Nabelschnurblut

Definition: Was ist Nabelschnurblut?

Die Nabelschnur verbindet während der Schwangerschaft Mutter und Kind. Über das in der Nabelschnur pulsierende Blut werden Sauerstoff sowie wichtige Nährstoffe zum Kind hingebracht und Kohlendioxid sowie Abfallstoffe abtransportiert. Auf die Frage „Was ist Nabelschnurblut?“ lässt sich zunächst festhalten: Das Nabelschnurblut ist Teil des Blutkreislaufes des Ungeborenen.

Zum Ende der Schwangerschaft gehen Millionen von Babys Stammzellen vom Knochenmark aus auf Wanderschaft. Mit dem Blutstrom lassen sie sich treiben. In der Nabelschnur verbleibt nach dem Abnabeln ein Rest dieses stammzellreichen Blutes. Abhängig davon, ob die Nabelschnur auspulsieren konnte oder nicht, können bei der Punktion der Nabelschnurvene in der Regel zwischen 60 und 200 Milliliter Nabelschnurblut gewonnen werden. Das dauert nur wenige Minute und ist durchaus mit einer einfachen Blutabnahme beim Arzt vergleichbar. Einziger Unterschied: Die Nabelschnur besitzt keinerlei Schmerzrezeptoren. Die Gewinnung der Nabelschnurblut-Stammzellen ist für Mutter und Kind dabei schmerzfrei und noch dazu ohne Risiko, da das Kind in der Regel bereits abgenabelt ist.

Viele frischgebackene Mütter und Väter erzählen später sogar, dass sie die Nabelschnurblut-Entnahme gar nicht mitbekamen, weil sie nur Augen für den neuen Erdenbürger hatten. So sicher und so einfach wie direkt nach der Geburt können die „Alleskönner-Zellen“ Stammzellen später nie wieder gewonnen werden.

 

Nabelschnurblut ist eine von mehreren, möglichen Stammzellquellen

Eine weitere Antwort auf die Frage: „Was ist Nabelschnurblut?“ lautet: Nabelschnurblut ist eine mögliche Stammzellquelle. Natürlich gibt es im späteren Leben auch die Möglichkeit, andere Stammzellquellen zu nutzen. Doch für die Gewinnung muss entweder eine Knochenmarkspunktion unter Narkose vorgenommen oder die Stammzellen müssen aus dem Blut separiert werden. Bei der Knochenmarkspunktion kann es zu Infektionen oder Narkosekomplikationen kommen. Bei der zweiten Möglichkeit, der Stammzellenentnahme per Stammzellapherese, muss zunächst über mehrere Tage ein Medikament genommen werden, dass dafür sorgt, dass die Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut migrieren. Nur so können sie dann herausgefiltert werden. Hier kann es zu Unverträglichkeiten kommen. Beide Alternativen zur Stammzellengewinnung stellen eine Belastung für den Organismus dar. Von daher ist das Nabelschnurblut eine immer wichtiger werdende Quelle für Stammzellen – auch weil es für die Mediziner bei Bedarf direkt verfügbar ist. Die langwierige Suche nach einem geeigneten Spender entfällt.

Leider wird noch immer bei mehr als 90 % Prozent aller Geburten die Nabelschnur samt darin enthaltenem Blut zusammen mit der Plazenta im Klinikmüll entsorgt. Doch dafür ist das Nabelschnurblut eigentlich viel zu schade. Zu groß sind seine Vorteile und das Anwendungspotenzial in der modernen Medizin.

 

Welche Vorteile hat das Nabelschnurblut?

Zunächst eignen sich die Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut hervorragend für eine autologe Transplantation. Dabei sind Spender und Empfänger identisch. Logischerweise stimmen die eigenen Stammzellen zu 100 Prozent mit den benötigten Gewebemerkmalen überein, sodass hier nicht mit Abstoßungsreaktionen zu rechnen ist.

Bei den Nabelschnurblut-Stammzellen handelt es sich um die jüngsten, verfügbaren adulten Stammzellen überhaupt. Sie werden direkt nach der Geburt eingefroren. Im Kälteschlaf kommen alle Prozesse in den Zellen zum Erliegen. Somit altern die Stammzellen nicht, im Gegensatz zum Kind, das heranwächst. Im Laufe des menschlichen Lebens setzen Krankheiten, Gifte und Strahlung allen Zellen zu. Die Folge: Es treten Schäden auf, die nicht mehr repariert werden können. So kann beispielsweise Krebs entstehen. Die Nabelschnurblut-Stammzellen sind dagegen unbelastet und in der Regel frei von Viren, Bakterien und Pilzen. Außerdem haben Untersuchungen gezeigt, dass sie – eben weil sie so jung sind – auch besonders teilungsfreudig sind. Mit zunehmendem Alter der Stammzellen nimmt ihre Teilungsfreudigkeit ab. Dies ist mit ein Grund, warum die Deutsche Knochenmarkspenderdatei beispielsweise nur Stammzellenspender bis 55 Jahre akzeptiert.

