Haustiere & Nutztiere: Domestizierung verändert Verhalten und Aussehen

Warum das „Domestikationssyndrom“ ein Nebeneffekt der Zähmung ist

Der Mensch domestiziert seit Jahrtausenden ursprünglich wilde Tiere. Dank gezielter Auswahl sind so verschiedene Haustier- und Nutztierrassen entstanden. Erst durch die Zähmung und Zucht gibt es Milchkühe, Schafe, Reitpferde und Vögel wie das Haushuhn, die Hausgans oder die Flugente. Die Unterschiede zu den wildlebenden Verwandten sind teilweise beträchtlich.

© benibeny / pixabay.com

Die Selektion des Menschen bei der Domestizierung von Haustieren und Nutztieren führte nicht nur zur Verhaltensänderung, sondern auch zu Veränderungen im Aussehen der Tiere. Gewünscht waren zahme und wenig aggressive Tiere. Sie entwickelten jedoch auch andere Fellfärbungen, eine kürzere Schnauze oder Schlappohren. Das sogenannte „Domestikationssyndrom“ lässt sich auf bestimmte Gruppe von Stammzellen während der Embryogenese zurückführen.

 

Im Laufe der Zeit veränderten die domestizierten Tiere nicht nur ihr Verhalten, indem sie zahmer wurden und weniger Scheu vor dem Menschen zeigen. Bei Haus- und Nutztieren gab es auch Veränderungen im Aussehen. Domestizierte Hasen haben beispielsweise weiße Flecke, abgeknickte Ohren (sogenannte Schlappohren) oder kürzere Schnauzen. Vielfach weisen diese Tiere sogar kleinere Gehirne im Vergleich zu ihren wilden Artgenossen auf. Die beobachteten Effekte treten nicht nur bei einer Tierart auf, sondern sind offensichtlich auch Tierart-übergreifend, denn auch bei Haushunden und Hausschweinen kommt es zur Ausprägung der gleichen Merkmale. Wissenschaftler sprechen vom „Domestikationssyndrom“.

 

Selbst domestizierte Hausmäuse im Fokus der Wissenschaft

Forscher der Universität Zürich untersuchten dieses Phänomen an Hausmäusen, die sich quasi selbst durch ihre Nähe zum Menschen domestizierten. Normalerweise gehören Hausmäuse zu den Wildtieren, doch die untersuchte Population lebte in einer Scheune in der Nähe von Zürich. Die Tiere dort wurden von den Wissenschaftlern nicht gezielt gezüchtet, sondern lediglich gefüttert und mit Wasser versorgt. Der regelmäßige Umgang mit Menschen ließ die wilden Hausmäuse weniger scheu werden. Es traten innerhalb eines Jahrzehntes zwei deutliche Veränderungen des Phänotyps bei den Mäusen auf: Sie bekamen weiße Flecken im braunen Fell und ebenso eine kürzere Schnauze.

Die Untersuchungen zeigen, dass für diesen augenscheinlichen Wandel eine Gruppe von Stammzellen während der frühen Embryonalentwicklung zuständig zu sein scheint: Eben jene Stammzellen, aus denen sich die Neuralleiste entwickelt. Aus genau diesen Stammzellen jedoch wird auch der Knorpel der Ohren gebildet, das Dentin der Zähne und die Melanozyten, die die Hautpigmente produzieren. Auch die Zellen der Nebenniere stammen von den Neuralrohr-Stammzellen ab. In der Nebenniere werden Stresshormone wie Cortisol gebildet.

 

Stammzellen während der Embryonalgenese verantwortlich

Bei den Haus- und Nutztieren hat der Mensch stets mit den weniger ängstlichen bzw. weniger aggressiven Tiere weitergearbeitet. Das führte automatisch zu Individuen, die kleinere und weniger aktive Nebennieren haben. Die Folge: Die Tiere sind zahmer. Zahmheit war die gewünschte Eigenschaft, die den Umgang mit den Tieren erleichterte. Die sichtbaren Veränderungen in der Fellfärbung und der Kopfgröße sind damit ein „Kollateralschaden“ der Zähmung. Es handelt sich um unbeabsichtigte Nebeneffekte der Domestizierung. Sie lassen sich auch auf die Stammzellen der Neuralleiste zurückführen. Sie sind in den frühen Entwicklungsphasen während der Embryogenese passiver als bei Wildtieren.

 

 

Auch beim Wolf liefen die ersten Ansätze der Domestizierung ohne menschliches Zutun ab

Die Züricher Mäuse haben sich selbst domestiziert. Auch beim Wolf gehen Wissenschaftler mittlerweile davon aus, dass die ersten Ansätze der Domestikation ohne direkten Eingriff des Menschen stattfanden. Wilde Wölfe, die in der Nähe von menschlichen Siedlungen und Lagerplätzen lebten, wurden allmählich weniger aggressiv und weniger ängstlich. Damit waren die ersten Voraussetzungen für die eigentliche Domestikation geschaffen. Aus dem wilden Wolf konnte sich der zahme Haushund entwickeln.

 

Disclaimer
familien-gesundheit.de stellt ausschließlich Beiträge für Informationszwecke bereit. Die Hinweise und Informationen sind nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Sie ersetzen kein persönliches Gespräch, keine professionelle Beratung, keine individuelle Untersuchung oder fachkundige Behandlung durch ausgebildete und anerkannte, im Gesundheitswesen tätigte Experten wie z. B. Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Physiotherapeuten.