Heilung chronischer Wunden mithilfe von Fischhaut & Stammzellen

Kann Fischhaut die Proliferation von Stammzellen und damit die Heilung chronischer Wunden fördern?

Der Axolotl ist das Paradebeispiel der Stammzellenforscher. Der Lurch vermag es, nach Verlust seine Extremitäten komplett selbst zu regenerieren. Bis die Regenerative Medizin und das Tissue Engineering allerdings beim Menschen soweit sind, wird es noch eine ganze Weile dauern. Schon sehr bald jedoch könnte ein Enzym des Amphibiums auch für den Menschen zur Verfügung stehen und helfen, Wunden schneller heilen lassen. In der Zwischenzeit unterstützt Dorschhaut die Wundheilung. Was sich zunächst recht verwunderlich anhört, begeistert Mediziner.

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Der transatlantische Dorsch ist auch als Kabeljau bekannt. Er landet meist in Filetform auf dem Tisch. Aus seiner Haut lässt sich jedoch auch ein Medizinprodukt gewinnen, dass chronische Wunden schneller abheilen lässt, denn die Fischhaut fördert die Ansiedelung und Proliferation von Stammzellen. Darunter versteht man das Wachstum und die Vermehrung der „Alleskönnerzellen“.

 

Der Axolotl macht es vor: Nachwachsende Gliedmaßen durch Stammzellen

Geht es auf einem Wissenschaftskongress oder einem Ärztesymposium um das Thema Wundheilung, so darf ein Bild des Axolotls ganz sicher nicht fehlen. Der aus Mexiko stammende, kleine Schwanzlurch ist der Superstar bei der Heilung von Wunden und der Regenerierung von Geweben. Ambystoma mexicanum, so der lateinische Name, kann beliebig oft seine Extremitäten vollständig regenerieren. Verliert der Axolotl ein komplettes Bein, so bildet sich auf der Amputationswunde zunächst eine sogenannte Blastemkappe. Dabei handelt es sich zunächst um recht unspezifische Zellen, deren einzige Aufgabe es ist, die Wunde durch Teilungen so schnell wie möglich zu verschließen. Erst später redifferenzieren sich die Zellen weiter und entwickeln jene spezifischen Muster, die für die jeweilige Extremität erforderlich sind.

Forscher aus Hannover konnten die Lipoxygenase AmbLOXe als Wirkstoff identifizieren, der diesen Prozess in Gang bringt. Das Enzym kommt besonders häufig im Blastem vor. Es konnte auch in den sich beständig erneuernden Hautschichten sowie in Embryonen nachgewiesen werden. Das Enzym fehlt allerdings im Gewebe von unverletzten Amphibienbeinen, in den Muskeln, im Gehirn oder in den Blutzellen.

Versuche, das Protein Lipoxygenase AmbLOXe in menschliche Fibroblasten einzubringen, zeigten in der Petrischale, dass sich Wundspalten schneller verschlossen. Im Versuch an Mäusen konnte eine Beschleunigung des Wundverschlusses invivo beobachtet werden. Im Moment läuft die Patentierung von Lipoxygenase. Das Protein könnte von E. coli-Bakterien hergestellt werden. Bis AmbLOXe jedoch im klinischen Alltag Anwendung findet, müssen sich Patienten noch ein wenig gedulden.

 

Medizinprodukt aus Dorschhaut fördert die Ansiedlung von Stammzellen

Den Sprung in den klinischen Alltag hat dagegen ein anderes medizinisches Produkt geschafft. Es ist ebenfalls tierischen Ursprungs: Zellfreie Gewebematrix aus Fischhaut begeistert nicht nur Gefäßmediziner. Die Matrix scheint als Basis für Zellmigration und Zellproliferation bisherigen humanen und xenogenen Matrizen überlegen zu sein.

