Gefäßerkrankungen: Neue Therapien bei pAVK & TVT

Ärzte können die Schaufensterkrankheit und die tiefe Venenthrombose immer besser behandeln

Patienten mit Gefäßerkrankungen können aufatmen. Gute Nachrichten kommen aus dem medizinischen Fachgebiet der Angiologie: Es gibt bei sowohl bei Venenthrombosen als auch der Schaufensterkrankheit neue Therapien, die erstaunliche Erfolge erzielen können.

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Das menschliche Blutgefäß-System aus Venen und Arterien ähnelt sehr stark den Blattadern der Pflanzen. Es gibt große Hauptgefäße, die sich in immer kleinere Gefäße verzweigen, um auch die letzte Zelle mit Energie und Sauerstoff versorgen zu können. Kommt es im Gefäßsystem beispielsweise aufgrund von Arteriosklerose zu Verengungen, kann ein Thrombus entstehen. Die Tiefe Venenthrombose und die Schaufensterkrankheit bzw. das Raucherbein sind nur zwei Beispiele für Gefäßerkrankungen. Harmlos sind sie nicht, denn die möglichen Folgen heißen Herzinfarkt, Lungenembolie oder Schlaganfall.

 

Mitte September 2018 trafen sich Gefäßspezialisten aus ganz Deutschland für ihre Jahrestagung. Auf dem Kongress wurde eine Reihe von neuen Therapien bei Gefäßerkrankungen vorgestellt. Vor allem bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (kurz: pAVK) und bei tiefen Venenthrombosen (TVT) gibt es neue, vielversprechende Ansätze und eine Reihe von neuen Studienergebnissen.

 

Volkskrankheit Schaufensterkrankheit – Gefäßerkrankungen treffen viele

Gefäßerkrankungen sind eine heimliche Volkskrankheit. Experten schätzen die Zahl der Patienten mit „Schaufensterkrankheit“, wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit umgangssprachlich häufig bezeichnet wird, allein in Deutschland auf fünf Millionen Betroffene. Schmerzen und Schwellungen sind für die Patienten der tägliche Begleiter und schränken die Lebensqualität stark ein.

Gefäßspezialisten weisen nachdrücklich darauf hin, dass diesen Menschen deutlich besser geholfen werden könnte, wenn Standardtherapien und neue Therapieansätze gerade bei Gefäßerkrankungen öfters genutzt würden. Doch Tatsache ist, dass viele Gefäßerkrankungen leider noch immer viel zu spät erkannt werden. Die aus der zu späten Diagnose resultierenden Folgen sind alles andere als schön und harmlos. Es drohen aufgrund der Verengung von Blutgefäßen Schlaganfälle, Herzinfarkte und die Amputation der unteren Extremitäten. Nach Ansicht der Experten ließe sich vieles verhindern, wenn die Betroffenen sich gleich an einen Angiologen wenden würden. Seit Metier sind schließlich die Blutgefäße. Als Gefäßspezialisten kennen sich Angiologen am besten mit notwendigen Behandlungen und auch neuen Therapieverfahren bei Gefäßerkrankungen aus.

 

Angiologen kennen die besten Therapien und die größten Risikofaktoren

Gerade bei der Schaufensterkrankheit gibt es mittlerweile gute Therapien. Hier verursachen Durchblutungsstörungen in den Beinen die Beschwerden. Da sich die Blutgefäße verengt haben, kommt es zu Schmerzen in der Wade oder im Gesäßbereich, denn die Muskeln werden nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Prägt sich die Durchblutungsstörung weiter aus und verschließt sich eine Arterie dabei sogar vollständig, so haben die Patienten sogar in Ruhe und bei hochgelegten Beinen Schmerzen.

Die Durchblutung der Gefäße kann durch viele Risikofaktoren beeinträchtigt sein. Der größte aber beeinflussbare Risikofaktor ist das langjährige Rauchen. Bei Rauchern führte die periphere arterielle Verschlusskrankheit früher zum klassischen „Raucherbein“. Als weitere Risikofaktoren wurden Diabetes, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Gicht aber auch Stress identifiziert.

 

 

Mehrgleisige Behandlung bei Gefäßerkrankungen erforderlich

Angiologen setzen bei der Behandlung von Gefäßkrankheiten meist an mehreren Stellen gleichzeitig an. Zum einen müssen Risikofaktoren ausgeschalten werden. Das heißt für die Patienten: Sie müssen mit dem Rauchen aufhören und andere Grunderkrankungen wie Bluthochdruck oder Übergewicht in den Griff bekommen. Bei Diabetikern ist ein gut eingestellter Blutzuckerspiegel das A und O.

Sind die Risikofaktoren beseitigt, erfolgt unter Anleitung ein strukturiertes Gehtraining. So soll die Durchblutung der verbliebenen Gefäße verbessert werden. Die aktive Bewegungstherapie fördert einen Regenerationsprozess. Durch die Bewegung können sich nämlich um den Gefäßverschluss kleine Blutgefäße bilden und im Laufe der Zeit erweitern. Es entsteht ein sogenannter Umgehungskreislauf und die Versorgungssituation für das das umliegende Gewebe verbessert sich. Zeigt das Bewegungstraining nicht den gewünschten Erfolg, müssen andere Maßnahmen in Betracht gezogen werden.

