Gesundheit bei der Knochenmarkspende

Wie gesund müssen Stammzellenspender sein?

Hat sich eine Person als Knochenmarkspender (z. B. bei der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei) registriert und kommt letztlich auch für einen Patienten als Lebensretter in Betracht, so beginnt eine aufwändige Diagnostik, um die Gesundheit des Spenders zu checken. Denn die körperliche Konstitution des Spenders ist für eine erfolgreiche Knochenmarktransplantation genauso wichtig wie die Gesundheit des Empfängers. Wie gesund also muss ein Knochenmarkspender sein? Diese Frage stellten sich Infektionsforscher. Ihre Erkenntnis: Vor allem durchgemachte Virusinfektionen können ein Risiko darstellen.

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Selbst wenn eine Virusinfektion bereits lange abgeklungen ist, kann sie sich noch auf den Organismus auswirken und beispielsweise die Funktion von Stammzellen beeinflussen. Selbst wenn ein geeigneter Stammzellenspender im Moment kerngesund ist, kann die Infektionsgeschichte über den Erfolg einer Knochenmarkspende mitentscheiden. Nach Meinung von Experten sollten Transplantationsmediziner hierauf verstärkt ihr Augenmerk richten.

 

Eine Stammzellentransplantation kann Leben retten

Bei Erbkrankheiten oder Leukämie ist oftmals die Stammzellentransplantation die einzige Hoffnung für den Patienten. Dazu werden vielfach Stammzellen aus dem Knochenmark von Spendern gewonnen und den Betroffenen transplantiert. Zunächst muss jedoch ein geeigneter Spender gesucht und gefunden werden. Damit die Transplantation klappt, sind die die Gewebemerkmale entscheidend. Die sogenannten HLA-Marker von Spender und Empfänger müssen möglichst perfekt übereinstimmen, damit der Empfängerorganismus das Spendergewebe annehmen kann und nicht abstößt. Ist ein geeigneter Kandidat gefunden, so erfolgen weitere Tests, um die Risiken für Spender und Empfänger so weit wie möglich zu minimieren.

Eine Gruppe Wissenschaftler vom Twincore Zentrum für Infektionsforschung und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) untersuchten nun die Parameter für den optimalen Knochenmarkspender.

 

Knochenmarkspender werden genau überprüft

Ein Knochenmarkspender muss fit sein. So weit wäre das keine Neuigkeit. Seine Gesundheit ist jedoch für den Erfolg der Stammzellentherapie enorm wichtig. Dabei spielt nicht nur das aktuelle Wohlbefinden eine wichtige Rolle. Die gesamte Krankengeschichte muss beleuchtet werden. Selbst bereits lange abgeklungene Virusinfektionen haben langfristige Effekte und können sich auf die Knochenmarkstammzellen auswirken und deswegen auch über Erfolg oder Misserfolg einer Knochenmarkstransplantation mitentscheiden.

Besonders Augenmerk legten die Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen auf die langlebigen Stammzellen, die am wenigsten differenziert sind. Diese sogenannten „long-term-Stammzellen“ verharren normalerweise in einer Art Ruheschlaf. Sie teilen sich nur sehr selten und gelten daher als eine Art „Backup“ für die Hämatopoese, wie die Blutbildung auch genannt wird. Die Aktivierung der long-term-Stammzellen erfolgt lediglich in sehr kritischen Situationen. Dann produzieren sie vermehrt differenzierte Zellen, um auf diese Weise lebensbedrohliche Engpässe abzuwenden. Diese Engpässe können sowohl das Blutsystem als auch das Immunsystem betreffen.

 

Virusinfektionen und starke Entzündungen können über die Ausschüttung von Typ I-Interferron long-term-Stammzellen aktivieren

Starke Entzündungen sorgen für die Ausschüttung von Interferon des Typs I. Der Körper wird in den Alarmzustand versetzt. Das Notfallprogramm springt an, in dessen Folge die long-term-Stammzellen aktiviert werden. Zur Bildung von Typ I Interferon kommt es vor allem bei Virusinfektionen als eine der ersten Abwehrreaktionen.

Für ihre Studie interessierten sich die Forscher daher vor allem für die vom Typ I Interferon-abhängige Aktivierung der long-term-Stammzellen während verschiedener Virusinfektionen. Für Transplantationen ist vor allem das Zytomegalievirus (CMV) von großer Bedeutung, denn das zu den Herpesviren gehörende Virus verbleibt meist lebenslang im Körper. Im Normalfall kann ein gesundes Immunsystem den Eindringling gut in Schach halten. Jedoch bei geschwächten Patienten und Schwangeren stellt der Erreger ein besonderes Risiko dar und führt zu Komplikationen.

 

Nicht jede Virusinfektion führt zur Aktivierung der Backup-Stammzellen

Bei ihren Untersuchungen stellte das Wissenschaftsteam fest, dass längst nicht jede Virusinfektion, die zur Interferonausschüttung führt, die ruhenden long-term-Stammzellen im Knochenmark aktiviert. Kommt es jedoch zu einer Aktivierung, so lassen sich deutliche Auswirkungen auf den Erfolg der Therapie durch die Stammzellentransplantation beobachten.

Wurden Stammzellen durch eine Infektion mit dem Zytomegalievirus aktiviert und später transplantiert, so arbeiten diese aktivierten Zellen nach der Transplantation nicht mehr so gut. Die Forscher konnten beobachten, dass sich diese Stammzellen längst nicht mehr so ausgewogen und zuverlässig differenzieren. Selbst mehrere Wochen nach der Infektion funktionieren diese Zellen noch immer schlechter als im „Normalzustand“. Unter dem Mikroskop ist optisch kein Unterschied zu vorher auszumachen. Die Stammzellen sehen vollkommen erholt aus. Und dennoch sorgen sie für weniger Nachschub an Blut- und Immunzellen. Ein verändertes Differenzierungsprofil lässt sich ebenso nachweisen. Auf genetischer Ebene jedoch zeigen die Stammzellen selbst nach Wochen noch Anzeichen, die für Entzündungen typisch sind.

 

Dem Infektionshintergrund von Stammzellenspendern sollte noch mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden

Im nächsten Schritt möchten die Mediziner nun herausfinden, wie stark eine Virus-Infektion sein muss, damit sie die long-term-Stammzellen aus ihrem Dornröschenschlaf weckt und sogar noch weit über die akute Infektionsphase hinaus beeinflusst. Bis es dazu erste Ergebnisse gibt, empfehlen die Experten jedoch, in Zukunft den Infektionshintergrund von Stammzellspendern noch besser zu erfassen. Der Erfolg oder Misserfolg einer Stammzellentherapie kann letztlich auch davon abhängen.

 

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