Vorteile & Nachteile adulter Stammzellen

Pro & Contra-Argumente: Was für und gegen die adulten Stammzellen spricht

Die Redaktion von familien-gesundheit.de hat bereits im Beitrag „Was sind adulte Stammzellen“ versucht, diesem Typ der Alleskönner-Zellen auf die Spur zu kommen. An dieser Stelle sollen noch einmal explizit die Vorteile aber auch die Nachteile der adulten Stammzellen aufgelistet werden.

 

Pro-Argumente: Die Vorteile adulter Stammzellen

Vorteil adulter Stammzellen Nummer 1: Erprobte Therapien bieten Sicherheit

Mit dem Einsatz von adulten Stammzellen kennen sich Mediziner aus. Die Knochenmarktransplantation ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Behandlung von Leukämie. Millionenfach konnte so bereits Leben gerettet werden. Mittlerweile kennen die Ärzte die besonderen Risiken und können darauf achten, dass sich die HLA-Merkmale, also die individuellen spezifischen Gewebemerkmale eines Menschen, von Spender und Empfänger so ähneln, dass die Gefahr einer Abstoßung minimiert wird. Bei der autologen Transplantation tendiert das Risiko sogar gegen Null.

Adulte Stammzellen sind weniger teilungsfreudig als embryonale Stammzellen. Tests und Studien konnten daher belegen, dass ihr Einsatz nicht zur Erhöhung des Risikos von Tumoren beiträgt. Der Gesetzgeber hat mit dem Transplantationsgesetz bzw. dem Transfusionsgesetz für hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards bei Transplantationen und Voruntersuchungen gesorgt. Sie machen eine Verschleppung von Krebszellen bzw. eine Übertragung einer Viren- oder Bakterieninfektion fast unmöglich.

Experten bewerten daher die Verwendung von adulten Stammzellen in der medizinischen Therapie – egal ob hämatopoetische oder mesenchymale Stammzellen – als sicher.

 

Vorteil adulter Stammzellen Nummer 2: Eigene Stammzellen sind perfekt

In puncto Sicherheit und Minimierung des Abstoßungsrisikos sind eigene Stammzellen perfekt. Sie werden vom Immunsystem akzeptiert, d. h. als „nicht fremde Zellen“ erkannt und deswegen auch nicht attackiert. Während Patienten bei einer allogenen Transplantation, d. h. Spender und Empfänger sind nicht ein und dieselbe Person, ein Leben lang, mittels Medikamenten das Immunsystem unterdrücken müssen, ist dies bei der Eigenspende nicht erforderlich.

Die erforderliche Anschlusstherapie an eine allogene Spende kann schwerwiegende Folgen haben. Selbst normalerweise harmlose Infektionen können einen schwerwiegenden Verlauf nehmen. Auch kann die Entstehung von Krebs begünstigt werden. Bei der autologen Transplantation bleiben dem Patienten Immunsuppressiva erspart. Eine Immunsuppression ist hier kein Thema.

 

Vorteil adulter Stammzellen Nummer 3: Ethisch und rechtlich unproblematisch

Embryonale Stammzellen sind hoch umstritten, da hier ein Embryo einzig und allein für die Stammzellengewinnung erschaffen und anschließend zerstört wird. Die Kontroversen dazu führten zum deutschen Embryonenschutzgesetz und dem Stammzellgesetz. Nicht weniger emotional geht es beim Einsatz von fetalen Stammzellen zu. Für ihre Gewinnung werden meist abgetriebene Feten oder spontane Aborte, also Fehlgeburten in einem sehr frühen Stadium, genutzt. Auf die fetalen Stammzellen setzen Forscher vor allem bei der Erforschung und Behandlung von Hirnerkrankungen wie Demenz, Morbus Huntington oder Amyothrophe Lateralsklerose.

Komplett anders sieht es dagegen bei den adulten Stammzellen aus. Hier gibt es keine ethischen Konflikte, wenn erwachsene Menschen aus freien Stücken Gewebe oder Blut spenden. In dieser Hinsicht als ideale Stammzellquelle erweisen sich wieder einmal die Nabelschnurblut-Stammzellen. In nach wie vor über 90 Prozent der Fälle landet die Nabelschnur mit der Plazenta ungenutzt im Klinikmüll. Dabei kann das Nabelschnurblut tatsächlich Leben retten. Kaum auf der Welt können Babys schon zum Superhelden werden.

