Leukämie bei Kindern: Stammzelltherapie sicherer machen

Neue Zelltherapie hilft, Immunsystem früher aufzubauen

Allein in Österreich erkranken jährlich 185 Kinder an Krebs. Die häufigste Krebsform bei Kindern und Jugendlichen ist auch hier die Leukämie. Mediziner unterscheiden verschiedene Arten von Leukämien. Ihnen allen gemein ist jedoch, dass beim „Blutkrebs“ große Mengen weißer Blutzellen gebildet werden. Sie schwächen das Immunsystem. Im schlimmsten Fall blockieren sie es völlig. Leukämie wird deswegen auch zu den Blutbildungsstörungen hinzugerechnet.

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Eine neue Zelltherapie ermöglicht es, nach einer Stammzelltransplantation das Immunsystem früher und mit weniger Nebenwirkungen zu aktivieren. Das soll die Behandlung von Leukämie sicherer machen, denn die Patienten sind möglichen Viren dann nicht mehr so lange schutzlos ausgeliefert, bis sich aus den Spender-Stammzellen ein neues Immunsystem geformt hat.

 

Um die Krankheit zu besiegen, bekommen die jungen Patienten Chemotherapie und Bestrahlung. Jedoch werden bei der Leukämie-Therapie nicht nur die Krebszellen vernichtet. Es werden auch alle anderen blutbildenden Zellen in Mitleidenschaft gezogen und beispielsweise die Stammzellen im Knochenmark ausgeschalten.

 

Neustart für die Hämatopoese erforderlich

Die jungen Patienten benötigen daher einen Neustart der Hämatopoese, der gesunden Blutbildung. Dies funktioniert jedoch nur mit einem Pool an gesunden Stammzellen. Aus ihnen können sich die fürs Immunsystem notwendigen Abwehrzellen entwickeln und dann wieder Eindringlingen wie Viren und Bakterien den Kampf ansagen. Fehlen jedoch diese wichtigen Abwehrzellen, so kann schon der kleinste Schnupfen tödlich sein. Deswegen werden Leukämie-Patienten häufig auf die Isolierstation verlegt, während sie darauf warten, dass ein geeigneter Blutstammzellen-Spender gefunden wird. Dabei müssen die Zellmerkmale des Spenders mit den Zellmerkmalen des Empfängers übereinstimmen, damit das Transplantat nicht abgestoßen wird. Findet sich kein geeigneter Spender, so müssen die Mediziner nicht selten auf die Stammzellen im Blut eines Elternteils ausweichen, auch wenn die Gewebemerkmale hier manchmal nur zur Hälfte mit denen des erkrankten Kindes übereinstimmen.

Anders als im Nabelschnurblut von Neugeborenen kommen im Blut von Erwachsen Stammzellen nur in geringen Mengen vor. Vor der Stammzellenentnahme müssen sie daher aus ihrer Stammzellnische Knochenmark „herausgelockt“ werden. Dies geschieht durch den Wachstumsfaktor G-CSF, der auch vom Körper selbst produziert wird. Zwei Tage vor dem Versuch, Stammzellen aus dem Blut des Spenders zu gewinnen, erhält dieser den Wachstumsfaktor gespritzt. Spricht der Körper darauf gut an, können die hämatopoetischen Stammzellen per Stammzell-Apharese aus dem Blut gewaschen werden. Gelingt es nicht genügend Stammzellen auf diese Weise zu entnehmen, muss eine Punktion des Knochenmarks erfolgen. Hierbei wird meist der Beckenkamm unter Vollnarkose punktiert.

Bevor jedoch der Leukämie-Patient das Stammzelltransplantat erhalten kann, müssen alle T-Zellen entfernt werden. Denn im Spenderblut kommen neben den virusspezifischen T-Zellen auch die alloreaktiven T-Zellen vor. Diese sind gefährlich, weil sie sich gegen den Empfänger richten können. Daher werden alle Abwehrzellen – die guten wie die schlechten – aus dem Stammzellpräparat gefiltert. Das Verfahren soll die Sicherheit der Spende erhöhen. Es hat jedoch den Nachteil, dass sich gleichzeitig die Gefahr einer Viruserkrankung für den Patienten erhöht, da mit dem Stammzellpräparat kein Immunsystem transplantiert wird, sondern es sich erst langsam über Wochen hinweg aufbauen muss.

