Jodsalz: Sinnvoll oder böse?

Kontroverse Diskussion: Prophylaxe gegen Jodmangel oder überflüssige Zwangsmedikation?

Jodsalz ist Speisesalz, das mit geschmacksneutralem Iodat angereichert ist. Warum? Kurz gesagt: Der Mensch braucht Jod, und gerade in Mitteleuropa ist die natürliche Aufnahme zu gering. Mit jodiertem Speisesalz lässt sich unproblematisch dem Jodmangel vorbeugen. Salz aus der Wüste, Ur-Salz, Fleur-de-Sel: Um Salz wird ein großer Kult betrieben, insbesondere auch um seine Reinheit. Da verwundert es nicht, wenn Salz-Puristen sich gegen das künstlich angereicherte Jodsalz verwahren. Skeptiker fühlen sich außerdem bevormundet und sprechen von einer „Zwangsmedikation“.

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Fehlt das Salz in der Suppe, schmeckt das Essen fad. Doch welches Salz gehört auf den Tisch: Meersalz, Fleur-de-Sel oder Jodsalz? Über den Sinn oder Unsinn von Jodsalz wird eine kontroverse Debatte geführt. Gerade Skeptiker streuen Gerüchte, die Verbraucher verunsichern können. Wissenschaftler und Ernährungsexperten finden deutlich schwieriger Gehör. Die Redaktion von familien-gesundheit.de hat für Sie die Diskussion zusammengefasst.

 

Jodmangel bekämpfen

Wenn Deutschland heute nicht mehr als Jodmangelgebiet gilt, ist das in hohem Maße auf den Konsum von Jodsalz zurückzuführen. Und auch heute noch nimmt fast jeder dritte Erwachsene Deutsche weniger Jod auf als er bräuchte. Etwa ein Fünftel der Kinder hat ein ausgeprägtes Joddefizit, und etwa sieben Prozent einen schweren Jodmangel. Jod ist jedoch essentiell für den Aufbau von Schilddrüsenhormonen. Ein Mangel kann somit zu schweren Erkrankungen dieses für den gesamten Stoffwechsel wichtigen Organs führen.

In manchen Ländern ist daher zur Vorbeugung von Jodmangel der Gebrauch von Jodsalz sogar gesetzlich vorgeschrieben. In Deutschland nicht, dennoch empfehlen internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, UNICEF oder die WHO sowie medizinische Netzwerke und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den Konsum von Jodsalz zur Prophylaxe.

 

Jeder Mensch braucht Jod

Eine künstliche Anreicherung ist zwar künstlich, aber Jod selbst ist nicht künstlich. Es ist ein natürliches Element, das auch im Körper des Menschen vorkommt und von dem er eine bestimmte Menge benötigt. Die Böden in Deutschland sind jedoch sehr jodarm, sodass es nicht gelingt, über die normale Nahrung genug Jod aufzunehmen. Ohne ausreichend Jod ist jedoch die Funktion der Schilddrüse eingeschränkt, es droht eine Unterfunktion. Ein starker Jodmangel kann außerdem gerade bei Kindern zu Entwicklungsstörungen, Hördefekten, eingeschränkter geistiger Leistung und Lernschwäche führen. Sind Schwangere mit Jod unterversorgt, riskieren sie schwere Behinderungen bei ihrem Baby. Eine Kontrolle der Schilddrüsenwerte im Rahmen Schwangerschaftsvorsorge ist daher sehr wichtig. Denn auch wenn die Schilddrüse nur ein relativ kleines Organ ist: Sie ist zuständig für den Energieumsatz, für das Körperwachstum, den Knochenbau und die Gehirnentwicklung.

 

Unzureichende Jod-Aufnahme über Nahrungsmittel

Über die normalen Nahrungsmittel können wir nur etwa die Hälfte unseres Jodbedarfs decken. Ein Erwachsener müsste jeden Tag frischen Seefisch oder aber rund zwei Kilogramm Milchprodukte oder etwa 40 Eier essen, um seinen Bedarf von 200 Mikrogramm Jod zu decken. Wer sich vegan ernährt, wäre den ganzen Tag mit nichts anderem als mit Essen beschäftigt, denn es wären täglich fünf Kilo Gemüse oder zehn Kilo Obst nötig.

 

So viel Jod braucht der Mensch pro Tag

  • Säuglinge bis 4 Monate: 40 µg
  • Säuglinge 4 Monate bis 12 Monate: 80 µg
  • Kinder 1 bis 4 Jahre: 100 µg
  • Kinder 4 bis 7 Jahre: 120 µg
  • Kinder 7 bis 10 Jahre: 140 µg
  • Kinder 10 bis 13 Jahre: 180 µg
  • Jugendliche und Erwachsene 13 bis 51 Jahre: 200 µg
  • Erwachsene ab 51 Jahre: 180 µg
  • Schwangere: 230 µg
  • Stillende: 260 µg

(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung)

 

Warnung

Algen & Seetang können zu viel Jod enthalten

Es gibt eine Ausnahme: Algen und Seetang enthalten sehr viel Jod, wobei der Gehalt extremen Schwankungen unterliegt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt daher vor diesen Produkten. Getrocknete Algen können zwischen 5 und 11.000 Milligramm Jod pro Kilogramm enthalten, etwa zehnmal mehr als der obere tolerable Zufuhrwert von 500 μg/Tag. Bei Überschreitung dieser Gesamttageszufuhr kann es „schon nach einmaligen Verzehr dieser jodreichen Algen zu einer jodinduzierten Hyperthyreose (Überfunktion) und damit unter Umständen zu einer lebensbedrohlichen Entgleisung des Stoffwechsels kommen.“ Bei chronischem Jodüberschuss dagegen können Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine Unterfunktion und Struma entwickeln.

 

Zu viel Jod wegen Jodsalz?

Einmal abgesehen von den extrem stark jodhaltigen getrockneten Algen ist eine Überdosierung mit Jod über die Nahrung so nahezu ausgeschlossen. Sie müssten ungefähr fünf volle Teelöffel Jodsalz täglich essen, um den Grenzwert von 500 Mikrogramm überhaupt zu erreichen. Und dieser in Deutschland gültige Wert ist auch noch besonders streng: Die WHO hält selbst noch die doppelte Menge für vertretbar. Sogar wenn Sie bereits eine Schilddrüsenerkrankung haben, besteht laut verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften und dem Bundesinstitut für Risikobewertung keine Gefahr durch jodiertes Speisesalz.

 

„Jodsalz schmeckt komisch“

Einige Gourmets und Salz-Puristen behaupten, dass Jodsalz nicht schmecken würde. Es handelt sich um ein Vorurteil, dass den Boykott rechtfertigen soll. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Das stimmt einfach nicht. Sie schmecken den Unterschied nicht heraus. In Verkostungsstudien von unterschiedlichen Salzsorten ist das jodierte Speisesalz den professionellen Verkostern weder positiv noch negativ aufgefallen – genauso wie übrigens auch die vielgepriesenen Aromen von besonderen Edelsalzen. Der einzige wahrnehmbare Unterschied ist ein optischer: Jod wird fast nur dem einfachen Tafelsalz zugesetzt. Es ist also feinkörnig und wirkt viel banaler als die Flöckchen eines Fleur de Sel, die Kristalle von Pyramidensalz oder die Kügelchen von afrikanischem Perlsalz.

 

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