Künstliches Fleisch aus Stammzellen

Leckere Burger für alle - ohne Massentierhaltung

Wie essen wir morgen? Angesichts von Umweltzerstörung und Tierleid stellen sich immer mehr Menschen diese Frage. Die Massentierhaltung steht in der Kritik. Weltweit suchen Forscher nach machbaren Alternativen: Künstliches Fleisch aus dem Labor soll Tier und Umwelt schützen. Doch akzeptiert auch der Verbraucher diesen Ansatz? Das ist wohl abhängig vom Aussehen und Geschmack des Kunstfleisches.

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Der Stammzellburger sah wohl noch etwas anders aus. Doch eine amerikanische Firma trat den Beweis an, dass aus Stammzellen hergestelltes, künstliches Fleisch den Geschmacksvergleich nicht scheuen muss. Dies ist ein wichtiger Schritt weg von der Massentierhaltung.

 

Ende letzten Jahres sorgte die Firma Memphis Meats für großes Aufsehen in der internationalen Presse: Sie kredenzte einen Hamburger der besonderen Art. Er war aus im Labor künstlich hergestellten Rindfleisch gemacht, sah allerdings aus wie das Original und schmeckte wohl auch so. Zufriedene Testesser bestätigten den Erfolg des Experiments. Die Firma prophezeit, dass die Verbraucher wohl bereits in vier Jahren Fleisch kaufen können, für das keine Nutztiere mehr sterben müssen. Die Marktreife des Kunstfleisches wäre damit keine ferne Science-Fiction mehr. Einzig der Lebensmittelkunde ist die große Unbekannte: Wird er das Ersatzfleisch akzeptieren?

 

Marketing von Kunstfleisch wie in der Bierwerbung: Natürlich, edel und ein Lifestyle-Produkt?

Hören Kunden von Laborfleisch, haben sie sofort bestimmte Bilder im Kopf: Ein Igitt und Naserümpfen ist nicht unüblich, denn gerade Lebensmittel sollen möglichst natürlich sein und keine großen Verarbeitungsprozesse durchlaufen haben. Lebensmittel werden vom Kunden nur sehr ungern mit großem technischen Aufwand assoziiert – auch wenn die Herstellung und Verarbeitung defacto anders aussieht, als es das Marketing dem Verbraucher weismachen möchte. Dieses Image-Problem muss das künstliche Fleisch zunächst überwinden. Es kann jedoch klappen, denn auch andere Lebensmittel wie Bier oder Joghurt haben längst Kultstatus erreicht, obwohl deren Produktion auch sehr aufwendig ist.

 

Fleisch aus Stammzellen eröffnet ganz neue Möglichkeiten

Bereits 2010 züchteten niederländische Forscher erstmals Fleisch aus Stammzellen. Damit rückte der Traum von der Versorgung der Menschheit mit künstlichem Fleisch ein ganzes Stück näher: Die Fleischereien der Zukunft würden wohl nicht mehr nur Fleisch verarbeiten, sondern selbst herstellen.

Das Laborfleisch entsteht aus Stammzellen, die Rindern entnommen werden. Die Stammzellen werden im Anschluss mit speziellen Nährstofflösungen behandelt. Nur so starten sie die Produktion von Muskelfleisch. Es ist möglich, den Prozess in großen Bioreaktoren laufen zu lassen und so industrielle Maßstäbe zu erreichen. Man könnte aber auch problemlos auf kleinere Größen schrumpfen. So wäre es denkbar, dass man in Zukunft nicht nur einen Kaffeevollautomaten in der Küche stehen hat, sondern auch eine „Fleischmaschine“. Man drückt auf einen Knopf und herauskommt, frisches, aus Stammzellen entstandenes Biofleisch. Dieses könnte sogar genau auf die Wünsche des Käufers abgestimmt sein: Mag er lieber Rind, Schwein, Huhn oder Lamm? Mag er lieber ein durchwachsenes Steak oder ein zartes Filet?