Das Medizinprodukt „Fischhautmatrix“ stammt aus dem Norden Islands und wird aus der Haut des dort vorkommenden; transatlantischen Dorschs gewonnen. Dieser Fisch kommt hierzulande oft als Kabeljau und dann in Filetform auf den Tisch. Die Zulassungsbehörde FDA hat für die USA bereits die erforderlichen Erlaubnisse erteilt, denn dem Medizinprodukt gelang es, seine Wirksamkeit in Studien unter Beweis zu stellen. Es zeigte sich, dass sich vermehrt pluripotente Stammzellen in der Matrix aus Fischhaut ansiedeln. Die Stammzellen wachsen dort ein und beginnen, sich verstärkt zu teilen. Experten sprechen hierbei von Proliferation. Genau dieses Ergebnis, das Ansiedeln und Erzeugen von proliferierenden Stammzellen, möchten die Mediziner erreichen, denn nur so können sie ihren Patienten helfen. Die Matrix aus Fischhaut leistet dazu ihren Beitrag, indem sie in der Struktur sehr stark der menschlichen Hautmatrix ähnelt. Auch die Fischhautmatrix ist mit Poren durchsetzt. Experten vermuten, dass diese Poren eine wichtige Rolle bei der Vermehrung der Stammzellen spielen.

Ferner konnte im Labor nachgewiesen werden, dass die Fischhaut die Bildung neuer Blutgefäße anregt. Außerdem enthält sie Omega-3-Fettsäuren, die nachweislich die Wundheilung fördern. Sie wirken sowohl entzündungshemmend als auch antibakteriell. In der Petrischale gelang es den Omega-3-Fettsäuren sogar, einige Viren wie Herpes simplex, in Schach zu halten. Damit wäre teilweise auch eine antivirale Wirkung zu attestieren.

Bislang wurden Gewebematrizen unter anderem aus den Harnblasen von Schweinen gewonnen. Doch die Matrix aus Fischhaut löst offensichtlich eine höhere Zellaktivität bei den Stammzellen aus. Gleichzeitig konnten Studien eine gute Verträglichkeit nachweisen, denn bislang wurde keine Antigenreaktion auf das Medizinprodukt beobachtet.

 

Chronische Wunden heilen dank proliferierender Stammzellen besser ab

Mediziner setzen die Fischhaut beim Verschluss von chronischen, bislang nicht heilenden Wunden ein. Vor allem Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK), alias „Schaufensterkrankheit“, und dem diabetischen Fußsyndrom, ausgelöst durch die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus, leiden häufig unter Durchblutungsstörungen. Die Folgen sind dramatisch: Selbst kleine Wunden sind hartnäckig. Sie wollen einfach nicht zuwachsen und können sogar immer größer werden. Kommt es dann zu Infektionen, stirbt Gewebe ab und es droht im schlimmsten Fall die Amputationen. Heilversuche zeigten, dass bei vier von zehn Patienten mit Wunden, die seit zweieinhalb Jahren nicht zuwachsen wollten, der Einsatz der Fischhaut zu einem kompletten Abheilen der Wunden innerhalb von drei Monaten führte. Bei den übrigen Patienten verkleinerten sich die offenen Stellen – im Einzelfall immerhin um 19 bis 77 Prozent. Das sind durchaus vielversprechende Ergebnisse. Deswegen wird derzeit in Hamburg eine Studie vorbereitet, die untersuchen soll, ob die Fischhautmatrix Vorteile gegenüber der Standardwundversorgung mit Hilfe einer Schaumabdeckung bietet. Die Studie folgt den Standards klinischer Studien und wird daher randomisiert bei Patienten mit pAVK und dem diabetischen Fußsyndrom durchgeführt.

Die doch sehr kostenintensive Matrix aus Fischhaut könnte auch bei Amputationsstümpfen zum Einsatz kommen. Hier kann es ebenfalls Wundheilungsstörungen geben, weswegen sich die Wunden nicht verschließen. Solange die Wunde jedoch noch offen ist, können die Patienten weder mit der Rehabilitation beginnen, noch mit einer Prothese versorgt werden. Beides jedoch ist essentiell für die Rückkehr in ein aktives und mobiles Leben. Von daher liegt auch hier der Schlüssel zum Therapieerfolg in der Wundheilung.

 

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