Nabelschnur

Definition: Was ist die Nabelschnur?

Die Nabelschnur ist ein besonderes Band zwischen Mutter und Kind. Sie verbindet am Lebensbeginn das Ungeborene im Mutterleib mit der Plazenta und damit mit dem Blutkreislauf der Mutter. Somit ist die Funiculus umbilicalis, wie die Nabelschnur im Medizinerlatein auch heißt, buchstäblich die Lebensader des Kindes und seine Verbindung zur Außenwelt. Über die Nabelschnur wird der heranwachsende Embryo und später der Fötus mit allem Lebensnotwendigen versorgt.

 

Wie ist die Nabelschnur aufgebaut?

Im Schnitt hat die menschliche Nabelschnur eine Länge von 50 bis 60 Zentimetern. Sie besitzt einen Durchmesser von 1,5 bis 2 Zentimetern. Die Nabelschnur entwickelt sich bereits zu Beginn der Schwangerschaft –genauer zu dem Zeitpunkt, wenn der Embryo mit der Gebärmutterschleimhaut verwächst und sich die Plazenta beginnt zu bilden. Zunächst entstehen dabei kleine, mit Blut gefüllte Hohlräume. Aus ihnen entwickeln sich die drei Gefäße der Nabelschnur. Die Nabelvene (Vena umbilicalis) führt das sauerstoff- und nährstoffreiche Blut von der Plazenta zum Ungeborenen. Die beiden Nabelarterien (Arteriae umbilicales) leiten das nährstoffarme und kohlenstoffdioxidreiche Blut vom Baby zur Plazenta. Auch Abfallprodukte des kindlichen Stoffwechsels wie zum Beispiel Harnstoff transportiert die Nabelschnur ab. Im Querschnitt unter dem Mikroskop erinnert die Nabelschnur entfernt an einen Smiley. Die beiden dünneren Arterien sind die Augen. Die dickere Vene ist der Mund.

Die drei Blutgefäße umgibt ein gallertartiges Bindegewebe, die sogenannte Wharton-Sulze. Sie besteht aus Fibroblasten, Kollagen sowie Hyaluron. Dieses Gewebe kann enorm viel Wasser binden. Damit ist die Nabelschnur einerseits sehr flexibel und andererseits auch vor Abknicken und Biegebelastungen geschützt.

Diese Konstruktion ist quasi eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Mutter Natur garantiert so die beste Versorgung. Im Mutterleib ist es in der Regel eng. Es gibt nur wenig Platz, deswegen liegt die Nabelschnur auch eng am Kind. Das ist nicht ungefährlich. Ein Abknicken würde zum Tod des Ungeborenen führen, weil es die Versorgung unterbricht. Auch würde Gefahr im Verzug sein, wenn sich die Nabelschnur zu fest um das Kind wickelt. Doch die Oberfläche ist zusätzlich mit einer Schleimschicht bedeckt. An Engstellen kann sie so wegrutschen. Ein Abschnüren des Kindes ist beinahe ausgeschlossen, denn zur Sicherheit ist Lebensader spiralartig in sich gedreht und damit in einem gewissen Maß verlängerbar.

Für das Kind ist die Nabelschnur außerdem ein erstes Spielzeug. Es macht mit ihr seine ersten haptischen Erfahrungen. Das Ungeborene kann sie nämlich drücken, daran ziehen aber auch sich daran festhalten. Mit etwas Glück ist dies im Ultraschall während der Untersuchungen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge zu sehen.

 

Wussten Sie schon?

Interessante Fakten zur Nabelschnur

Trotz der sehr engen Verbindung, vermischt sich das mütterliche Blut nicht mit dem Blut des Kindes. Eine dünne Membran – die sogenannte Plazentaschranke – im Mutterkuchen sorgt dafür, dass zwar wichtige Dinge wie Sauerstoff, Wasser, Vitamine und Glukose durchgelassen werden. Die mütterlichen Zellen aber bleiben außen vor. Mit einer Ausnahme: Ab der 8. bis 12. Schwangerschaftswoche gelangen auch Antikörper der Mutter zum Kind. Diese kleinen Eiweißmoleküle helfen dem kindlichen Organismus, fremde Erreger zu erkennen. Sie sorgen in den ersten Monaten nach der Geburt für den sogenannten Nestschutz. Damit ist das Baby vor Infektionen geschützt. Allerdings baut es im Laufe der Zeit die Antikörper der Mutter ab, sodass der Nestschutz nachlässt. Das Immunsystem muss daher selbst lernen und eigene Schutzmechanismen entwickeln.

