Kultobjekt: Gartenzwerg

Kleine Wichtelmänner erobern die Kleingärten

Wer durch die Kleingartenanlagen im Land spaziert, kommt an ihnen kaum vorbei. Die kultverdächtigen Bewohner der Schrebergärten haben trotz ihres Alters an Popularität nichts eingebüßt. Ewig jung geblieben, vereinnahmen sie ganze Anlagen für sich. Sie wissen immer noch nicht, wovon die Rede ist? Vom Gartenzwerg natürlich! Die kleinen Figuren mit den Zipfelmützen dürfen in vielen Gärten ebenso wenig fehlen wie Gemüse, Obst, Blumen, Kräuter oder das Gartenhäuschen.

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Gartenzwerge haben längst ihr Spießerimage abgelegt. Sie sind Kult und gehören zum hippen Garten genauso wie Urban Gardening, Terra Preta oder die vegane Bratwurst beim Garten-Grillfest.

 

Der Gartenzwerg: Mystisches Wesen oder knallhart kalkulierter Verkaufsschlager?

Wer sich auf die Spur des Gartenzwerges macht, möchte natürlich wissen, woher diese Idee stammt. Doch selbst wahre Gartenzwerg-Experten konnten bislang nicht genau die Herkunft der Wichtelmänner und -frauen klären. Wer Nachforschungen zur Herkunft des Gartenzwerges anstellt, stößt auf stimmige Argumente aber auch auf sagenhafte Geschichten. So ist es jedem selbst überlassen, an welche „Theorie der Entstehungsgeschichte“ er glauben mag. Die Alpen-Theorie erzählt beispielsweise folgende Legende: Normalerweise verstecken Gartenzwerge ihre Frauen das ganze Jahr in den Alpen. Auch der Nachwuchs wächst dort auf. Einmal im Jahr jedoch kehren die Gartenzwergväter zurück und holen die jungen, gerade erwachsen gewordene Gartenzwerge ab. Sie haben dann den Auftrag, neue Gärten in Beschlag zu nehmen.

 

War die Biedermeierzeit die Geburtsstunde der Gartenzwerge?

Wem die Alpen-Theorie etwas zu abwegig erscheint, findet jedoch auch andere Ansätze für Erklärungen. Kostprobe gefällig?

Während der Biedermeierzeit wurde das Motiv der Zwerge bereits sehr gern für Malereien verwendet. Viele der zeitgenössischen Künstler spezialisierten sich auf die Darstellung von Gnomen und Wichteln. Auch in den Geschichten der Märchenbücher ist das Zwergen-Motiv häufig anzutreffen. Der Zwerg hatte im Biedermeier demnach Kultstatus erreicht. Aus dieser Vorliebe erwuchs wohl auch der Wunsch, die kleinen Persönlichkeiten fast in echt zu besitzen. Eine dreidimensionale Darstellung musste demnach her.

Experten halten es daher für gesichert, dass die Geschichte der Gartenzwerge wohl in Thüringen begann. Mit großer Wahrscheinlichkeit erblickten im 19. Jahrhundert die ersten Gartenzwerge in Gräfenroda (Thüringen) das Licht der Welt. Ursprünglich fertigten die Produzenten hier Tierköpfe aus Ton an. Diese sollten eigentlich Jagdschlösser verzieren. Doch zwei Fabrikanten kamen fast gleichzeitig auf die Idee, auch kleine Zwerge mit Zipfelmützen zu produzieren. Das war der Startschuss für den Siegeszug der Gartenzwerge. Bereits 1898 stellen die Gräfenrodaer ihre Thüringer Gartenzwerge auf der Leipziger Messe aus. Der Charme der kleinen Wichtelmänner eroberte die Herzen der Menschen im Sturm.

 

Weltweit stehen mehr als 28 Millionen Gartenzwerge in den Gärten

Heute sollen weltweit über 28 Millionen Gartenzwerge die Gärten bevölkern. Besonders beliebt ist der Gartenzwerg als Bergbauarbeiter. Mit Laterne, Spitzhacke und Schaufel ist er optisch nicht nur sehr nah an den Sieben Zwergen aus Schneewittchen dran, sondern er mahnt die Gartenbesitzer auch zur Gartenarbeit in Form von Unkraut jäten, umgraben oder harken.

In den 1960er Jahren geriet der Gartenzwerg in eine tiefe Sinnkrise. Er galt als Kitsch und Hommage an den ewig Gestrige. Doch seit den 1990er Jahren feiern die kleinen Gesellen ein Revival. Selbst Hippster entdeckten die Gartenzwerge für sich. Die Zipfelmützenträger haben sich quasi neu erfunden. Sie beweisen eine gehörige Portion Humor und Ironie sowie ein Gespür für den aktuellen Zeitgeist. Die kleinen Gesellen können also extrem lustig sein und mit der Zeit gehen. So gibt es beispielsweise Zwerge, die den erhobenen „Effenberg-Finger“ zeigen. Krimifans und Tatort-Begeisterte holen sich womöglich einen Zwerg mit Messer im Rücken ins Haus – in Anspielung an die Weisheit „Der Mörder ist immer der Gärtner“. Liebhaber des Kabaretts lieben die Zwerge-Parodien auf namhafte Politiker. Diese Flexibilität, die auch die heutige kulturelle Vielfalt der Gesellschaft abbildet, ist sicherlich ein Grund dafür, dass die Gartenzwerge zum Kultobjekt werden konnten und ihren Kultstatus seit Jahren erfolgreich verteidigen.

 

 

Gartenzwerge haben eine Seele

Gartenzwerg-Liebhaber schwören auf die Gartenzwerge aus Ton, obwohl sich die Industrie eher auf die Herstellung der Wichtelmänner aus Plastik konzentriert. Der wahre Sammler jedoch kann mit Plastikzwergen nichts anfangen. Ihm kommen nur Tonfiguren in den Garten, denn schließlich besitzt jeder Gartenzwerg eine Seele. Diese kann sich jedoch nur in natürlichen Materialien wie Ton entfalten. Der echte Gartenzwergfan kauft eh nur Ware aus dem Stammland der Wichtelmänner: Die in Gräfenroda hergestellten Kultobjekte. Sie können sich noch immer gegen die billigen China-Importe behaupten.

Wie jedes Märchen muss auch die Geschichte der Gartenzwerge mit den berühmten Worten enden: Und wenn die Gartenzwerge nicht gestorben sind, so lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende im Kleingarten.