Broken-Heart-Syndrom mit Hilfe von Stammzellen entschlüsselt

Großer emotionaler Stress belastet das Herz

Großer Kummer kann die Herzfunktion massiv beeinflussen. Früher hieß es oftmals „Er bzw. sie ist am gebrochenen Herzen gestorben“. So falsch war die gewählte Metapher nicht, denn es ist durchaus möglich, dass sie medizinische Realität wird.

© Modman / pixabay.com

Das Herz ist ein Muskel, der eigentlich nicht so einfach entzwei brechen kann. Doch massiver emotionaler Stress kann die Herzfunktion so stark beeinträchtigen, dass Herzinfarkt-ähnliche Symptome auftreten: Luftnot, Schmerzen in der Brust sowie Veränderungen im EKG. Obwohl die Herzkatheter-Untersuchung keinen Verschluss der Herzkranzgefäße feststellen kann, ist die Herzgesundheit massiv in Gefahr. Todesursache: Broken-Heart-Syndrom. Aus Stammzellen gezüchtete Herzzellen zeigten Medizinern nun die Signalwege, sodass in Zukunft hoffentlich bald eine Therapie für die Stress-Kardiomyopathie zur Verfügung steht.

 

Erst seit Anfang der 1990er Jahre kennen Mediziner das Krankheitsbild „Broken-Heart-Syndrom“. Auf die Spur der Erkrankung kamen die Ärzte durch ältere Frauen, die plötzlich ihren Mann verloren hatten und daher in große existenzielle Nöte gerieten. Dieser Verlust löste bei ihnen nicht nur großen Stress, sondern auch schwere Herzprobleme aus – mit mitunter tödlichen Folgen. Auch wenn der Auslöser oftmals ein kurzfristiges Stress-Ereignis ist, kann die Erkrankung langfristig zu Herzschäden führen. Daher wollten Forscher die Ursachen der Symptome erforschen, um einen Behandlungsansatz zu finden.

 

Seelische Belastung kann zu Stress und der wiederum zu Herzinfarkt-ähnlichen Symptomen

Starke seelische Belastung kann zu Schmerzen in der Brust, Luftnot und sogar zu erhöhten Herzenzymwerten im Blut führen. Im EKG zeigen sich auffällige Veränderungen in der Herzstromkurve. Alle Symptome sprechen zunächst für einen Herzinfarkt – jedoch lässt sich bei der Herzkatheder-Untersuchung keine Engstelle in den Herzkranzgefäßen und damit eine Minderversorgung mit Sauerstoff nachweisen. Der Herzmuskel verkrampft sich stressbedingt, weswegen es zu den schweren Symptomen kommt. Geschätzte zwei von 100 mit Verdacht auf Herzinfarkt eingelieferten Patienten leiden tatsächlich unter dem Broken-Heart-Syndrom – einer ebenfalls lebensbedrohlichen Funktionsstörung des Herzens. Sie ist auch unter dem Namen Takotsubo-Syndrom (TTS) bekannt. An besonders stressanfälligen Tagen wie Weihnachten, Silvester oder dem Valentinstag, wo es eigentlich besonders harmonisch zugehen soll und es doch schnell Streit geben kann, dürfte die Quote sogar weitaus höher liegen.

Die schweren Symptome treten nach einer starken seelischen Belastung wie einem Sterbefall oder der Trennung in einer langjährigen Partnerschaft auf. Betroffen sind oftmals Frauen nach der Menopause. Bislang wussten die Mediziner recht wenig darüber, welche Prozesse zur Erkrankung führen und welche Behandlungsmöglichkeiten dagegen helfen.

