Kritik am Nabelschnurblut

Welche Argumente sprechen gegen die Nabelschnurblut-Einlagerung?

Das Thema „Nabelschnurblut einlagern – ja oder nein“ polarisiert. Auf der einen Seite gibt es euphorische Befürworter. Auf der anderen Seite die skeptischen Kritiker. Einzig und allein in einem Punkt sind sich alle einig: Das Nabelschnurblut hat viele positive Eigenschaften und ist zum Wegwerfen eigentlich viel zu schade.
Die Redaktion von familien-gesundheit.de hat bereits die Vorteile der Nabelschnurblut-Einlagerung für Sie an dieser Stelle gesammelt. Hier soll es im Rahmen einer ausgewogenen Berichterstattung um die Kritik am Nabelschnurblut gehen.

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Sowohl Befürworter als auch Kritiker sind sich zumindest einem Punkt einig: Nabelschnurblut enthält viele wertvolle Stammzellen, die ein großes Potenzial haben. Doch am Geschäftsmodell der privaten Einlagerung gibt es mehrere Ansatzpunkte für Kritik.

 

Punkt 1 bei der Kritik an der Nabelschnurblut-Einlagerung: Tatsächliche Anwendungen

Die Zahl der Anwendungen des eigenen Nabelschnurblutes ist bei allen privaten Nabelschnurblutbanken sehr überschaubar. Das liegt daran, dass sich die Stammzellenforschung und damit auch die Stammzellentherapie noch immer in den Kinderschuhen befinden. Es gibt bislang wenige, bereits etablierte Therapien. Allerdings muss man an dieser Stelle fairerweise festhalten, dass es bereits eine Reihe von sehr hoffnungsvollen Studien und Heilversuchen bei einer Reihe von Krankheitsbildern gibt. Dazu zählen beispielsweise kindliche Hirnschädigungen, Diabetes aber auch Schlaganfall und Herzinfarkt. Bis es zur Zulassung der Verfahren durch die zuständigen Behörden kommt, ist keine Frage mehr von Jahrzehnten sondern nur noch von Jahren. Im Grunde genommen kann heute kein seriöser Mediziner voraussagen, welche Krankheiten sich in Zukunft mit Stammzellen behandeln lassen. Bei über 70 Indikationen werden die Alleskönnerzellen als große Hoffnung gesehen.

Fest etabliert als Standardtherapie hat sich die Stammzellentherapie bereits bei der Behandlung von Blutbildungsstörungen wie Aplastischer Anämie oder Leukämie. Auch bei einer schweren Chemotherapie mit anschließender Bestrahlung werden heute schon die Stammzellen des Patienten vorher entnommen, im Kryotank zwischengelagert und nach überstandener Krebstherapie retransplantiert, um die Blutbildung wieder in Gang zu bringen und so schnell mehr Lebensqualität zu erreichen. Hier stehen in erster Linie die hämatopoetischen Stammzellen aus dem Knochenmark zur Verfügung. Doch ist deren Gewinnung und Entnahme eine große Belastung für den Körper, der so durch die Krebserkrankung bereits geschwächt ist. Eingelagertes Nabelschnurblut würde im Ernstfall hier eine sehr interessante Alternative darstellen.

Jährlich erkranken in Deutschland ca. 12.000 Menschen an den verschiedenen Formen der Leukämie, darunter allein 600 Kinder. Die Leukämie bildet aber im Hinblick auf die Transplantation von eigenen Stammzellen eine große Ausnahme. Die Mediziner gehen hier davon aus, dass die Ursache für die Krankheit bereits im genetischen Code der Stammzellen festgelegt ist. Daher ist bei einer sogenannten autologen Stammzellentransplantation das Rückfallrisiko zu groß. Deswegen erfolgt bei Leukämie im Kindesalter in der Regel die Suche nach einem geeigneten Fremdspender. Ziel ist eine allogene Transplantation, bei der Spender und Empfänger nicht identisch sind. Selbst wenn das eigene Nabelschnurblut zur Verfügung stände, würde es nach jetzigem Wissensstand nicht eingesetzt. Anders sähe es allerdings mit dem Nabelschnurblut eines Geschwisterkindes aus. Ein passender Spender kann nämlich mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 bis 30 Prozent innerhalb der eigenen Familie gefunden werden. Bei rund zwei Drittel aller Fälle schlägt diese Option allerdings fehl. Dann startet die nervenaufreibende Suche nach einem Stammzellenspender über die Stammzellregister und Typisierungsaktionen.

 

Punkt 2 bei der Kritik an der Nabelschnurblut-Einlagerung: Die Kosten

Das Geschäftsmodell der privaten Nabelschnurblutbanken wird von so manchem Arzt und so mancher Hebamme als reine „Geldschneiderei“ angesehen, indem bei Eltern unnötige Angst vor einer möglichen Erkrankung des Nachwuchses geschürt wird. Und das gerade während der Schwangerschaft, die generell eine Zeit des Umbruchs und vieler Fragen ist. Natürlich will sich kein Elternpaar dem implizierten Vorwurf aussetzen, dass man nicht alles für das Wohlergehen des Kindes tun würde, und fühlt sich unter Druck gesetzt, das Nabelschnurblut privat einzulagern. Doch die Kosten sind für einige Familien nicht leicht zu stemmen und das Geld wäre möglicherweise besser angelegt.