 

Vorteil adulter Stammzellen Nummer 4: Verfügbarkeit

Adulte Stammzellen finden sich in vielen Geweben und lassen sich– je nach Stammzelltyp – mit mehr oder weniger großem Aufwand gewinnen und kultivieren: beispielsweise per Knochenmarkspunktion oder Stammzellapherese. Am einfachsten ist allerdings die Gewinnung der Stammzellen aus der Nabelschnur und dem Nabelschnurblut. Im letzteren Fall wird im Anschluss an die Geburt einfach die Nabelschnurvene unmittelbar nach dem Abnabeln punktiert und das stammzellreiche Nabelschnurblut aufgefangen. Der Vorgang ist für Mutter und Kind vollkommen schmerzlos und mit keinerlei Risiken verbunden. Er dauert übrigens kaum mehr als zwei bis drei Minuten. Werden die Stammzellen aus der Nabelschnur schnellstens eingefroren, bleiben darüber hinaus ihre für den medizinischen Einsatz besonders interessanten Eigenschaften für viele Jahre bewahrt: Sie sind nämlich besonders jung, teilungsfreudig und hochgradig anpassungsfähig.

 

Vorteil adulter Stammzellen Nummer 5: Kultivierbarkeit

Mittlerweile sind Mediziner in der Lage, nicht nur die adulten Stammzellen zu gewinnen, sondern sie auch im Labor gezielt zu vermehren, wenn nicht genügend Material für die weitere Behandlung zur Verfügung steht. Dazu werden den Stammzellen im Bioreaktor gezielt Wachstumfaktoren zugesetzt. So kann mittlerweile auch die Ausdifferenzierung von induzierten, pluripotenten Stammzellen, also den reprogrammierten Hautzellen, gezielt gesteuert werden. Es existieren damit Prozesse, um gewünschte Gewebe zu erzeugen.

Jüngst vermeldeten Wissenschaftler beispielsweise, dass sie ein primitives Auge erschaffen haben, dass aus Zellen der Linse, der Netzhaut, der Hornhaut sowie der Bindehaut besteht. Damit könnte womöglich in absehbarer Zeit bei Augenerkrankung wie dem Glaukom (grüner Star) oder bei einer altersbedingten Makuldadegeneration (AMD) körpereigenes Ersatzmaterial zum Einsatz kommen. Eine drohende Erblindung ließe sich so abwenden.

 

Contra-Argumente: Die Nachteile adulter Stammzellen

Nachteil adulter Stammzellen Nummer 1: Vorhandene Anzahl im Gewebe

Außer den hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark kommen adulte Stammzellen bei Erwachsenen nicht allzu häufig vor. Gerade in langsam wachsenden Organen sind die Alleskönner-Zellen sehr selten. Möchte man sie für eine Therapie gewinnen, muss entweder viel Gewebe per Biopsie entnommen werden oder es ist eine teure und aufwändige Vermehrung im Labor nötig. Dieser Kostenfaktor in der Stammzellentherapie birgt ein erhebliches Konfliktpotential in der Zukunft. Im Hinblick auf die Fragen der Kostenexplosion im Gesundheitswesen und des demografischen Wandels wird sich womöglich die Frage stellen: Kann die Gesellschaft wirklich jedem Patienten die benötigte Stammzellentherapie bezahlen?

Ein weiteres Problem, das erst noch gelöst werden muss: Nicht jeder Stammzelltyp lässt sich gleich gut im Bioreaktor vermehren. Manche Forscher schlagen daher vor, im Notfall das Problem der erforderlichen Menge über die Gewinnung von Stammzellen aus abgetriebenen Feten zu lösen. Doch diese Debatte ist ähnlich hoch emotional wie die Diskussion um embryonale Stammzellen.

 

Nachteil adulter Stammzellen Nummer 2: Gewinnung

Nachteil Nummer eins und zwei hängen unmittelbar miteinander zusammen. In der Regel sind Stammzellen nämlich direkt in das Körpergewebe eingebettet, zu dem sie sich auch ausdifferenzieren. Sie von „normalen“ Zellen zu unterscheiden, ist nur im Labor möglich. Dazu müssen sie aus dem umgebenden Gewebe isoliert werden, was unweigerlich zur Zerstörung der vorhandenen Strukturen führt. Und genau das widerspricht dem eigentlichen Ziel einer medizinischen Behandlung: Man will ja geschädigtes Gewebe in der Regel reparieren und nicht weiter schädigen.

Einzig die Stammzellen aus dem Knochenmark, dem Blut und der Haut sind recht einfach zu gewinnen. Sie bringen jedoch einen weiteren Nachteil mit: Meist sind bereits sehr stark festgelegt und können sich nur noch zu wenigen, verschiedenen Zelltypen weiterentwickeln. Aus diesem Grund hoffen Mediziner und Forscher auf das Potential der induzierten, pluripotenten Stammzellen.

 

Nachteil adulter Stammzellen Nummer 3: Stammzellen altern mit dem Menschen

Das Alter geht an keinem Menschen spurlos vorbei. Jede Körperzelle unterliegt diesem Prozess. Damit altern auch Stammzellen, denn auch sie sind aggressiven Substanzen ausgesetzt, die zu Schäden an ihrer DNA führen. Anfangs können sich Stammzellen gut selbst reparieren. Doch später, wenn die Erbgutschäden zu groß werden, versagt die Selbstheilung immer öfter. Zu den erbgutschädigenden Substanzen zählen beispielsweise giftige Stoffe wie Benzol oder Asbest. Aber auch radioaktive Strahlung oder bestimmte Bakterien und Viren können langfristig enorme Probleme verursachen.

