Cyberchondrie

Dr. Google kann keinen Arztbesuch ersetzen

Die Nase juckt. Gleichzeitig kribbelt der Zeh und dann rumort es auch noch im Bauch: Ist das alles noch normal oder steckt irgendetwas ernsthaftes dahinter? Viele Menschen, die auf ihre Gesundheit achten, horchen in sich hinein und nehmen daher einzelne „Auffälligkeiten“ bewusster wahr. Da das Internet heute allgegenwärtig ist, sind die Menschen auch nur einen Klick davon entfernt, die vermeintlichen Symptome schnell zu googeln, anstatt sich in ein überfülltes Wartezimmer zu setzen. Dort läuft man ja eh nur Gefahr, sich etwas Ernstes einzufangen – so die gängige Meinung.

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Smartphone und Internet sind allgegenwärtig. Der Zeh schmerzt, die Nase kribbelt – also flugs die Symptome gegoogelt. Doch die Selbstdiagnose per Internet ist nicht ungefährlich. Die Suchergebnisse der Suchmaschinen ersetzen keinen Arztbesuch. Die Gefahr besteht in der falschen Selbstmedikation aufgrund der falschen Eigendiagnose. Wird aus der Erkältung dank Dr. Google plötzlich ein Hirntumor, sprechen Experten von der Cyberchondrie.

 

„Dr. Google“ erfüllt auch prompt das Informationsbedürfnis und liefert zu den eingegebenen Keywords die entsprechenden Suchtreffer aus. Hier wird ein Pülverchen empfohlen, dort das Mittelchen beworben und zum dem Gerät gibt es auch gleich noch Tipps für die Anwendung. Das geht schnell. Das ist bequem. Doch Wissenschaftler warnen: Die Ergebnisse von Suchmaschinen sind oft irreführend. Sie können bisweilen mehr schaden als nutzen. Im schlimmsten Fall führt das Googeln von Symptomen zur Cyberchondrie, dem Einbilden von schweren Krankheiten dank des Internets.

 

Fälle von Cyberchondrie steigen an

Die Diagnose Cyberchondrie ist auf dem Vormarsch, denn Dr. Google hat an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geöffnet. Ein internationales Team von Wissenschaftlern aus Österreich und Australien warnt vor den Gefahren der Selbstdiagnose via Internet. Für eine Studie untersuchten sie die Suchergebnisse, wenn ein Internetnutzer zwecks Selbstdiagnose nach Symptomen suchte. Die Experten befanden lediglich drei der ersten zehn präsentierten Suchergebnisse für hilfreich. Sieben von zehn ausgelieferten Informationen schätzen sie als irrelevant ein. Sie könnten zu einer falschen Selbstdiagnose und entsprechend falscher Selbsttherapie führen. Die Forscher warnen daher vor den Gefahren für die eigene Gesundheit.

Federführend für die Studie war die Queensland University of Technology. Die Forscher zeigten den Studienteilnehmern Bilder von Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern: Gelbsucht, Haarausfall und Schuppenflechte. Im Anschluss sollten die Probanden nach den Krankheiten suchen. Diese gaben dazu die beobachteten Symptome in die Suchmaschine ein. Die Forscher wollten herausfinden, ob die Probanden eigenständig zur richtigen Diagnose gelangten. Unter den eingegebenen Suchbegriffen für die Gelbsucht befanden sich Schlagworte wie „gelbe Augen“, „Augenkrankheit“ oder „weißer Teil des Auges ist grün“.

 

Cyberchondrie extrem: Dr. Google macht aus der Erkältung einen Gehirntumor

Die Studienteilnehmer hangelten sich so von Suchwort zu Suchwort. Doch genau hier liegt ein zweites Problem der Selbstdiagnose via Internet und Suchmaschinen. Die Sorge um die eigene Gesundheit kann durch die Suche im World Wide Web extrem gesteigert werden. Der dafür geprägte Fachbegriff heißt „Cyberchondrie“. Er setzt sich aus den Worten „Cyber“ und „Hypochondrie“ zusammen. Als Hypochondrie beschreiben Experten die übertriebene Angst, eine Krankheiten zu haben, obwohl ärztliche Untersuchungen ohne Befund geblieben sind. Als Cyberspace werden alle künstlichen Räume unter anderem auch das Internet beschrieben.

Der User, der letztlich bei Google nach den Symptomen für eine starke, aber nicht wirklich gefährliche Erkältung sucht, landet nach wenigen Klicks bei Seiten, die sich mit dem Thema „Gehirntumor“ befassen. Cyberchondrie könnte demnach dazu führen, dass die Erkältungssymptome fälschlicherweise für Krankheitsanzeichen für einen Gehirntumor gedeutet werden.

Die Forscher sehen für diese Entwicklung zwei Ursachen. Der Internetnutzer geht mit seinen persönlichen Vorstellungen also mit seiner Selbstdiagnose als mündiger Patient ins Internet. Er hat bereits eine Suchhistorie. Suchmaschinen werten die Ergebnisse anhand von Algorithmen aus, die bestimmte Kriterien von Websites entsprechend gewichten, aber auch die Interessen des Users berücksichtigen. Üblicherweise erregen Seiten, die sich mit dem Thema Gehirntumor befassen, im Web mehr Aufmerksamkeit als Seiten über „Allerweltskrankheiten“ wie Grippe und Erkältung. Aufgrund ihrer Popularität werden Hirntumor-Seiten von Suchmaschinen besser gerankt und der gesundheitsaffine User wird eher auf sie aufmerksam.

 

Medienkunde beugt Cyberchondrie vor

Die Forscher möchten für das Thema Cyberchondrie stärker sensibilisieren. Die Internetnutzer und Patienten müssen die Arbeitsweise von Suchmaschinen kennen, um die Fülle der gelieferten Informationen bewerten zu können. Das Internet ist sicherlich eine gute Möglichkeit, um sich ausführlich über bereits bekannte und entsprechend diagnostizierte Krankheiten zu informieren. Anhand von Symptomen eine korrekte Selbstdiagnose zu stellen, ist mit Suchmaschinen kaum möglich. Die Gefahr, dass Patienten eine ausgeprägte Cyberchondrie entwickeln, ist allgegenwärtig und sehr real. Die Experten raten daher: Plagt Sie das nächste Mal ein Zipperlein, von dem Sie nicht genau wissen, ob es eine ernste Gefahr für Ihre Gesundheit darstellt: Gehen Sie zum Arzt. Fragen Sie nicht Dr. Google. Sonst fangen Sie sich eine Cyberchondrie mit schweren Folgen ein: Sie fühlen sich „kränker“ als krank und so etwas kann tatsächlich ernsthafte, gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen.

 

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