Das Angebot der privaten Stammzellbanken ist kostenpflichtig und damit nicht kostenlos wie bei der öffentlichen Spende. Schnell kommt beim eigenen Stammzelldepot ein gewisser Betrag zusammen – abhängig vom gewählten Anbieter, dem gewählten Produkt sowie der anvisierten Laufzeit. Und gerade im Lebensabschnitt „aktive Familiengründung“ kommen viele weitere Anschaffungskosten auf Mama und Papa in spe zu. Womöglich steht ein Umzug in eine größere Wohnung an, damit genügend Platz ist. Die Erstausstattung fürs Baby muss besorgt werden. Trotz sozialer Absicherung durch Kindergeld und Elterngeld steht nicht mehr so viel Haushaltsgeld zur Verfügung. Kluge Investitionen sind also gefragt.

Eltern müssen in der Regel den Preis für die private Nabelschnurblut-Einlagerung allein aufbringen. Weder die gesetzlichen Krankenkassen beteiligen sich, indem sie einen Teil der Kosten übernehmen, noch können die Eltern die gestellte Rechnung beim Finanzamt als außerordentliche Belastung absetzen. Viele Paare fragen sich daher: Warum sollen wir teuer bezahlen, wenn es mit der Nabelschnurblutspende doch eine kostengünstigere, weil kostenlose Alternative gibt?

Mit dem Spenden von Nabelschnurblut kann man wirklich Gutes tun und Menschenleben retten. Doch Eltern sollten sich nicht nur über die Vorteile der Nabelschnurblutspende im Vorfeld genauestens informieren, sondern auch die Nachteile abwiegen.

 

Wussten Sie schon?

Der familien-gesundheit.de-Tipp

Wie kommt man nun aus diesem Dilemma heraus: Man würde gerne das Nabelschnurblut privat einlagern, aber gleichzeitig auch spenden? Und noch dazu ist die Familienkasse gerade klamm?

Die Lösung: Es ist mittlerweile fast eine Tradition: Viele Freunde und Verwandte fragen zur Geburt, was sie schenken könnten. Bitten Sie doch konkret um Geldgeschenke mit dem Hinweis auf die geplante Gesundheitsvorsorge. Die private Nabelschnurblutbank Vita 34 bietet mit VitaPlus bzw. VitaMeins&Deins eine Kombination aus privater Einlagerung und öffentlicher Spende an. Hier geht es zum entsprechenden Angebot. (Achtung: Werbung).

 

Punkt 3 bei der Kritik an der Nabelschnurblut-Einlagerung: Verschiedene Standards bei der Konservierung

Die Qualität der Nabelschnurpräparate schwankt von Neugeborenem zu Neugeborenem. Die entnommene Menge an Nabelschnurblut ist nicht immer gleich. In der Regel können zwischen 60 bis 200 Milliliter gewonnen werden. Steht mehr Blut zur Verfügung, werden am Ende natürlich auch mehr Stammzellen eingelagert.

Um die Schwankungen ausgleichen und stets absolut hochwertige Stammzellpräparate für die allogene Transplantation, d. h. Spender und Empfänger sind nicht identisch, vorhalten zu können, frieren die öffentlichen Nabelschnurblutbanken am Ende nur die „Creme de la Creme“ an Stammzellpräparaten ein. Die privaten Nabelschnurblutbanken sind in dieser Hinsicht nicht ganz so streng. Ihr Anspruch ist allerdings mit dem Ziel der autologen Transplantation, d. h. Spender und Empfänger sind identisch, meist auch nicht ganz so hoch. Doch auch bei den privaten Nabelschnurblutbanken muss eine Mindestzellzahl erreicht werden.

Generell muss man bei dem Thema „Anzahl der Zellen“ bzw. „Qualität der Stammzellpräparate“ auch auf die Herstellungsweise der Stammzellpräparate achten: Einige private Anbieter und fast alle öffentlichen Blutbanken separieren die Stammzellen vom restlichen Nabelschnurblut per Zentrifuge. Sie frieren nur diese angereicherten Stammzellen samt Blutplasma ein. Ihr Argument: Durch die Verringerung des Volumens wird das erforderliche Frostschutzmittel reduziert. Es müsste sonst bei größeren Mengen später aufwändig aus dem Stammzellpräparat herausgewaschen werden. Die Stammzellpräparate sind somit direkt anwendungsbereit. Außerdem passen durch dieses Vorgehen mehr Depots in die Kryotanks, was am Ende natürlich weniger Kosten verursacht.

Die privaten Stammzellbanken „Vita 34“ und „Deutsche Stammzellenbank“ setzen allerdings auf das Vollblut. Hier ist das Argument, dass so alle Bestandteile des Nabelschnurblutes erhalten blieben. Bei der Separation könnten noch nicht genau erforschte, aber wertvolle Zelltypen verloren gehen. Die Volumen der dortigen Stammzelldepots sind natürlich größer. Es wird zur Konservierung mehr des Frostschutzmittels DMSO (Dimethylsulfoxid) benötigt. Vor der Anwendung muss es aus dem Nabelschnurblut wieder entfernt werden.

Beide Lager führen übrigens jeweils Studien an, die belegen sollen, warum ihre Methode die bessere wäre. Als Laien können werdende Eltern die jeweilige Argumentation nicht wirklich adäquat beurteilen. Hier wäre eine Einschätzung und Empfehlung von kompetenter und neutraler Stelle wie dem Bundesgesundheitsministerium begrüßenswert.

 

An der privaten Einlagerung von Nabelschnurblut kann durchaus Kritik geübt werden. Am Ende muss jede Familie für sich entscheiden, ob die Kritikpunkte oder die Vorteile überwiegen.

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