Fischöl in der Schwangerschaft

Fischölkapseln in anderen Umständen: Wundermittel oder nur ein gutes Geschäft?

Es ist richtig und verständlich, wenn sich Frauen in der Schwangerschaft darüber Gedanken machen, ob ihr Baby ausreichend mit allen notwendigen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien versorgt ist, um sich gut zu entwickeln. Von unterschiedlichsten Seiten wird ihnen empfohlen, regelmäßig bestimmte Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, um den eigenen Mehrbedarf zu decken, aber auch, um dem ungeborenen Baby beste Voraussetzungen mit auf den Weg zu geben. Bei einigen Stoffen wie zum Beispiel Folsäure, Eisen und Magnesium ist sowohl der Bedarf als auch der Nutzen erwiesen. Bei anderen Präparaten wird die Unsicherheit der werdenden Mutter und ihr Wunsch, alles richtig zu machen, ausgenutzt.

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Fisch enthält viele wertvolle Omega-3-Fettsäuren. Vor allem fetter Seefisch wie Markele, Hering oder Lachs. Schwangere sollten daher ruhig versuchen, zwei- bis dreimal pro Woche Fisch in den Speiseplan einzubauen. Sie brauchen aber keine zusätzlichen Fischölkapseln als Nahrungsergänzungsmittel.

 

Omega-3-Fettsäuren unter die Lupe genommen

Bei Folsäure zum Beispiel sind sich die Wissenschaftler einig, dass eine zusätzliche Einnahme in der Schwangerschaft sinnvoll ist, denn sie verhindert in der frühen Schwangerschaftsphase nachweislich Fehlbildungen. Weniger eindeutig ist dagegen das Beispiel der sogenannten Omega-3-Fettsäuren, die in fettem Fisch und eben in Fischölpräparaten enthalten sind. Es stimmt, dass Omega-3-Fettsäuren wichtig für die Hirnentwicklung sind, aber sind Nahrungsergänzungsstoffe in der Schwangerschaft der richtige Weg?

Angeblich sorgt die zusätzliche Einnahme von Fischölkapseln während der Schwangerschaft dafür, dass der Nachwuchs gesünder, schlanker und vor allem schlauer wird. Glaubt man dem bisherigen Tenor, wären die in Fischöl enthaltenen Omega-3-Fettsäuren ein wahres Wundermittel, mit dem sich viele Sorgen aus der Welt schaffen ließen: weniger Komplikationen in der Schwangerschaft, weniger Bildung von Fettgewebe bei den Kindern, eine verbesserte kognitive Entwicklung und eine verbesserte Hirnentwicklung, Schutz vor Kindbettdepressionen bei der Mutter, Schutz vor Allergien beim Kind und so weiter.

 

Ernüchternde Ergebnisse bei Fischölkapseln für Schwangere

Diesen Versprechungen sind nun Wissenschaftler der Technischen Universität München auf die Spur gegangen. Auch eine große angelegte Langzeitstudie des australischen National Health and Medical Research Council hat sich über mehrere Jahre mit dem Thema befasst – die Ergebnisse sind ernüchternd:

  • Im Rahmen der australischen Studie im Jahr 2010 nahmen 1.200 schwangere Frauen täglich Fischölkapseln mit 800 Milligramm Docosahexaensäure (DHA) und 100 Milligramm Eicosapentaensäure (EPA) ein. Eine gleichgroße Vergleichsgruppe erhielt Placebo-Präparate. Bei den Kindern beider Gruppen im Alter von 18 Monaten, 4 Jahren und 7 Jahren durchgeführte Untersuchungen ergaben keine Unterschiede in der kognitiven Entwicklung. Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass die Einnahme von Fischöl in der Schwangerschaft zu einem höheren IQ des Kindes führt.
  • Die gleiche australische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von Fischöl-Präparaten auch nicht vor Kindbettdepressionen schützt.
  • Der Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU München untersuchte mit seinem Team über den Zeitraum von einem Jahr die Babys von 200 Frauen, die in der Schwangerschaft entweder Fischölkapseln eingenommen hatten oder nicht. Ein Unterschied im Fettgewebe der Kinder konnte nicht festgestellt werden.
  • Die Forschervereinigung Cochrane Collaboration weist wiederum ein allgemein verringertes Allergierisiko von sich: „Insgesamt zeigten die Ergebnisse kaum eine reduzierende Wirkung der Omega-3-Supplementierung […] auf die allergischen Erkrankungen ihrer Kinder“.

 

Die einzigen statistisch nachgewiesene Wirkungen der Einnahme von Fischölpräparaten sind eine durchschnittliche Verlängerung der Schwangerschaft um einige Tage sowie ein im Durchschnitt höheres Geburtsgewicht der Babys. Dass die Babys mehr Gewicht auf die Waage bringen, sei jedoch nicht ausschließlich positiv zu bewerten, meinen Experten. Schließlich können schwerere Neugeborene für Mutter und Kind manchmal auch eine schwerere Geburt bedeuten. Wirklich überzeugend ist allein die Tatsache, dass bei Frauen, die in der Schwangerschaft Fischöl einnahmen, weniger Frühgeburten vor der 34. Schwangerschaftswoche vorkamen als in den Vergleichsgruppen.

 

Fazit: Nur in bestimmten Fällen notwendig

Die Studien legen nahe, dass eine allgemeine Empfehlung, während der Schwangerschaft zusätzliche Fischölpräparate einzunehmen, sich wissenschaftlich nicht vertreten lässt. Nur für Schwangere, die sich rein vegetarisch ernähren oder aus anderen Gründen gar keinen Fisch essen, so Prof. Hauner, empfehle sich eine Einnahme von Omega-3-Fettsäuren in geringer Dosierung. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) folgt dieser Ansicht. In allen anderen Fällen reiche es aus, ein bis zwei Mal in der Woche Fisch zu essen – schmeckt auch besser und lässt sich wunderbar vielfältig zubereiten!

 

Wussten Sie schon ...?

Der familien-gesundheits.de-Hinweis

Fischöl-Kapseln gelten als Nahrungsergänzungsmittel. Es besteht noch nicht einmal Apothekenpflicht. Die Präparate unterliegen daher lediglich dem Lebensmittelrecht und nicht dem wesentlich strengeren Arzneimittelrecht. Dieser Umstand hat sehr praktische Folgen: Der Gehalt einzelner Fettsäuren kann nicht nur einer Variation von Präparat zu Präparat unterliegen. Selbst innerhalb eines Präparates kann die Menge der enthaltenen Fettsäuren von Charge zu Charge variieren.

Fischöl wird übrigens aus den Abfallresten der Fischindustrie gewonnen.

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