Bei Männern nimmt die Zahl der Spermien ab

Anzahl der männlichen Samenzellen im Sinkflug

Männer in westlichen Ländern haben ein ernsthaftes Problem – zumindest, wenn es um die Fortpflanzung geht: In ihrem Ejakulat befinden sich immer weniger Spermien, wie die männlichen Samenzellen genannt werden. Über die Gründe können Forscher derzeit nur rätseln. Unter Verdacht stehen das allzeit bereite Handy in der Hosentasche, der Nikotinkonsum oder bestimmte Medikamente.

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Der Beginn des Wunders des Lebens ist gleichzeitig das Ende eines Wettrennens: Das fitteste und schnellste Spermium erreicht die befruchtungsfähige Eizelle und verschmilzt mit ihr. Doch beim Menschen könnte die Fortpflanzung in Gefahr geraten, denn bei westlichen Menschen nahm die Anzahl der Spermien im Ejakulat in den letzten Jahrzehnten dramatisch ab. Die Gründe dafür sind bislang unbekannt.

 

Zahl der Spermien im Ejakulat um die Hälfte gesunken

Forscher untersuchten nach einem Samenerguss das Ejakulat von Männern aus Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland. Zwischen 1979 und 2011 ging die Zahl der Spermien dramatisch zurück. Es wurden in den festgelegten Volumen 52,4 Prozent weniger Spermien gezählt.

Die Gesamtanzahl an Samenzellen pro Samenerguss soll sogar um 59,3 Prozent, also fast zwei Drittel, abgenommen haben. Ihre Erkenntnisse veröffentlichen die Mediziner von Hebrew University in Jerusalem (Israel) im Fachjournal „Human Reproductive Update“.

 

Metastudie untersucht Spermienzahl aus aller Welt

Für Asien, Afrika oder Südamerika konnten die Forscher allerdings keinen statistisch bedeutsamen Rückgang nachweisen.

Für ihre Untersuchung werteten die israelischen Wissenschaftler bereits vorliegende Studien aus. 185 Studien flossen in die Metastudie ein. Insgesamt umfasst die Dokumentation 244 Spermienzählungen. Die Daten von 43.000 Männern ohne bekannte Vorerkrankungen wurden somit ausgewertet. Fast ein Drittel – genau 28 Prozent – der Proben stammen aus Entwicklungs- und Schwellenländern.

 

Im Schnitt enthält das Ejakulat 47 Millionen Spermien

Die Studie belegt eindeutig, dass es zwischen den 1970er und den späten 1990er Jahren zu einer konstanten und vor allem signifikanten Abnahme der Spermienzahl gekommen ist. Doch Experten beruhigen, dass sich die Zahlen dennoch in einem Bereich bewegen, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch für normal ansieht. Daher bestünde kein Grund zur Panik.

Reproduktionsmediziner gehen davon aus, dass erst bei weniger als 15 Millionen Spermien pro Milliliter Ejakulat Probleme entstehen und es zur Unfruchtbarkeit kommt. Die derzeitige Spermienzahl liegt im Schnitt bei 47 Millionen. Die Daten aus Israel deuten außerdem daraufhin, dass sich die Entwicklung in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stabilisierte, sodass der Schwund gestoppt sein könnte. Am Ende braucht es für eine erfolgreiche Befruchtung nur einen einzigen Sieger im Wettrennen um die Eizelle. Über die Agilität und Fitness der Spermien kann die Metastudie übrigens keine Aussagen machen.

 

Faktoren für die abnehmende Spermienproduktion weitgehend unbekannt

Dennoch nehmen Experten die Studie ernst, denn aus den vorliegenden Daten lassen sich womöglich auch andere beobachtete Trends erklären. Am Biomedizininschen Centrum der Ludwig-Maximilians-Universität in München beobachtet man beispielsweise Hodenkrebs oder Lageanomalien des Hodens.

Hierfür müsse man nach Ursachen suchen, ohne falschen Rückschlüssen aufzusitzen. Ganz offensichtlich hat sich für westliche Männer in den letzten 20 Jahren etwas geändert, das Einfluss auf die Reproduktionsfähigkeit nimmt.

Beides – sowohl der Apparat zur Spermienproduktion als auch der dahinterstehende Prozess wie aus primordialen Stammzellen reife Geschlechtszellen werden – sind sehr empfindlich. Der westliche Lebensstil aber auch andere Umweltbedingungen könnten einzelne Stellschrauben beeinflussen. In der Forschergemeinde sorgt es für leichte Nervosität, dass über die Faktoren bislang nur spekuliert werden kann: Möglicherweise werden Männer in Industrienationen mit zu viel nackter, weiblicher Haut konfrontiert, sodass der Hypothalamus die Informationsflut nicht verarbeitet bekommt. Oder die Windeln sind zu eng, sodass sich zu viel Hitze staut. Was zunächst lustig bis kurios klingt, sind durchaus ernsthafte Überlegungen, denn man weiß beispielsweise, dass sich die Sitzheizung im Auto negativ auf die Spermienqualität auswirkt.

Auch einige Medikamente wie Aspirin oder Paracetamol stehen im Verdacht, auf Stammzellen einzuwirken – ob zum guten oder schlechten sei zunächst dahingestellt. Selbst Mobiltelefone, die meist nah am Körper in den Hosentaschen getragen werden, könnten einzelne Organe schädigen. All das wird bislang in Fachkreisen lediglich als Möglichkeiten diskutiert. Genau erforscht sind bislang die wenigsten Faktoren – allenfalls das Rauchen. Hier weiß man sehr genau, dass Zigarettenqualm und Nikotin den Spermien nicht guttun.

 

Reproduktionsprobleme gibt es auf beiden Seiten: Bei Männern und Frauen

Wenn die Menschheit aussterben sollte, so liegt das nicht nur allein an den „Herren der Schöpfung“. Die größere Sorge der Reproduktionsmediziner in den Industrienationen gilt den Frauen. Sie bekommen immer später Kinder – verbunden mit weitreichenden gesundheitlichen Problemen und Konsequenzen für die Fortpflanzung.

 

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