 

Aus induzierten, pluripotenten Stammzellen gezüchtete Herzzellen ermöglichen Entschlüsselung von Signalwegen beim Broken-Heart-Syndrom

Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) wollten dies ändern und untersuchten daher das Krankheitsbild mit Hilfe von Stammzellen genauer. Die Erkenntnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift JACC (Journal of the American College of Cardiology). Im Rahmen ihrer Untersuchungen gelang es dem Team, neue Signalwege zu identifizieren. Die Daten sprechen auch dafür, dass es eine genetische Prädisposition gibt. Ihre Erkenntnisse gewannen die Göttinger Forscher, indem sie die Stammzellen von an „Broken-Heart-Syndrom“ erkrankten Patienten nutzten, um aus ihnen schlagende Herzzellen zu züchten. Sie reprogrammierten aus Haut- und Blutproben gewonnene adulte Körperzellen so um, dass sie quasi pluripotente Eigenschaften haben und damit den Stammzellen sehr ähneln. Auch sie können sich wieder in eine Vielzahl von unterschiedlichen Zelltypen entwickeln. In der Nährlösung in der Petrischale entstanden dank entsprechender Wachstumsfaktoren aus den sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (IPS-Zellen) Herzzellen.

 

Höhere Sensitivität für Stresshormone sowie erhöhte Signalweiterleitung sind typisch für das Krankheitsbild

Die Identifizierung der bisher unbekannten Signalwege ist ein wichtiger Meilenstein, um neue Therapieverfahren entwickeln zu können. Die in der Petrischale aus den Stammzellen hergestellten Herzzellen konnten direkt die Takotsubo-Kardiomyopathie auf patientenspezifischer Ebene sichtbar machen und die molekularen Mechanismen aufdecken.

Die aus den Stammzellen hergestellten Herzzellen von Broken-Heart-Syndrom-Patienten weisen einerseits eine erhöhte β-adrenerge Signalweiterleitung auf. Anderseits gibt es eine um den Faktor sechs gesteigerte Sensitivität für Katecholamine, wie Stresshormone im Mediziner-Deutsch ebenfalls genannt werden. Die Kombination dieser beiden Mechanismen ist typisch für das Broken-Heart-Syndrom und hilft, Betroffene schneller zu identifizieren.

Mit ihrer Studie konnten die Wissenschaftler aus Göttingen ebenfalls die Annahme bestätigen, dass es eine genetische Komponente für die Herzerkrankung geben muss, denn es wurde für das Broken-Heart-Syndrom eine familiäre Häufung festgestellt.

 

Namensgeber: Eine Tintenfischfalle, die an die typische Verformung des Herzens erinnert

Das Ziel der Wissenschaftler aus Göttingen ist klar umrissen: Sie wollen zunächst die genetischen Faktoren für die Vorbelastung identifizieren und im nächsten Schritt Behandlungsmethoden entwickeln, die auf lange Sicht den Ausbruch der Krankheit und damit die Beschwerden verhindern.

Das Krankheitsbild ist längst nicht so gut erforscht wie andere Herzkrankheiten. Erstmals beschrieben wurde die Erkrankung von den japanischen Medizinern Keigo Dote und Hikaru Sato. Sie erfanden den Begriff „Takotsubo-Syndrom“. Namensgeber war eine in Japan genutzte Tintenfischfalle in Form eines ausgebuchteten Tonkrugs mit verengtem Hals. Als Folge der Durchblutungsstörung kommt es beim Broken-Heart-Syndrom zu einer Verformung der linken Herzkammer am Ende der Systole. Durch den Stress verengt sich die Hauptschlagader – das hat dramatische Folge: Das Blut kann nicht mehr richtig abfließen. Die Herzspitze beult sich ballonartig aus, daher wird bei der Stress-Kardiomyopathie auch von „transiente linksventrikuläre apikale Ballonierung“ gesprochen

Diese charakteristische Form erinnerte die japanischen Ärzte an die Tintenfischfalle. Obwohl keine Verschlüsse der Herzkranzgefäße nachweisbar sind, erleiden fast 25 Prozent der Patienten beim Takotsubo-Syndrom ernsthafte Komplikationen bis hin zur Todesfolge. Der Verlust eines geliebten Menschen, durch den die gesamte Existenz ins Wanken gerät oder großer emotionaler Stress aufgrund von Mobbing kann also tatsächlich zu einem gebrochenen Herzen führen.

 

Disclaimer
familien-gesundheit.de stellt ausschließlich Beiträge für Informationszwecke bereit. Die Hinweise und Informationen sind nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Sie ersetzen kein persönliches Gespräch, keine professionelle Beratung, keine individuelle Untersuchung oder fachkundige Behandlung durch ausgebildete und anerkannte, im Gesundheitswesen tätigte Experten wie z. B. Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Physiotherapeuten.