mit dem Spendengeld sehr sorgsam umgegangen werden muss, erfolgt nur die Einlagerung einwandfreier Nabelschnurblutspenden, die die erforderlichen Zellmengen aufweisen. Der Kostendruck sorgt dafür, dass am Ende nur rund ein Drittel der Nabelschnurblutspenden den Weg in den Kryotank finden. Viele potentielle Interessenten werden von vornherein abgelehnt oder das Nabelschnurblut nach eingehenden Untersuchungen verworfen.

 

Nachteil neonataler Stammzellen Nummer 2: Erforderliche Mindestzellzahl

Nabelschnurblut enthält zwar vergleichsweise viele Stammzellen, dennoch ist die zu gewinnende Menge an sich begrenzt. Sie ist auch abhängig von der Menge des gewonnenen Nabelschnurblutes. Diese schwankt von Fall zu Fall. Mal können nur 60 Milliliter entnommen werden. Mal gelingt es sogar, 200 Milliliter aufzufangen. Im Schnitt liegt die Nabelschnurblutmenge um die 80 Milliliter.

Der Erfolg einer Stammzelltransplantation hängt jedoch maßgeblich von der Anzahl der Stammzellen pro Kilogramm Körpergewicht des Empfängers zusammen. Von daher eigneten sich Nabelschnurblutpräparate anfangs nur für Patienten bis zu einem Körpergewicht von 50 Kilogramm. Heute kann man zwei oder drei passende Nabelschnurblutpräparate miteinander kombinieren, um auch schwereren Erwachsenen zu helfen.

Es gelang Forschern zudem zu zeigen, dass Nabelschnurblut-Stammzellen bei Erwachsenen anwuchsen, selbst wenn für sie die Zellzahl nicht optimal war. Der Nachteil: Es dauerte länger, bis sich die Blutbildung rekonstruierte. Nicht immer jedoch lässt die Konstitution des Patienten ein solches Warten zu.

Als verlässliche Stammzellquelle für alle würden sich neonatale Stammzellen erst erweisen, wenn es gelänge, sie sicher, preiswert und in großer Anzahl im Labor künstlich zu vermehren. An entsprechenden Verfahren wird derzeit gearbeitet. Erste Testergebnisse lassen hoffen, dass die Wissenschaftler hier auf dem richtigen Weg sind.

 

Nachteil neonataler Stammzellen Nummer 3: Begrenzte Anzahl an Therapien

Noch ist die Anwendung von neonatalen Stammzellen bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Arthrose oder Demenz ein Heilversprechen der Zukunft. Obwohl es bei den genannten Indikationen bereits eine Reihe von Studien und Heilversuchen mit positiven Ergebnissen gibt, bis die Stammzellentherapie hier zur Standardtherapie wird, werden noch Jahre vergehen. Noch träumt das Tissue Engineering lediglich davon, ganz Organe wie Leber, Lunge oder Niere auf Knopfdruck wachsen zu lassen. Doch auch hier gibt es bereits erste Versuche. So wurden bereits künstlich gezüchtete Luftröhren Patienten implantiert. Für die Zukunft hat die Stammzellentherapie zusammen mit dem 3D-Druck-Verfahren durchaus das Potential, das Problem fehlender Spenderorgane zu lösen.

Etabliert hat sich die Behandlung mit neonatalen Stammzellen dagegen schon bei Blutbildungsstörungen und Immundefekten. Hier konnte Nabelschnurblut bereits tausendfach Leben retten.