Body-Positivity

Auf das Aussehen kommt es (nicht) an

Seit Jahrtausenden setzt sich der Mensch mit sich und seinem Körper auseinander. Im Laufe der Zeit entwickelten sich Ideale, die sich von Epoche zu Epoche bis in die Gegenwart immer wieder verändert haben. Figuren wie die Venus von Willendorf lassen darauf schließen, dass in der Steinzeit womöglich üppige Frauenkörper als „sexy“ galten, weisen beispielsweise schon Skulpturen aus der Antike auf muskulöse und gleichmäßig ausgestaltete Körper hin. Lassen sich in der Barock- und Renaissance-Zeit Darstellungen von eher wohlgenährten Damen und Herren finden, verschob sich das Schönheitsideal im Laufe der Jahrhunderte zu dünneren, teils mageren Körpern.

Diese Entwicklung des Schönheitsideals hat ernsthafte Folgen. Junge Menschen sind heute – auch durch die ständige Zugänglichkeit von Bildern über Social-Media-Kanäle wie Instagram, Facebook oder Snapchat – mehr denn je mit dem „perfekten Körper“ konfrontiert. Quasi ontop gibt es noch eine enorme Anzahl an Tipps, wie dieser perfekte Körper zu erreichen sei. Die Liste reicht von Schminktipps über fragwürdige Ernährungsempfehlungen bis hin zu exzessiven Fitnesstipps. Frauen arbeiten auf einen extrem schlanken und definierten Körper hin, der im besten Fall noch mit einer üppigen und straffen Brust daherkommen soll. Männer jagen eher durchtrainierten und stark muskulösen Schönheitsidealen hinterher.

Wie viele Menschen darauf aus sind, ihr Aussehen extern festgelegten Standards zu unterwerfen, lässt die Zahl der Fitnessstudio-Besucher in Deutschland nur erahnen. Sie liegt derzeit bei ca. 10,6 Millionen Mitgliedschaften. Immer mehr Menschen sind außerdem bereit, sich fürs Aussehen sogar unters Messer zu legen und die Risiken einer Schönheitsoperation auf sich zu nehmen. Die Zahl der Eingriffe steigt seit Jahren konstant. Schönheitskliniken haben Hochkonjunktur.

 

Body-Positivity – das Akzeptieren des Körpers

Dem propagierten Schönheitsideal stellt sich eine in den 1990er Jahren entstandene Bewegung entgegen – Body-Positivity. Die Body-Positivity-Vertreter_innen setzen sich positiv mit dem eigenen Körper auseinander, akzeptieren ihn, wie er ist und stehen vor allem öffentlich dazu, dass jedes Individuum trotz seiner vermeintlichen Makel schön ist.

Kanäle wie Instagram bieten der Body-Positivity dabei eine riesige Plattform. Es werden Bilder veröffentlicht, von kräftigen oder dicken Frauen im Bikini am Strand. Pigmentstörungen der Haut aber auch Dehnungsstreifen durch Schwangerschaft oder Wachstum sind längst kein Tabuthema mehr. Body-Positivity erlangt derzeit Trendstatus. Diesem Trend wollen viele, vor allem Frauen, nur allzu gern folgen, denn die wenigsten Menschen dieser Welt entsprechen den über die Medien verbreiteten Schönheitsidealen aus der Mode-, Film- und Werbeindustrie. Die Kommentare zu diesen Bildern reichen von Anerkennung, über Bestärkung aber auch bis hin zu sehr negativen, teils bedrohenden Aussagen.

Body-Positivity schafft eine öffentliche Auseinandersetzung mit den vermeintlichen Schönheitsidealen aber vor allem auch mit dem eigenen Körper und der Individualität. Die Bewegung ermutigt dadurch viele Menschen, sich nicht länger für ihren von Mutter Natur gegebenem Körper zu schämen, sondern ihn liebevoll zu akzeptieren und zu pflegen.

 

Das Problem mit Body-Positivity

Doch auch wenn es im ersten Moment sehr positiv erscheint, sich mit dem eigenen Körper derart auseinanderzusetzen und sich nicht einem bestehenden Schönheitsideal zu unterwerfen, so birgt die Body-Positivity-Bewegung dennoch auch gesellschaftlich negative Seiten.

Anstatt sich über andere, nicht-körperliche Merkmale zu definieren, sorgen die unzähligen Beiträge im Internet immer noch dafür, dass vor allem weibliche Körper objektiviert werden – und damit betrachtet und bewertet. Schönheit wird dadurch weiterhin auf Körper und Aussehen zurückgeführt. Vielen Frauen und Männern bleibt trotz Body-Positivity meist nichts anderes übrig, als sich bei negativen Kommentaren für ihre Körper zu rechtfertigen und auch dafür, dass sie sich eben keinem geltenden Schönheitsideal unterwerfen können oder wollen.

In den Hintergrund tritt dabei häufig, dass der Mensch und auch das, was seine Schönheit ausmacht, mehr ist als nur der sichtbare Körper. Es geht immer auch um die viel zitierten inneren Werte wie Humor, emotionale Intelligenz, Kreativität oder Offenheit.

 

Body-Neutrality – was wirklich wichtig ist

Einen Schritt weiter geht dabei die Body-Neutrality-Bewegung. Im Gegensatz zur Body-Positivity strebt sie an, die Bedeutung, die wir unserem Aussehen beimessen, deutlich zu reduzieren. Sie kritisiert, welchen Stellenwert körperliche Schönheit in der Gesellschaft hat. Sowohl Männer als auch Frauen, die allgemein als attraktiv gelten, bekommen wahrscheinlicher Anstellungen in höheren Positionen, ihnen werden mehr Intelligenz und Kompetenz zugesprochen und auch eine Gehaltserhöhung lässt sich für attraktive Menschen statistisch eher belegen. Wer also dem Schönheitsideal entspricht, hat beruflich deutlich bessere Chancen. Dieser Trend wird sich auch durch Body-Positivity nicht ändern, da in dieser Bewegung immer noch der Körper und sein Aussehen im Mittelpunkt stehen.

Die Body-Neutrality zielt darauf ab, das eigene Selbstwertgefühl nicht nur anhand des eigenen Körpers (und dessen Aussehen) aufzubauen, sondern beispielsweise durch das Anerkennen der eigenen Fähigkeiten und den sozialen Beziehungen, die man führt.

Um tatsächlich glücklich und zufrieden mit sich zu sein, hilft es, nicht den öffentlich propagierten Idealen hinterher zu jagen, sondern sich seiner Einzigartigkeit und individuellen Qualität bewusst zu werden und sich so zu akzeptieren, wie man ist. Das Aufrechterhalten des gesellschaftlichen Schönheitsideals erscheint dabei eher kontraproduktiv. Befreien Sie sich von Schönheitskult und Schönheitswahn – für ein völlig neues Körpergefühl!