Ethik bei Gentechnik & Stammzellenforschung

Neue Möglichkeiten in der Biotechnologie stellen Ethik auf den Prüfstand

Stammzellenforscher sind heute bereits in der Lage, in der Petrischale Mini-Organe zu züchten. Die sogenannten Organoide wachsen aus Stammzellen heran. In den letzten Jahren wurde in Fachzeitschriften darüber berichtet, dass Miniherzen, Minidärme und sogar Minigehirne erschaffen wurden. Die neuen Fortschritte in der Biotechnologie stellen jedoch auch ethische Grundprinzipien auf den Prüfstand.

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Wenn Gentechniker und Stammzellenforscher über die Zukunft sprechen klingt das verlockend: Sie wollen beispielsweise komplette Organe künstlich wachsen lassen, um so den Mangel an Spenderorganen zu begegnen. Auch sollen schwere, zum Tode führende Erbkrankheiten per Eingriff in die DNA geheilt werden – noch bevor sich die Eizelle in die Gebärmutter einnistet. Doch der Grat hin zum „blonden, blauäugigen, intelligenten Wunsch-Designer-Baby“ ist schmal. Das ruft Ethiker auf den Plan, die eine breite, gesellschaftliche Debatte bezüglich der Machbarkeiten und Grenzen der neuen Biotechnologie fordern.

 

Minigehirne entstehen aus Nervenzellen zu denen sich neuronale Stammzellen ausdifferenzieren

Gerade bei der Kultivierung von Mini-Gehirnen in der Petrischale stellt sich die Frage: Ab wann ist ein Zellhaufen kein reiner Zellhaufen mehr, sondern eine Persönlichkeit? Schließlich ist das Denkorgan die Steuerzentrale schlechthin. Hier laufen alle Gefühle, Steuerungsprozesse und Gedanken zusammen. Kinder stellen Stammzellenforschern gerne die Frage nach dem Schmerz: Können Minigehirne bereits Schmerz empfinden?

Dazu muss man wissen, dass sich die Minigehirne aus Nervenzellen entwickeln, die sich selbst zu Gehirnstrukturen organisieren. Die Nervenzellen entstehen, indem sich neuronale Stammzellen beginnen, auszudifferenzieren. Die Minigehirne funktionieren zwar ganz ähnlich wie Gehirnstrukturen. Doch befinden sich die Organoide in einem so frühen Entwicklungsstadium, dass komplexe Aufgaben wie Schmerzempfindung und Schmerzweiterleitung noch nicht bewältigt werden können. Die Minigehirne wachsen auch nur bis zu einer gewissen Größe, dann stoppt das Wachstum von allein. Man darf sich so ein Organoid auch nicht als riesigen, bereits gehirnähnlich aussehenden Zellhaufen vorstellen. Die Zellmasse ist wesentlich kleiner als das, was üblicherweise bei der Entfernung eines Gehirntumors an Gewebe entnommen wird. Für das Empfinden von Schmerz wird außerdem ein Bewusstsein benötigt.

 

Ab wann entsteht Bewusstsein? Ab wann besitzt ein Embryo Menschenrechte? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Ethiker auf der ganzen Welt

Ab wann ein Embryo ein Bewusstsein hat, darüber debattieren Wissenschaftler seit vielen Jahrzehnten. In bioethisch liberalen Ländern liegt die Obergrenze für die Embryonenforschung bei 14 Tagen. Bis zu diesem Entwicklungsstadium dürfen die Forscher an Embryonen die Embryogenese studieren. Die Embryonen für Forschungszwecke stammen meist aus künstlichen Befruchtungen. Dort werden in der Regel mehr Embryonen erzeugt als benötigt. Die überzähligen Embryonen können die Eltern aufbewahren oder der Forschung spenden.

Ist der Embryo 14 Tage alt, wird ihm das Potenzial zugesprochen, dass sich aus ihm ein Mensch entwickelt. Er genießt ab dann Menschenrechte. Der Schutz des Lebens steht bei fast allen Staaten der Welt in den Verfassungen ganz weit oben. Einzelne Gesetze wie z. B. in Deutschland das Embryonenschutzgesetz (EschG) oder das Stammzellgesetz (StZG) orientieren sich an den in der Verfassung verankerten Leitgedanken und geben die gesetzlichen Rahmenbedingungen vor.

 

Schöne neue Welt? Aus IPS-Zellen könnten eines Tages komplette Embryonen gezüchtet werden

Forscher können mittlerweile ausdifferenzierte Körperzellen zu quasi-embryonalen Stammzellen reprogrammieren. Das Verfahren wird als „Gewinnung von induzierten, pluripotenten Stammzellen“ (IPS-Zellen) bezeichnet. Die umgewandelten Stammzellen lassen sich zu einer Vielzahl von Zelltypen ausdifferenzieren. Forschern ist es bereits gelungen, dass sich die IPS-Zellen zu einem Embryo-artigen Minikörper weiterentwickeln. Im Fachjargon heißt dieses per Tissue Engineering erzeugte Gewebe „synthetische menschliche Einheiten mit embryonalen Eigenschaften“.

