Fetale Stammzellen

Definition: Was sind fetale Stammzellen?

Fetale bzw. fötale Stammzellen werden in der Regel aus fünf bis zwölf Wochen alten Embryonen und Feten gewonnen. Zur Unterscheidung der Begrifflichkeiten: Beim Mensch wird das sich entwickelnde Kind im Mutterleib vom ersten Tag bis zum Ende der 8. Schwangerschaftswoche als „Embryo“ bezeichnet. Mit der 9. Schwangerschaftswoche beginnt die sogenannte Fetalperiode. Das Kind wird dann bis zur Geburt in Fachkreisen „Fötus“ bzw. „Fetus“ genannt. Die Mehrzahl lautet hier übrigens Föten bzw. Feten.

Abgetriebene Feten oder eher selten auftretende, spontane Fehlgeburten sind das Ausgangsmaterial für fetale Stammzellen. Damit sind sie ethisch zwar vorbelastet, aber bei weitem nicht so hochumstritten wie embryonale Stammzellen. Hier wird zur Gewinnung ein Embryo gezeugt und dann bereits nach wenigen Tagen zerstört.

Das Zellmaterial und Gewebe abgetriebener Kinder wird meist mit dem Klinikmüll entsorgt. Werden daraus fetale Stammzellen gewonnen, so muss die Frau zuvor zustimmen. Einige Frauen finden den Gedanken tröstlich, dass das ganze dahinterstehende menschliche Drama dennoch irgendeinen Sinn haben und Positives bewirken kann. Denn mit Hilfe der fetalen Stammzellen ist es möglich, an der Heilung schwerer Krankheiten zu forschen und so vielleicht Menschenleben zu retten.

Allerdings hat der Gesetzgeber Vorkehrungen getroffen, um einen Missbrauch zu verhindern. Es ist zwar möglich, nach dem Schwangerschaftsabbruch das Gewebe zu spenden. Eine Frau kann es aber nicht gezielt stiften. Das heißt im beispielhaften Fall: Eine Tochter kann nicht schwanger werden und abtreiben, um mit der Zellspende dem erkrankten Vater zu helfen. Damit soll vermieden werden, dass Kinder einzig für den Zweck einer Stammzellentherapie gezeugt und dann abgetrieben werden.

 

Multipotenz der fötalen Stammzellen macht sie interessant für die Stammzellenforschung

Während embryonale Stammzellen anfangs totipotent und später immerhin noch pluripotent sind, sodass es ihnen gelingt, sich in jede Körperzelle auszudifferenzieren, konnten sich die fötalen Stammzellen die Eigenschaft der Multipotenz bewahren. Das bedeutet, sie sind größtenteils schon auf ein bestimmtes Körpergewebe festgelegt. Der Grund ist recht simpel: Der Embryo bzw. Fötus war zum Zeitpunkt, als die Stammzellen isoliert werden, bereits weit über das Blastozysten-Stadium hinaus entwickelt. Das Anlegen der inneren Organe erfolgt zwischen der 5. und 8. Woche. Dennoch sind fetale Stammzellen immer noch entwicklungsfähiger als adulte Stammzellen, die sich nach der Geburt im menschlichen Körper befinden.

In der Stammzellenforschung gilt die Faustregel: Je früher sich eine Stammzelle entwickelt, desto besser eignet sie sich für die Stammzellentherapie, weil ihr Entwicklungspotenzial größer ist. Fetale Stammzellen liegen in dieser Rangliste nach den embryonalen Stammzellen auf Platz 2 und können sich so noch vor die neonatalen Stammzellen aus der Nabelschnur schieben, die wiederum die adulten Stammzellen der Erwachsenen schlagen.

 

Fetale Stammzellen in der Medizin: Hoffnung bei neurodegenerativen Erkrankungen

Fötale Stammzellen haben ein großes Wachstumspotenzial, da es sich um sehr junge Stammzellen handelt. Das bedeutet auch, dass ihre Erbanlagen kaum geschädigt sind. Bei ihnen hat sich also noch nicht der Alterungsprozess summiert.