Werden adulte Stammzellen älteren Spendern entnommen, so sind sie weniger teilungsfreudig und anpassungsfähig als junge Stammzellen. Auch die Krebs-Gefahr erhöht sich mit dem Alter. Aus diesem Grund akzeptiert die Deutsche Knochenmarksspenderdatei (DKMS) beispielsweise nur Stammzellenspender mit einem Alter von maximal 55 Jahren.

In der Regel gilt: Je jünger der Spender ist, desto besser ist dies für den Empfänger. Idealerweise sind Kinder die besten Stammzellenspender. Es gibt bereits die ersten Fälle, wo Eltern kranker Kinder mit Hilfe der modernen Fortpflanzungsmedizin und Pränataldiagnostik gezielt Geschwisterkinder gezeugt haben, die als Spender für den Sohn oder die Tochter in Frage kommen. Das Gespenst vom Designerbaby macht die Runde und löst ethische Kontroversen aus.

 

Nachteil adulter Stammzellen Nummer 4: Risiken

Wie bereits ausgeführt, altern die Stammzellen mit dem Menschen. Er macht Erkrankungen durch, kann Viren, Bakterien und Pilze in sich tragen. Bei einer Transplantation besteht immer ein potentielles Übertragungsrisiko – auch wenn der deutsche Gesetzgeber mit dem Transplantationsgesetz und dem Transfusionsgesetz hohe Sicherheitsstandards geschaffen hat. Das Transfusionsgesetz wurde beispielsweise erst nach dem Druck durch den Bluter-Skandal verabschiedet. In den 1980er Jahren hatten sich einige Hundert Hämophilie-Patienten über erhaltene Blutkonserven mit dem HI-Virus angesteckt. Im Vollbild entwickeln HIV-positive Patienten AIDS.

Bei der Stammzellenentnahme via Knochenmarkspunktion handelt es sich defacto um eine Operation. Hier gibt es nicht nur das Narkoserisiko, sondern ebenfalls ein Infektionsrisiko. Der Einstichkanal der Punktionsnadel kann sich entzünden, was im allerschlimmsten Fall sogar zu eine lebensgefährlichen Sepsis führen kann.

Von Organtransplantationen ist in Einzelfällen bekannt, dass Krebszellen mit übertragen wurden und sich später beim Empfänger ein Tumor entwickelte. Dieses Übertragungsrisiko lässt sich auch bei Stammzellen nicht gänzlich ausschließen.

Von allen adulten Stammzellen als am unproblematischsten werden von Experten auch hier die Stammzellen aus der Nabelschnur und dem Nabelschnurblut angesehen. Der kindliche Blutkreislauf ist in der Regel vom mütterlichen Blutkreislauf bestens abgeschirmt. Nabelschnurblut-Stammzellen sind daher in der Regel virenfrei, bakterienfrei und pilzfrei. Außerdem sind sie so jung, dass von zu Krebs führenden Erbgutschäden nicht auszugehen ist.

 

Nachteil adulter Stammzellen Nummer 5: Abstoßungsgefahr

Stehen eigene Stammzellen für die Therapie nicht zur Verfügung, muss auf die Stammzellen eines geeigneten Spenders zurückgegriffen werden. Doch bei einer allogenen Spende besteht immer die Gefahr, dass der Körper des Empfängers die fremden Zellen nicht annimmt und attackiert. Die Abstoßungsreaktion ist eine gefürchtete Komplikation. Wissenschaftler können das Risiko zwar minimieren, indem sie die HLA-Merkmale von Spender und Empfänger miteinander vergleichen. Nur wenn beide über sehr ähnliche Gewebemerkmale verfügen, ist eine Stammzellentransplantation aussichtsreich. Diese Suche ist zeit- und kostenintensiv, denn nur in ca. einem Drittel aller Fälle wird ein Spender innerhalb der eigenen Familie gefunden.

Trotz aller Vorkehrungen kann es vorkommen, dass bei einer allogenen Transplantation der Empfänger lebenslang Immunsupressiva einnehmen muss, um das Immunsystem zu hemmen und eine Abstoßung zu verhindern. Eine solche Langzeittherapie hat natürlich auch ihre Nebenwirkungen.

Aus Untersuchungen wissen Wissenschaftler, dass die adulten Stammzellen von allen Stammzellen am wenigsten flexibel sind. Embryonale Stammzellen sind dagegen die Stammzellen mit der höchsten Anpassungsfähigkeit. Als Faustformel gilt: Je größer die Anpassungsfähigkeit ist, desto geringer ist auch das Abstoßungsrisiko. Einen guten Kompromiss zwischen ethischer Debatte, einfacher Gewinnung und Flexibilität stellen die neonatalen Stammzellen – also die Stammzellen aus der Nabelschnur und dem Nabelschnurblut – dar. Sie verursachen nachweislich weniger Abstoßungsreaktionen.