 

Künstliches Fleisch ist ökologisch deutlich unbedenklicher als Massentierhaltung

Das künstliche Fleisch aus dem Labor benötigt zur Erzeugung weniger Energie und weniger Wasser und schont allein hier schon die natürlichen Ressourcen. Experten schätzen, dass bei der Herstellung zwischen sieben und 45 Prozent weniger Energie aufgewendet werden muss. Beim Wasserverbrauch belaufen sich die geschätzten Einsparungen auf 82 Prozent. Im Vergleich zur Fleischproduktion per Massentierhaltung lassen sich die Treibhausgase um bis zu 96 Prozent reduzieren. Der Landverbrauch für die Bioreaktoren der Fleischfarmen läge bei etwa einem Prozent.

Solche Zahlen lassen die Herzen von Tierschützern und Umweltaktivisten höher schlagen. Da die Herstellung des künstlichen Fleisches noch nicht in Massenproduktion erfolgt, sind die Herstellungskosten aktuell noch sehr hoch. Doch die Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure arbeiten fieberhaft an der Optimierung der Methode, Fleisch aus Stammzellen zu produzieren. Langfristig soll eine große Anlage rund 10.000 Menschen mit Fleisch versorgen und der Kilopreis in der Erzeugung bei rund 70 € liegen. Das ist noch immer viel Geld. Jedoch ist heute schon Biofleisch deutlich teurer als Fleisch aus der Massentierhaltung. Beim künstlichen Fleisch aus Stammzellen muss kein Tier sterben. Bei der Aufzucht kommt kein Genmais zum Einsatz und auch auf Antibiotika kann vollständig verzichtet werden.

 

An Detaillösungen beim künstlichen Fleisch aus Stammzellen wird gearbeitet

Noch müssen auf dem Weg zur Massenproduktion von Laborfleisch einige Hürden aus dem Weg geräumt werden. Das von den Verbrauchern geliebte Fleisch besteht bekanntermaßen aus Muskeln. Muskeln jedoch müssen bewegt und trainiert werden, um eine feste Konsistenz zu erreichen. Das ist im Labor nicht möglich. Dort lässt sich Gewebe allenfalls mit minimalen Elektroschlägen oder kleinen mechanischen Reizen stimulieren. Doch ein solches Vorgehen kostet wiederum Energie. Um das Wachstum der Muskeln anzuregen, setzen die Wissenschaftler bislang auf Wachstumsfaktoren und damit Hormone. Allerdings sollen sich die Hormone soweit verflüchtigen, dass sie später das Fleisch nicht belasten und so alle Grenzwerte eingehalten werden können.

Desweiteren muss noch ein anderes grundsätzliches Problem gelöst werden: Das der Versorgung: Je größer ein gezüchtetes Gewebestück wird, desto schlechter gestaltet sich die Nährstoffversorgung. Im lebenden Organismus übernehmen Blutgefäße diese Aufgabe. Sie transportieren Sauerstoff, Vitamine, Mineralstoffe, Zucker, Fette und vieles mehr zu den Zellen und entsorgen die Stoffwechselendprodukte. Im Labor jedoch wachsen ausschließlich Muskelzellen heran, da die entsprechenden Stammzellen auf diesen einen Zelltyp programmiert sind. Dünne Schichten aus Stammzellen lassen sich noch einfach in eine Lösung mit Nährstoffen legen. Doch wird das Kunstfleisch dicker als einen Millimeter, so ist die Versorgung auf diesem Wege nicht mehr gewährleistet. Die inneren Zellschichten würden absterben.

Da das Versorgungsproblem jedoch nicht nur das künstliche Fleisch sondern auch Ersatzorgane betrifft, wird weltweit intensiv nach Lösungen gesucht. Eine Möglichkeit: Es gibt ein feines Trägergerüst aus auflösbarem Kunststoff. In diesem Trägersystem wird Platz für feine Kapillaren gelassen. Durch diese könnte eine Pumpe die Nährlösung strömen lassen.

Am Ende darf man sich das künstliche Fleisch aus Stammzellen nicht als fertige Muskelmasse in Form eines Stückes T-Bone-Steaks vorstellen. Kunstfleisch wird lange Zeit eher an Hackfleisch erinnern. Doch Hackfleisch ist heute schon die Basis für vielen leckere Gerichte wie Hamburger, Spaghetti Bolognese, Lasagne, Königberger Klopse, Cevapcici oder Köttbullar.

 

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