Sie lassen sich außerdem recht einfach isolieren. Von daher sind fetale Stammzellen für Wissenschaftler eine ideale Stammzellquelle, in die sie große Hoffnungen setzen. Insbesondere für die Forschung bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson, Demenz oder Chorea Huntington sind sie interessant, denn hier ist die Anzahl an adulten, neuronalen Stammzellen im Gehirn begrenzt. Außerdem können Wissenschaftler nicht ohne weiteres eine Gewebeprobe aus dem Denkorgan der Patienten entnehmen.

 

Ethische Bedenken & konkrete Probleme machen fetale Stammzellen nur zur Zwischenlösung

Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet die Erzeugung embryonaler Stammzellen. Die Einführung aus dem Ausland wird durch das Stammzellgesetz streng reglementiert. Fetale Stammzellen sind daher für Forscher eine interessante Alternative, die deutlich weniger ethische Konflikte verursacht. Doch auch hier kommt man schnell in ethische Debatten, weil Märkte und Prozessketten entstehen werden, sollten sich Stammzellentherapien auf Basis fötaler Stammzellen etablieren. Eine aufgeklärte Gesellschaft kann Abtreibungen zwar nicht verbieten, sie kann sie aber auch nicht gut heißen. Etablieren sich Stammzellentherapien auf Grundlage fetaler Stammzellen, so werden über kurz oder lang Firmen darauf aufbauen und mit dem absichtlich beendeten Leben Gewinne erzielen wollen. Ist eine Gewinnbeteiligung der betroffenen Frauen dann nicht auch erforderlich – quasi als Lohn oder als Aufwandsentschädigung für das gespendete Zellmaterial? Und welche Folgen hat dieses „Geschäftsmodell“ für die Frauen? Werden dann ärmere Frauen in Versuchung geführt, absichtlich eine Schwangerschaft anzustreben, um mit der Abtreibung etwas Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen?

All diese Fragen sind im Moment noch theoretischer Natur. Studien mit fetalen Stammzellen wurden bislang nur im Ausland durchgeführt, sodass sich die deutsche Gesellschaft vor dieser Debatte drücken konnte. Sie wird sie aber führen müssen, wenn sich entsprechende Therapien durchsetzen sollten. Doch dazu müssen zunächst noch eine Reihe von Problemen gelöst werden.

Beim Verabreichen von fetalen Stammzellen handelt es sich um eine allogene Transplantation, d. h. Spender und Empfänger sind nicht identisch. Die Patienten müssten deswegen ein Leben lang Medikamente einnehmen, um das Immunsystem zu unterdrücken, da die „Körper-Polizei“ die fremden Zellen attackiert und zerstören würde. Außerdem benötigen Ärzte für die Therapie eines Patienten immer mehrere Feten, da aus jedem Fötus nur eine begrenzte Anzahl an Stammzellen gewonnen werden kann. Bislang erweist sich die Vermehrung der fetalen Stammzellen im Labor als schwierig. Für den breiten Masseneinsatz sind sie nach Meinung vieler Experten deswegen nicht geeignet. Wahrscheinlich kann nur eine geringe Anzahl an Patienten mit fetalen Stammzellen behandelt werden. Die neueste Forschung setzt für die Behandlung von Volkskrankheiten auf die iPS, also die induzierten, pluripotenten Stammzellen. Sie sind eine Alternative, die ethisch unproblematisch ist und ein ähnlich hohes Anwendungspotenzial hat. Forscher hoffen daher, dass fetale Stammzellen auf dem Weg zur Stammzellentherapie nur eine Zwischenlösung für die Grundlagenforschung sind und dass später die konkrete Anwendungsforschung bereits an Stammzellen aus dem Fettgewebe oder Nabelschnurblut-Stammzellen erfolgt.