 

Neue Therapien bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) im Überblick

Bei der Schaufensterkrankheit steht ein ganzes Arsenal an neuen Therapien zur Verfügung:

Neue Medikamente

Die COMPASS-Studie untersuchte an 27.000 Patienten den Wirkstoff Rivaroxaban. Er soll helfen, Thrombosen, also Gefäßverschlüsse, zu verhindern. Im Rahmen der Studie zeigte es sich, dass Rivarobaban in Kombination mit Acetylsalicalsäure (kurz: ASS oder besser bekannt als Aspirin) das Risiko für Schlaganfälle bei pAVK-Patienten um bis zu 42 Prozent senkt. Das Herzinfarktrisiko sinkt außerdem um 14 Prozent und die Gefahr von kardiovaskukären Todesfällen um 22 Prozent.

In der FOURIER-Studie wurde nachgewiesen, dass sogenannte PCSK9-Hemmer ebenfalls die Beschwerden der Schaufenster-Krankheit verbessern. Bei den PCSK9-Hemmern handelt es sich um eine neue Wirkstoffklasse. Sie soll die Konzentration des schädlichen LDL-Cholesterins absenken. Mittlerweile weiß die Wissenschaft, dass eine hohe Gesamtcholesterinkonzentration im Blut die periphere arterielle Verschlusskrankheit meist weiter verschlimmert.

 

Neue Katheter-Techniken

Mediziner konnten bislang Blutgefäße nur vom Oberschenkel aus erreichen. Dafür erfolgte eine Punktion der Leiste. Der Katheter wurde in ein großes Blutgefäß eingeführt und bis zur Engstelle vorgeschoben. Die neueste Generation von Kathetern ist sehr fein. Hier können verstopfte Blutgefäße auch über den Fuß oder den Unterschenkel erreicht werden. Dort ist der Durchmesser der Blutgefäße deutlich kleiner. Das weiterentwickelte Verfahren ermöglicht nun die Behandlung von noch mehr Patienten mit komplexen Gefäßverschlüssen.

 

Medikamentenbeschichtete Ballons

Über den Katheter kann auch ein Ballon bis zur Engstelle vorgeschoben und aufgepumpt werden. So lässt sich der Gefäßverschluss beseitigen, denn das Blutgefäß weitet sich. Bisher gab es das Problem, dass sich im Anschluss das Gefäß oft schnell wieder verschloss. Nun kommen medikamentenbeschichtete Ballons zum Einsatz. Der verwendete Wirkstoff Paclitaxel stellt sicher, dass das Blutgefäß dauerhaft offenbleibt.

 

Neue Stents

Bei vielen Patienten ist es erforderlich, dass die Gefäßverengung mit einem Metallgeflecht armiert wird. Die Armierung besteht aus einem speziellen Metallgeflecht und wird Stent genannt. Neu entwickelt wurden die sogenannten „Spot Stens“. Das sind einzelne, kleine Stents, die hintereinander in das Gefäß eingesetzt werden und es so offenhalten sollten. Bislang wurde ein längerer, durchgehender Stent verwendet. Doch diese langen Stents werden häufig zu sehr bei alltäglichen Bewegungen beansprucht. Sie können unter Umständen das Blutgefäß weiter schädigen. Die neuen Stents erlauben, dass sich der Patient viel besser bewegen kann und Bewegung ist gerade bei der Schaufensterkrankheit sehr wichtig, denn sie fördert die Durchblutung.

 

Stammzellen

Auch die Therapie mit Stammzellen kann die Durchblutung verbessern. Heute können dafür Plazenta-Stammzellen eingesetzt werden. Das Plazenta-Gewebe ist reich an Stammzellen und nach der Geburt eines Kindes nutzlos. Es wird in der Regel gemeinsam mit der Nabelschnur im Klinikmüll entsorgt. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, dass Frauen die Plazenta für medizinische Zwecke spenden. Dann werden die Stammzellen isoliert und hochgezüchtet. Anschließen können die „Alleskönnerzellen“ Patienten injiziert werden und dort bei Gefäßerkrankungen Reparaturprozesse ankurbeln.

 

Bei der tiefen Venenthrombose kommen verbesserte Stents zum Einsatz

Auf ihrer Jahrestagung diskutierten die Gefäßspezialisten jedoch nicht nur über neue Behandlungskonzepte bei der Schaufensterkrankheit. Sie informierten sich auch über neue Therapien bei tiefen Venenthrombosen (TVT). Nach dem Herzinfarkt und dem Schlaganfall belegt die tiefe Venenthrombose den dritten Platz unter den akut auftretenden kardiovaskulären Erkrankungen. Die Ursache hierfür ist ebenfalls die Verengung eines Blutgefäßes. In den allermeisten Fällen wird die „Verstopfung“ jedoch im Becken lokalisiert. Die Folge: Das Blut staut sich in den Beinen und es bildet sich ein Thrombus. Löst sich dieser Thrombus, so besteht akute Lebensgefahr. Wenn der Thrombus bis zur Lunge wandert, so droht eine Lungenembolie.

Auch hier besteht die Therapie darin, das Gefäß wieder durchlässig zu machen und die Verengung dauerhaft zu beseitigen. Dafür sind spezielle Venenstents erforderlich. Diese müssen sehr stabil sein, gleichzeitig aber auch äußerst flexibel, damit sie den Patienten bei Bewegungen nicht einschränken. Hierfür wird ebenfalls die Leiste oder die Kniekehle punktiert und der Stent bis zur Engstelle vorgeschoben. Die Prozedur erfolgt unter Röntgenkontrolle. Verläuft der Eingriff erfolgreich, so kann das Blut wieder ungehindert zum Herzen zurückfließen, denn die Verengung der Vene wurde beseitigt. Die Schwellungen und Schmerzen beim Patienten gehen zügig zurück.

 

Disclaimer
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