Fettstammzellen

Definition: Was sind Fettstammzellen?

Das Fettgewebe, im Volksmund gerne auch als „Hüftgold“ bezeichnet, enthält nicht nur Fettzellen sondern auch Stammzellen. Experten schätzen, dass ca. 10 % der Körperfettmasse Jahr für Jahr erneuert wird. Ohne die besonderen Fettstammzellen wäre dies nicht möglich.

Bislang wurde das Körperfett von den Medizinern eher verteufelt, steht es doch im Verdacht, eine Vielzahl von Erkrankungen wie das metabolische Syndrom oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begünstigen. Doch mittlerweile erfolgt ein Umdenken, denn die Fettstammzellen schicken sich an, die Medizin zu revolutionieren. Ihnen wird ein ähnlicher Siegeszug wie den Antibiotika vorausgesagt.

 

Welche Vorteile zeichnen Fettstammzellen aus?

Dass Fettgewebe neben Wachstumsfaktoren auch zahlreiche Stammzellen, so genannte adipöse, mesenchymale Stammzellen (ASC) (bzw. in English „adipose-derived mesenchymal stem cells“), enthält, entdeckte Patricia Zuk an der School of Medicine der University of California (USA) im Jahr 2001. Laut Experten soll die enthaltene Anzahl der Stammzellen im Fettgewebe wesentlich größer sein als im Knochenmark. Die Angaben schwanken jedoch von Quelle zu Quelle. Einige sprechen davon, dass das Fettgewebe bis zu 500 mal mehr Stammzellen enthält als Knochenmark. Andere beziffern die Größenordnung lediglich auf den Faktor 40 bis 100. Doch selbst das ist immer noch enorm viel.

Die adipösen, mesenchymalen Stammzellen werfen darüber hinaus noch einen weiteren Vorteil in die Waagschale: Sie sind sehr teilungsfreudig – teilungsfreudiger als normale adulte Stammzellen. Die Fettstammzellen können sich allerdings nicht nur zu Fettzellen ausdifferenzieren. Sie haben das Potenzial, sich in eine Reihe von anderen Zelltypen zu entwickeln. Herzmuskelzellen, Knochenzellen aber auch Knochen, Nervengewebe und Haut sind denkbare Einsatzmöglichkeiten für Fettstammzellen.

 

Fettstammzellen als Alternative in der Arthrose-Therapie

Das alles klingt eigentlich zu schön um wahr zu sein. Beispiel gefällig? Viele übergewichtige Menschen leiden unter Arthrose, da das zu hohe Gewicht die Gelenke stark belastet und deswegen Knochen und Knorpel schneller verschleißen. Der einzige Therapieansatz für diese Patienten bestand bislang im langfristigen Ersatz des defekten Gelenks durch eine künstliche Prothese. Mit einer Fettabsaugung wäre den übergewichtigen Arthrose-Patienten in Zukunft womöglich doppelt geholfen. Zum einen würden sie überschüssiges Fett verlieren und damit ihr Gewicht reduzieren. Auf der anderen Seite könnten aber gerade die im abgesaugten Fettgewebe enthaltenen Fettstammzellen für die Arthrose-Therapie genutzt werden. In das betroffene Gelenk injiziert, würden die adipösen, mesenchymalen Stammzellen die Regeneration des geschädigten Gelenks anregen. Dann sagt nicht mehr nur der Automechaniker sondern auch der Orthopäde: „Läuft wieder wie geschmiert!“. Der Gelenkersatz und damit das künstliche Kniegelenk oder die künstliche Hüfte bliebe den Patienten erspart. Noch sind die Kosten für die Fettstammzellen-Spritze so hoch, dass die Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen wird. Doch Forschungs- und Entwicklungsabteilungen arbeiten bereits an der Optimierung der Verfahren, um so eine Reduktion der Kosten zu erreichen. Die Solidargemeinschaft kann sich zusätzlich nicht der Diskussion entziehen, welche Kosten durch die Behandlung mit ASCs eingespart werden. Denn auch das Einsetzen einer Endoprothese, also ein dauerhaftes Implantat, ist eine aufwändige Operation. Anschließend muss der Patient eine mehrmonatige stationäre sowie ambulante Reha durchlaufen. Das alles gibt es ebenfalls nicht zum Nulltarif.