Als weiteren Vorteil bringen die Nabelschnurblut-Stammzellen eine besonders große Flexibilität mit. Das heißt, sie können sich enorm gut anpassen. Studien zeigen, dass es bei der Transplantation von Nabelschnurblut auch deswegen seltener zu Abstoßungsreaktionen kommt und Reparaturmechanismen besser anlaufen. Beim medizinischen Einsatz gibt einen weiteren Pluspunkt, weil sich die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut in eine Vielzahl von Zelltypen ausdifferenzieren können. Sie wären so später in der Lage, sich zu Blutzellen zu entwickeln, könnten im Labor aber auch zu Herzzellen oder Nervenzellen herangezüchtet werden.

 

Kritik an der Nabelschnurblut-Einlagerung

Noch immer stehen einige Mediziner und Hebammen den Angeboten der privaten Nabelschnurblutbanken skeptisch gegenüber. Sie halten die Produkte für „Geldmacherei“, weil die Anbieter gezielt mit den Ängsten der werdenden Eltern spielen würden. Die Anbieter selbst allerdings begreifen ihr Portfolio eher als eine Art Versicherungspaket. Versicherungen schließt man auch ab, in der Hoffnung, dass man sie nie braucht, um auf die Leistungen aber im Notfall zurückgreifen zu können.

Eines bei der Kritik immer wieder angeführten Hauptargumente lautet: Die Anzahl der derzeit existierenden Stammzellentherapien ist überschaubar und somit kommt das eigene Nabelschnurblut derzeit nur sehr selten zur Anwendung. Die Stammzellenforschung und damit die Stammzellentherapie stecken noch immer in den Kinderschuhen. Doch die gemachten Fortschritte werden beständig größer. Erste Studien und Therapie-Zulassungen laufen schon für eine Reihe von Einsatzmöglichkeiten. Bei über 70 Krankheiten gibt es bereits erste Anwendungsfälle und Heilversuche.

Fast zur Standardtherapie geworden ist der Einsatz von Nabelschnurblut bei Blutbildungsstörungen wie Anämie oder Leukämie. Doch gerade die Leukämie, an der jährlich allein in Deutschland rund 600 Kinder erkranken, bildet eine große Ausnahme. Hier vermuten die Mediziner, dass die eigenen Stammzellen bereits den Defekt, der zur Ausbildung des Blutkrebses führt, enthalten. Deswegen kommt eine autologe Transplantation nur im äußersten Notfall in Frage, da das Rückfallrisiko zu groß wäre. Bei Leukämie setzten die Ärzte in der Regel auf eine sogenannte allogene Transplantation, d. h. es wird nach einem fremden Spender gesucht. Auch hier kann durchaus auf das Nabelschnurblut eines Geschwisterkindes zurückgegriffen werden, da die Chancen bei ca. 30 Prozent liegen, innerhalb der eigenen Familie einen geeigneten Spender zu finden.

 

Nabelschnurblut einlagern: Pro und Contra genau abwägen

Das Nabelschnurblut des eigenen Nachwuchses einlagern zu lassen, ist kostspielig. Nicht jede Familie hat das Geld direkt übrig. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen leider nicht die Kosten. Obwohl die Nabelschnurblut-Einlagerung viele Vorteile mit sich bringt und in der Zukunft ein eigenes Stammzelldepot eine Therapieoption bei diversen Krankheiten sein kann, muss jedes Elternpaar für sich die Vorteile und Nachteile einschätzen, sich mit den Argumenten der Befürworter und der Kritiker auseinandersetzen und während der Schwangerschaft eine Entscheidung treffen: Was ist Nabelschnurblut für uns?

Lassen Sie sich zu nichts drängen. Fordern Sie Informationen an. Fragen Sie direkt nach, wenn Sie etwas nicht genau verstanden haben. Ein eigenes Stammzelldepot für jedes Kind wäre sicherlich wünschenswert. Es ist allerdings auch keine essentielle Voraussetzung für das Groß- und Stark-Werden des eigenen Nachwuchses und auch keine Garantie für eine glückliche Kindheit. Für wen die private Einlagerung des Nabelschnurblutes nicht in Frage kommt, der sollte trotzdem über die Alternativen nachdenken: Der Nabelschnurblutspende an eine öffentliche Nabelschnurblutbank oder zu Forschungszwecken. Denn Nabelschnurblut kann tatsächlich Leben retten.