 

Abnabeln: Wann ist die richtige Zeit für die Abnabelung gekommen?

Beim Abnabeln wird die Nabelschnur mittels zweier Nabelklemmen abgeklemmt und dann in der Mitte zerschnitten. Bei einer Frühgeburt oder falls Mutter und Kind eine schwierige Geburt hatten und eine sofortige medizinische Versorgung benötigen, muss die Nabelschnur schnellstmöglich durchtrennt werden. Bei jeder fünften Entbindung wickelt sie sich während der Geburt um den Hals. Auch hier sorgt ein zügiges Abnabeln für ein leichteres Entwickeln des Kindes und vermeidet Komplikationen.

Verläuft die Geburt jedoch ohne Komplikationen, hat es für das Kind einige Vorteile, mit der Abnabelung solange zu warten, bis die Nabelschnur auspulsiert ist, d. h. bis dort kein Puls mehr zu fühlen ist und damit auch kein Blut mehr fließt. Ein Teil des Blutes aus der Nabelschnur kann so noch in den Kreislauf des Babys übergehen, was einem Eisenmangel in den ersten Monaten vorbeugt, allerdings das Risiko für eine Neugeborenengelbsucht etwas ansteigen lässt. Untersuchungen belegen außerdem, dass die späte Abnabelung die Mutter-Kind-Bindung fördert und das Baby weniger Stress hat, weil durch die Versorgung mit Sauerstoff über die Nabelschnur mehr Zeit ist, sich an die neue Umwelt anzupassen und die Atmung aufzunehmen.

Selbst unter Ärzten und Hebammen herrscht keine Einigkeit, wann der optimale Zeitpunkt für das Abnabeln gekommen ist. Für eine termingerechte und komplikationslose Geburt gibt es daher keine allgemeingültigen Empfehlungen. Untersuchungen zeigen, dass es zwischen früh abgenabelten Babys und Babys mit auspulsierter Nabelschnur keine Unterschiede im Hinblick auf die Sterblichkeit und die altersgerechte Entwicklung gibt. Soll allerdings Nabelschnurblut zur privaten Vorsorge oder zum Spenden gewonnen werden, so ist hierfür eine gewisse Blutmenge notwendig, denn nur so können die für Transplantationen erforderlichen Zellzahlen bei den Stammzellen erreicht werden. Bei einer auspulsierten Nabelschnur erschlafft die Nabelschnurvene. Dann fällt es sogar dem erfahrensten Klinikpersonal schwer, genügend Nabelschnurblut zu entnehmen.

 

Das Potenzial in der Nabelschnur

Das in der Nabelschnur nach dem Abnabeln verbleibende Blut ist ein wertvolles Gut. Es enthält besonders viele hämatopoetische Stammzellen, die für die Blutbildung wichtig sind. Im Nabelschnurgewebe finden sich enorm viele mesenchymale Stammzellen. Sowohl Nabelschnurblut als auch Nabelschnurgewebe können heute eingefroren werden und stehen dann im späteren Leben für medizinische Anwendungen zur Verfügung. Die Stammzellen aus der Nabelschnur haben ganz besondere Eigenschaften, sodass es innerhalb der adulten, somatischen Stammzellen zu einem eigenen Subtyp gereicht hat: den neonatalen Stammzellen. Diese zeichnen sich nicht nur durch ihre große Teilungsfreudigkeit und hohe Flexibilität aus. Sie sind vor allem besonders jung. Im Mutterleib waren sie gut abgeschirmt. Deswegen liegt meist noch keine Schädigung des Erbguts durch Krankheiten und Umwelteinflüsse vor. Unter den adulten Stammzellen bringen die Stammzellen aus der Nabelschnur daher die allerbesten Voraussetzungen mit, als Ausgangsmaterial für Stammzelltherapien eingesetzt zu werden. Mit ihrer Hilfe sollen in Zukunft Schlaganfall, Herzinfarkt, Demenz oder Diabetes behandelt werden.