Klimaneutraler Versand: Mehr Nachhaltigkeit im Versandhandel

Was Verbraucher wissen sollten

Viele Diskussionen drehen sich um den Klimawandel. Sowohl von der Politik als auch Industrie und Wirtschaft wird viel gefordert, um das Ziel die Erderwärmung auf 2° C, besser 1,5° C bis zum Jahr 2050 zu begrenzen. Doch auch wir als Verbraucher sind gefragt. Egal ob wir mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fahren, Müll vermeiden, Bienen auf unseren Balkonen eine kleine Oase bieten oder gebrauchte Kleidung tragen – all das ist Teil eines nachhaltigen Lebens. Der Konsum von Produkten steht dabei ebenfalls ganz oben auf der Liste. Gerade Onlinehandel und -versand erleben einen Wachstumsboom, dessen Ende derzeit noch nicht abzuschätzen ist. Umso wichtiger ist es daher, sich mit den Auswirkungen, die durch das erhöhte Versandaufkommen entstehen, auseinanderzusetzen. Daher hat die Redaktion von familien-gesundheit.de  den klimaneutralen Versand genauer unter die Lupe genommen.

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Was verbirgt sich hinter klimaneutralem Versand? Ist es lediglich ein Marketing-Versprechen der Paketzusteller oder doch ein effektives Instrument, um den Klimawandel zu begrenzen?

 

Klimaneutraler Versand – geht das überhaupt?

Shopping über das Internet gewann in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung. Mit wenigen Klicks sind verschiedenste Waren über denselben Anbieter im Warenkorb gelandet und bezahlt. Die Ware macht sich auf den Weg zum Besteller. Und was für viele Schnäppchen-Jäger von Bedeutung ist: Der Versand ist ab einer bestimmten Summe meist kostenlos.

Doch was bedeutet es, wenn man die Option „klimaneutraler Versand“ auswählt und 70 Cent oben drauf bezahlt?

Unternehmen weltweit sind angehalten, ihren Treibhausgasausstoß so weit wie möglich zu reduzieren. Auch Transportunternehmen und Paketzusteller werben mit dem Ausgleich von Klimaeffekten. Es haben sich vor allem zwei Varianten beim klimaneutralen Versand durchgesetzt, die dazu beitragen sollen, dass sich der Klimawandel stabilisiert und gesetzte Ziele erreicht werden können.
Die beste Möglichkeit ist das Vermeiden von schädlichen Treibhausgasen. Das bedeutet für Transportunternehmen vor allem das Umstellen der Fahrzeugflotte auf Elektrofahrzeuge und andere alternative Motoren mit geringem Schadstoffausstoß. Zudem ist das Zustellen mittels Fahrrädern innerhalb von Städten der klimaneutrale Transport schlechthin.

Eine weitere Variante um den klimaneutralen Versand anzubieten, ist das Kompensieren von Emissionen. Hierbei spielt vor allem der Erwerb von Zertifikaten eine zentrale Rolle. Das Geld kommt dann Projekten zu Gute, die ihre Arbeit beispielsweise auf Aufforstung oder den Bau von Solaranlagen konzentrieren. Hierbei wird zwar ein gewisser Ausgleich geschaffen, jedoch meistens nicht in dem Gebiet, in dem die Emissionen anfallen.

Eine dritte, aber nicht sonderlich effektive Möglichkeit ist der Erwerb von sogenannten Verschmutzungszertifikaten. Diese sind eine reine Geldzahlung der Unternehmen. Sie kaufen sich damit quasi frei, Klimaeffekte auszugleichen zu müssen. Sie können so einfach weiter machen wie bisher.