 

 

Neue Zelltherapie kann Immunsystem früher aktivieren

Nun vermelden österreichische Immunologen einen wichtigen Durchbruch. Sie haben ein zelltherapeutisches Verfahren entwickelt, bei dem die Vermehrung der „guten“ T-Zellen einfacher und schneller vonstattengeht. Gleichzeitig lässt sich die Anzahl der „bösen“ T-Zellen verringern. Die Kultur der Zellen dauert jetzt rund zwölf Tage, in denen aus sehr wenigen virusspezifischen T-Zellen sehr viele entstehen. Damit gewinnen die Mediziner Zeit. Sie können nun die Abwehrzellen verabreichen in einer sehr sensiblen Phase, in der die transplantierten Patienten noch kein funktionierendes Immunsystem besitzen und somit Viren schutzlos ausgeliefert wären.

Man konnte zwar bislang auch schon virusspezifische T-Zellen herstellen. Jedoch dauert es bis zu zwölf Wochen und die Kosten für die Kultivierung waren immens. Das neuentwickelte Verfahren bringt nicht nur für die Empfänger Verbesserungen mit sich, sondern auch für die Spender. Sie müssen sich nun nicht mehr einer stundenlangen Prozedur unterziehen, bei der die Zellen gesammelt werden. Es genügt, wenn ihnen 100 Milliliter Blut entnommen werden. Darin können im Labor die weißen Blutkörperchen zur Abwehr von Krankheitserregern isoliert werden.

 

Schneller mit weniger Nebenwirkungen

Bei ihren Forschungen konzentrieren sich die Wissenschaftler im Moment auf zwei Viren, die nach einer Stammzellentransplantation besonders gefährlich werden können: das Adenovirus (HAdV) und das Cytomegalovirus (HCMV). Der Zellkultur werden Adenoviren in Form kleiner Peptid-Stücke zugegeben, um die Immunzellen zu sensibilisieren. Sie können dann im Patienten sehr spezifisch gegen die mit Adenoviren infizierten Zellen vorgehen und gewährleisten somit einen dauerhaften Schutz gegen das Adenovirus. Die früher nach einer Verabreichung von Spender-T-Zellen aufgetretenen, gefährlichen Nebenwirkungen können dank des neuen Verfahrens ausgeschlossen werden.

In Wien wurde im Jahr 2012 erstmals ein Heilversuch mit derart produzierten und optimierten Spender-T-Zellen unternommen. Damals trieb die pure Not die Mediziner an. Ein vierjähriges Kind mit Leukämie war an einer lebensbedrohlichen Infektion erkrankt und auf die Spender-T-Zellen angewiesen. Der Heilversuch glückte und das Verfahren wurde in den Folgejahren immer weiter verbessert.

Im Moment muss die neue Zelltherapie ihre Wirksamkeit und Sicherheit im Rahmen der durch das Arzneimittelgesetz regulierten Zulassung unter Beweis stellen. Die dafür erforderliche klinische Studie wurde bereits vor zwei Jahren gestartet. Bislang hat jedoch noch kein Patient die neue Zelltherapie erhalten, da es Probleme gibt, geeignete Studienteilnehmer zu finden. Die Mediziner auf den Stationen tun nämlich alles, damit es gar nicht erst zur Viruserkrankung kommt. Daher sind die Patienten rar Es wurden nun in die Studie zwei weitere Viren mit hineingenommen. Sowohl der Polyoma- als auch das Epstein-Barr-Virus treten häufig bei Patienten nach Organtransplantationen auf. Die Forscher hoffen mit dem Einsatz der neuen Zelltherapieverfahrens auch darauf, dass sich die Nebenwirkungen der Virusmedikamente deutlich verringern.

 

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