Die Gewinnung der Fettstammzellen ist recht risikoarm. Die Liposuktion, wie die Fettabsaugung im Medizinerlatein heißt, kann als minimalinvasiver Eingriff durchgeführt werden. Das Narkoserisiko und Infektionsrisiko wird von Fachleuten als gering eingeschätzt. Beinahe jeder Mensch besitzt überschüssige Fettdepots, sodass die Fettstammzellen als autologe Stammzellenquelle fast immer bereitstünden.

 

Anwendung von Fettstammzellen

Bislang wird die autologe Fetttransplantation vor allem in der Schönheitschirurgie angewendet. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Rekonstruktion von Weichgewebe. Damit ist jedoch nicht ausschließlich die reine Brustvergrößerung gemeint. Die Fettransplantation kommt immer öfter zur Brustrekonstuktion nach Mamakarzinom zum Einsatz. Mit autologem Fettgewebe lassen sich auch Brandwunden und Strahlenschäden sowie Traumata aufgrund eines Unfalls oder einer Operation behandeln. Bei Wundheilungsstörungen konnten ebenfalls bereits positive Erfolge erzielt werden. Gerade bei Diabetes-Patienten heilen Wunden oft schlecht. Jährlich gehen rund 60.000 Amputationen auf diese gefährliche Komplikation der Zuckerkrankheit zurück. Mit der Eigenfettbehandlung ließen sich viele Operationen vermeiden.

In Zukunft werden auf die Fettstammzellen noch weitere Anwendungsfelder warten. Es gibt bereits erste Studien, dass die Fettstammzellen die Beschwerden von Morbus Crohn-Patienten lindern können. Bei Morbus Crohn handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, die zu einer chronischen Darmentzündung führt. Bei der Behandlung von Inkontinenz gab es ebenfalls vielversprechende Ergebnisse dank der Vielkönnerzellen.

Im Mausmodell zeigten die Fettstammzellen, dass sie das Potenzial haben, Myokardinfarkte, akutes Nierenversagen oder Schlaganfälle zu therapieren. Sie sollen sogar in der Lage sein, Nervenzellen zu reparieren. Solche Meldungen lassen alle Patienten mit schweren Rückenmarksverletzungen, Parkinson oder Multiple Sklerose aufhorchen.

 

Woran arbeitet die Stammzellenforschung bei den adipösen, mesenchymalen Stammzellen?

Neben der wichtigen Anwendungsforschung arbeitet die Stammzellenforschung bei den Fettstammzellen auch noch an der Grundlagenforschung. So versuchen Forscherteams das beste und sicherste Verfahren zu entwickeln, um die Fettstammzellen bei der Fettabsaugung noch im OP von den übrigen Fettzellen zu trennen. Auch soll erforscht werden, welche Behandlung die Zellen am effektivsten schützt, um nach der Transplantation den größtmöglichen Behandlungserfolg zu erzielen. Denn noch immer wird nach der Transplantation von Fettgewebe eine Vielzahl von Fettzellen resorbiert bzw. geht durch Nekrosierung zu Grunde. Experten machen dafür eine ganze Reihe von Ursachen verantwortlich: beispielsweise Verletzungen der Zellstrukturen bei der Absaugung aber auch Entzündungsreaktionen oder fehlende Durchblutung. Die Hoffnung der Mediziner ist, dass sie durch Verbesserung der Gewinnungstechniken und der Zugabe von Wachstumsfaktoren das Anwachsen der Zellen noch besser beeinflussen und so positiv stimulieren können.

Die Forschung arbeitet auch daran, dass sich überschüssige Fettstammzellen genauso sicher und einfach einfrieren lassen wie das Nabelschnurblut Neugeborener. Sie könnten dann bei Bedarf aufgetaut und eingesetzt werden.