Industriestaaten und klimaneutraler Versand

Als Europäer tragen wir maßgeblich zu den weltweiten CO2-Emissionen bei. Unser Konsumverhalten ist die größte Stellschraube, an der jede und jeder Einzelne von uns drehen kann. Der Begriff „klimaneutraler Versand“ bezieht sich in der Regel nur auf einen bestimmten Teil der Lieferkette und nicht auf den gesamten Prozess.
Durch den immensen Anstieg der Onlinekäufe haben sich auch die Anforderungen an Zusteller geändert. Durch das Versprechen von kurzen Zustellzeiten fahren die Postboten und Paketzusteller schneller – zu Lasten des verbrauchten Treibstoffs. Ein weiterer Faktor ist das teils inflationäre Zurücksenden von falsch oder doppelt bestellten Waren. Mittlerweile wird schätzungsweise jedes achte Paket zurückgeschickt, meist mit einem für den Kunden kostenlosen Rücksendeetikett. Klimaneutraler Versand ist an dieser Stelle nur noch ein Begriff, der sich gut im Webauftritt der Firmen liest und damit eher Greenwashing gleicht.

Die aufgewendeten Beträge zur Kompensation von CO2 spiegeln zudem meistens nicht die realen Kosten wider, die durch die Produktion und den Transport der Waren entstehen. Dies wird in Folgen für die zukünftigen Generationen haben. Sie können heute lediglich erahnt werden und klingen oftmals nach bedrohlichem Science-Fiction-Drama.

 

Bringt der klimaneutrale Versand überhaupt etwas?

Diese Frage lässt sich klar beantworten: JA, der klimaneutrale Versand bringt tatsächlich etwas. Das Bestreben, die durch unseren Konsum anfallenden Umweltschäden auszugleichen, sollte daher weiterhin verfolgt werden. Das Aufforsten von Wäldern und das Umrüsten der Fahrzeuge sind wichtige Schritte in Richtung Nachhaltigkeit.
Die Frage ist eher: Reicht der aufgewendete Betrag für den klimaneutralen Versand aus, um Projekte in angemessener Weise zu unterstützen, die sich um das Wohl des Planeten kümmern? Können wir tatsächlich mit unter einem Euro pro Paket das an Emissionen ausgleichen, was auch tatsächlich für das Produkt anfällt?

 

Nach dem klimaneutralen Versand ist noch nicht Schluss

Als Konsument haben wir auch die Verantwortung, uns mit den Effekten unseres Konsums kritisch auseinanderzusetzen. Und wir können mehr tun, als nur mehr Geld für den klimaneutralen Versand auszugeben:

  • Achten Sie auf die Verpackungen, die der Shop, in dem Sie bestellen, nutzt. Versendet er mit zertifiziertem Verpackungsmaterial beispielsweise aus recyceltem Papier oder werden Plastikverpackungen genutzt?
  • Sie können auch vor dem Bestellen recherchieren, ob es das Produkt nicht auch in einem Laden in Ihrer Stadt zu kaufen gibt. So unterstützen Sie nicht nur Einzelhändler, sondern vermeiden auch unnötige Kleintransporte. Großgebinde von Waren verbrauchen insgesamt weniger Verpackung und sind ebenfalls ein Aspekt des klimaneutralen Versands.
  • Überlegen Sie sich zudem, ob Sie das Produkt wirklich benötigen und überdenken Sie den Kauf generell. So vermeiden Sie den Ausstoß von Treibhausgasen am effektivsten.
  • Informieren Sie sich auch, wo das Produkt hergestellt wird und von welchem Teil der Erde die Rohstoffe stammen. Das größte Potenzial zu Einsparungen von Emissionen liegt in der Regionalität der Produkte. Wenn die Rohstoffe aus der Region kommen und auch dort die Produktion stattfindet, fallen nur sehr wenige Schadstoffe an, im Vergleich zu Produkten, die um den halben Erdball transportiert werden müssen.

 

Problematisch beim klimaneutralen Versand ist, dass hierbei meistens nur die Lieferkettensequenz vom Lager zum Kunden kompensiert wird. Vernachlässigt werden dabei oftmals die Emissionen, die bei der Gewinnung der Rohstoffe, der Produktion und dem Transport vom Produktionsort zum Lager anfallen. Ein erster Schritt, das Klima zu schützen, ist mit dem klimaneutralen Versand auf jeden Fall getan, jedoch entbindet er  den Endverbraucher nicht davon, genau hinzuschauen, unter welchen Umständen und in welcher Region der Erde unsere gekauften Produkte hergestellt werden und wie sie zu uns kommen.