Hinter den Experimenten stecken durchaus therapeutische Zwecke. Denn in Zukunft sollen Organe im Labor heranwachsen und als Ersatz für kaputte Organe von Patienten dienen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aktuell werden allerdings bereits medizinische Tests mit gezüchtetem Körpergewebe durchgeführt, um so frühzeitig zu sehen, ob neuentwickelte Medikamente gut verträglich sind oder schwere Nebenwirkungen haben.

 

Moderne Stammzellenforschung und Gentechnik loten beständig Grenzen neu aus

Die Möglichkeiten der heutigen Biotechnologien sind riesig. Doch darf alles, was möglich ist, auch tatsächlich ausprobiert werden? Wo sind Grenzen? Mit diesem Fragen beschäftigen sich Bioethiker.

Die Genschere CRISPR eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Mit ihr sind Eingriffe in die Keimbahn möglich, bevor menschliches Leben überhaupt entsteht. Hier kann das Erbgut gezielt verändert werden. Es klingt verlockend, denn so lässt es sich vermeiden, dass Eltern schwere, vererbbare Krankheiten an ihren Nachwuchs weitergeben. Erbkrankheiten, die zu schwersten Behinderungen oder zum Tod führen, wären damit Geschichte. Doch auch das gezielte Fördern von gewünschten Eigenschaften wie z. B. blaue Augen, blonde Haare oder hohe Intelligenz ließen sich damit umsetzen. Der Grat hin zum „auf Wunsch optimierten Designer-Baby“ ist schmal.

In Deutschland und Österreich ist das Eingreifen in die Keimbahn per Gesetz verboten. Doch in anderen Ländern sind solche Experimente möglich und werden bereits durchgeführt. Jüngst sorgten chinesische Forscher für Aufsehen in der Fachwelt. Sie berichten, dass sie Korrekturen im Erbgut von lebensfähigen Embryonen vorgenommen hätten. In den USA gibt es eine Allianz von Wissenschaftlern und damit die Forderung, die Möglichkeiten für die Gentechnik weiter zu öffnen, um auch hier Versuche für Keimbahntherapien zu ermöglichen. Die amerikanischen Wissenschaftler haben Angst, den Anschluss an ihre Kollegen aus Ländern mit liberaleren Gesetzen zu verlieren.

 

Der Grat zwischen „Designer-Baby“ und „Verhinderung von schwersten Erbkrankheiten“ ist schmal

Sollte die Forschung erfolgreich sein und sich für manche Krankheiten als nützlich erweisen, prophezeien Experten eine schnelle Akzeptanz der Technik. Ethiker fordern daher seit langem, intensiv über die Vorteile und Nachteile der Möglichkeiten der neuen Techniken nachzudenken und als Gesellschaft eine konsensfähige Haltung dazu zu entwickeln. Passiert dies nicht, so drohen auch in Europa langfristig Wettbewerbsnachteile. Nur eine mögliche Folge von vielen: Weniger Arbeitsplätze in der Spitzenmedizin entstünden, was gleichzeitig bedeutet, dass sich die schlauesten Köpfe des Wissenschaftsgebietes umorientieren und in anderen Ländern die Forschung vorantreiben.

In Deutschland zeigt sich ein gespaltenes Bild: Obwohl Eingriffe in die Keimbahn nicht grundsätzlich abgelehnt werden, gibt es doch große Bedenken im Hinblick auf die Genschere und die Embryonenforschung.

Viele Stammzellenforscher sehen die Aktivitäten der Gentechnik-Kollegen kritisch. Bereits heute ließen sich Erbkrankheiten in einem sehr frühen Stadium entdecken und durch die Präimplantationsdiagnostik (PID) ausschalten. Diese kann bei der künstlichen Befruchtung zum Einsatz kommen. Kranke Embryonen werden dann einfach nicht eingesetzt. Die Schwangerschaft kann somit nicht starten.

Intelligentere Menschen können eh nicht erschaffen werden, denn es gibt kein „ Intelligenz-Gen“. Die Evolution allein hat den Mensch bereits ziemlich perfekt optimiert. Die neuen Möglichkeiten in der Stammzellenforschung und Gentechnik markieren zwar erst den Anfang eines langen Weges, dessen Ende derzeit noch nicht absehbar ist. Sie stellen doch bereits heute grundlegende Annahmen wie beispielsweise „Ab wann ist der Mensch ein Mensch?“ oder „Was macht den Menschen aus?“ in Frage. Diesen Diskussionen müssen sich Ethik, Wissenschaft und Gesellschaft stellen. Sie auf die „lange Bank zu schieben“, bringt nichts. Problem lassen sich durch Ignorieren schließlich nicht lösen.

 

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